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"Big Bad Wolf - Er wird dich zerfleischen" (USA 2006, Note 1), Regie: Lance W. Dreesen, Darsteller: Trevor Duke-Moretz, Kimberly J.Brown (aus den HalloweenTown-Filmen), Richard Tyson, Sarah Aldrich. Das ist mal ein wirklich moderner, zeitgemäßer Werwolf-Film. Hier wird frech und ohne Rücksicht auf die Beachtung lahmer Gepflogenheiten einfach das volle Kanne präsentiert, was unterhaltsam ist. Dabei besteht der Film aus 4 unterschiedliche langen Abschnitten.
Es beginnt mit einer Jagd nachts im verregneten Wald, bei der ein großer, gräßlich aussehender Werwolf (diese auf fies gemachte Maske, die etwa zur Hälfte Mann und zur Hälfte Wolfsungeheuer ist, wird uns den ganzen Film über begleiten) die Teilnehmer brutalst dezimiert. Der komplette Film geht nie zimperlich vor was sich zum Ende der 95 Minuten immer mehr steigert. Alles deutlich und ohne kameratechnische Zurückhaltung in Szene gesetzt. Da werden Beine ausgerissen, Bäuche aufgeschlitzte, Gebissen, gekratzt, Köpfe abgerissen und vergewaltigt.
Da sind wir auch schon bei einem Punkt, der den steifen Horror-Reinerhaltern wieder mal quer runtergehen wird: Der Werwolf tötet nicht nur, er vergewaltigt auch mal zwischendruch ein Opfer, und er spricht auch in seiner wolfsgestalt. Besonders letzteres ist eine absolute Neuheit und durch die gemein-zynische Art des bösen Wolfes ist es nicht störend, sondern setzt seiner ohnehin üblen Art noch einen drauf. Auch dies kurzen Sexeinlagen sind keineswegs deplatziert, sondern passen erstens zu der tierischen Art, denn Tiere sind nur von Freßtrieb und Paarungstrieb gesteuert, und zweitens passen sie auch zu dem Menschen, der auch ohne Werwolf-Verwandlung ein rabiater, schwanzgesteuerter Macho der widerlichsten Sorte ist.
Nach dem kurzen Teaser-Auftakt mit der Jagd gibt es einen Zeitsprung von mehreren Jahren. Es wird eine Gruppe von 6 jungen Leuten gezeigt, die zu einer entlegenen Waldhütte fahren, um dort die Sau rauszulassen. Da sie auch sofort als die üblichen Klischee-Figuren zu erkennen sind (großmäulige Kerle in Bier-und-Sex-Laune, arrogante Schulschönheiten, ein artiger Looser-Außenseiter und das nette Mädchen, was er mag) befürchtet der erfahrene Filmzuschauer, daß nun über 90 Minuten ein langweiliges, bis ins Details vorhersagbares Einer-nach-dem-Anderen-wird gefressen losgeht. Aber so blöd ist "Big Bad Wolf" nicht...Die gesamte Handlung in der Waldhütte ist in 20 Minuten abgehandelt, die fiesen Großmäuler gekillt und die beiden netten Leute entkommen. Erstaunlich dabei: Diesmal ist nicht die Jungfrau die Überlebende, sondern die Jungfrau war die schönste und arroganteste Zicke, die dann gekillt wird, während die Überlebende Sam eine rauhe Kfz-Mechanikerin ist, die schon mit einigen Kerlen gevögelt hat und so gar nicht dem üblichen Final Girl entspircht. Sehr gut gespielt von Kimberly J.Brown. Ihr zarter Looser-Kumpel Derek hat einen fiesen Stiefvater Mitch, der seine Mutter und ihn schlecht behandelt. Er ist der Werwolf, denn es war ja auch seine Jagdhütte.
Nun in Abschnitt 3 spielt in normaler städtischer Wohngegegen u.a. im chicken Haus der Familie und widmet sich einer kriminalistischen Ermittlung der beiden jungen Leute mit seinem Onkel Charlie, ob man dem Stiefvater nachweisen kann, daß er die jungen Leute umgebracht hat und daß er ein Werwolf ist. Diese halbe Stunde hat die Qualitäten von Filmen wie "Disturbia" und "Fenster zum Hof", auch wenn man bei "Big Bad Wolf" natürlich nicht Hitchcocks Meisterwerke erreicht. Aber spannende Unterhaltung mit einigen Thrill-Szenen gibt es. Die Spannung erwächst, wie bei "Fenster zum Hof" nicht daraus, daß man sich fragt, WER es ist, sondern daraus, WIE man es ihm nachweisen kann, ohne bei den Nachforschungen von ihm erwischt und ermordet zu werden. Auch dabei ist der Film wieder frech. Wenn Sam vom brutalen Mitch beim Stöbern in seinem Haus erwischt wird, dann bläßt sie ihm einen, um ihr Leben zu retten - und gleichzeitig den Samen für eine DNA-Analyse zu bekommen. Ein Film, der sich nicht scheut auch mal unanständige Dinge zu bringen, hat gleich viel mehr Variationsmöglichkeiten. Es wird auch nicht pornographisch gefilmt, also alles seriös inszeniert, aber eben inhaltlich richtig respektlos dreist.
Abschnitt 4 ist das große Finale, bei dem der Werwolf über 8 Menschen in der Hütte herfällt. Das geht mal wieder richtig derbe blutig zu, wie in Abschnitt 1 + 2, sogar noch ne Schippe drauf. Die Bekämpfung des Ungeheuers ist hervorragend und hart gestaltet. Da hat man alles, was das Herz begehrt: Horror, Action, Nervenkitzel, Zynismus und eine winzige Preise Humor, aber der Film ist trotz leichter Ironie hier und da KEINE Komödie.
Die Darsteller spielen alle gut, gerade auch der Widerling als Werwolf/Stiefvater, aber auch die jungen Leute und die Mutter.
Die Musik ist mit einigen guten Songs bestückt, besonders der im Abspann "Shelter".
Einige kleine Klischees und Dummheiten nerven, z.B. wenn sich Leute in einem Raum verstecken, der nur durch eine dünne Tür von dem anderen Raum getrennt ist, wo ein gefährlicher Verbrecher steht, warum reden sie dann realtiv laut? Oder das schon oft Gesehene: Eine ist in Angst in einem Zimmer, wo man sich vor dem Ungeheuer verschanzt, aber anstatt in der Mitte des Raumes bei den anderen zu bleiben, weicht sie rückwärts an die Tür zurück und wird prompt durch die Tür von dem Monster zerfetzt. Solche Dinge braucht man eigentlich nicht, ABER der Film bricht mit so vielen anderen Klischees und bietet ein solches Pfund an pfiffigen Ideen, daß man ihm die fünf kleinen Schwachstellen verzeihen kann.
Er hat auf jeden Fall weniger Schwachstellen als "American Werewolf", dessen Mittelteil voll für die Tonne ist mit seinen langweiligen Monologen von herbei halluzinierten Leichen. Der spannende Ermittlungs Mittelteil von "Big Bad Wolf" ist um Klassen besser. Die ersten 5 Minuten sind etwa gleichwertig mit ganz leichtem Plus für "American Werewolf", das Gemetzel in Abschnitt 2 von "Big Bad Wolf" ist besser als die abgeblendeten, angedeuteten Werwolf-Angriffe aus "American Werewolf" und der actiongeladene Schluß ist ebenfalls viel besser bei "Big Bad Wolf".
Die große Abwechslung zwischen Handlungselementen unterschiedlicher Bauart, die aber wunderbar passend zusammengefügt wurden, und die wenig auf guten Geschmack oder überkommene Vorstellungen rücksichtnehmende Inszenierung machen ihn zu einem der unterhaltsamsten und auch blutigsten Werwolf-Filme.

Anmerkung:
Der Werwolf "Big Bad Wolf" sollte auf keinen Fall verwechselt werden mit dem Film "Huff" (USA 2013), welcher dummerweise auch unter "Big Bad Wolf" vermarktet wurde. Bei disem Huff handelt es sich aber um einen Kerl in den 30ern vom Lande, der nahe am Asozialen ist und sowohl seiner Lebensgefährtin als auch deren drei bildschönen Töchtern das Leben zur Hölle macht. Also nichts mit Werwölfen oder Wölfen.

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