Was macht einen Kultfilm aus? - Wann ist dieser inflationär gebrauchte Etikettenschwindel wirklich mal berechtigt? - Und ist ein Kultfilm dann kein Kultfilm mehr, wenn ihn keiner mehr kennt? - Gibt es sozusagen eine Kultfilm-Halbwertzeit, abhängig vom Zuschauerinteresse?
Rückblende : ein großer Kinosaal in Berlin, voll bis auf den letzten Platz - gute Stimmung, die sich mit lautstarken Reaktionen auf das Geschehen auf der Leinwand Bann bricht - was wird gezeigt ? - "Diva"
Aber nicht 1981, sondern 1990....ich habe den Film in den 80er Jahren mehrfach im Kino gesehen, er lief regelmäßig in Programmkinos, es gab kaum Jemanden (zumindest in meiner Generation), der den Film nicht kannte und auch die Filmmusik war häufig in Plattensammlungen oder auf Kassette anzutreffen.
Der Film war Kult, ohne damals so genannt zu werden.
Jean-Jacques Beineix war auf einem Höhepunkt. Er hatte "Betty Blue" 1987 gedreht, einen Film der voll den Zeitgeist traf und die in "Diva" eingeführte Bildsprache weiterführte. Auch dieser Film konnte bis zum Beginn der 90er regelmäßig im Kino angesehen werden....
Und heute ? - Wer kennt "Diva" noch? -Kaum Bewertungen hier im OFDb, kein Review! - Seit vielen Jahren habe ich kein Kinoprogramm mehr gesehen, das ihn zeigte - selbst in den Freiluftkinos, in denen im Sommer immer wieder dieselben Filme abgenudelt werden (sprechen sich die Veranstalter da miteinander ab?), ist mir "Diva" nicht mehr aufgefallen! - Ja, ich gestehe es, auch ich hatte ihn vergessen! - Erst durch die DVD, die ich zufällig sah und erwarb, kam wieder die Erinnerung hoch und es hat noch ganz schön lang gedauert bis ich mir den Film dann auch angesehen habe (was die Ausnahme ist) !
Warum ist das so ? - Was hat sich verändert ?
Zuerst mal zur Story :
1.Handlungsstrang : der junge Postbote Jules ist ein Opernfan, aber besonders ein Fan der amerikanischen Opernsängerin Cynthia Hawkins (gespielt von der echten Opernsängerin Wilhelmenia Wiggins Fernandez, was dieser Rolle eine absolute Authentizität gibt). Da diese keine Aufnahmen macht, er aber nicht auf ihre Stimme verzichten möchte, macht er heimlich eine professionelle Aufnahme während eines Konzertes. Da das 1981 noch eine gewisse Gerätegrößenordnung bedeutete, blieb dieses Geschehen nicht allen verborgen, besonders denen nicht, die selber Interesse an einer Aufnahme der berühmten Opernsängerin haben. In diesem Fall 2 Asiaten, die sich mit Porsche und verspiegelten Sonnenbrillen an die Fersen des Postboten heften....
Für Jules , der nach dem Konzert noch einen Teil der Garderobe seiner angebeteten Sängerin mitgehen läßt, bedeutet diese Kassette das höchste Glück....
2.Handlungsstrang : eine barfüßige Frau verläßt unsicher den Zug. Sie wird von 2 Typen verfolgt (einer davon übrigens Dominique Pinon, der später in der Hauptrolle in "Delikatessen" und in "Alien 4" als um sich schießender Rollstuhlfahrer überzeugte), die die Frau kaltblütig ermorden bevor sie zur Polizei gehen kann. Allerdings hat sie die Kassette, auf der sie eine Aussage über den Chef eines Mädchenhändlerrings gemacht hat, noch kurz vor ihrem Tod in Jules Posttasche eingeschmissen (siehe auch "Staatsfeind Nr.1" in Will Smiths Einkaufsbeutel). Dieser hat also jetzt 2 Kassetten....und das nächste 2er Team auf den Fersen.
3.Handlungsstrang : Jules lernt am Abend nach seiner Raubkopie eine junge Asiatin in einem Plattenladen kennen. Diese wohnt bei einem Typen ,der ein Monsterpuzzle zusammenlegt (geschätzte 50000 Teile) ,sphärische Klänge hört und manchmal Zigarre rauchend in der Badewanne liegt. Er greift erst in der zweiten Hälfte des Films (und nachdem er das Puzzle fertig gestellt hat) in das sich immer weiter zuspitzende Geschehen ein ....sonst steht er in keinem Zusammenhang zu den weiteren handelnden Personen.
Vielleicht kommen einem ja ein paar Versatzstücke, die im Film vorkommen, bekannt vor:
- das Killerteam, immer mit schwarzen Sonnenbrillen, Knopf am Ohr, effektiv, ohne Gewissen, kaum ein Wort verlierend
- das Bullenteam (Mann und Frau) - er immer mit irgendwelchen Machosprüchen ("fühl mal meine stahlharten Oberschenkel") - das natürlich keinen Plan hat und nur zufällig was erreicht
- den im Hintergrund wirkenden Gangsterboss, der alles im Griff zu haben scheint...
- das peinliche Porscheduo, das alles mit Geld und leeren Drohungen versucht und dabei von keinem ernst genommen wird
- der coole Einzelgänger, der alles im Griff hat und für jede Situation, die er natürlich voraussieht, noch einen Ersatzplan vorgesehen hat. Dabei nur das sagt was nötig ist und alles mit einem Minimum an Aufwand erledigt
- dazu jede Menge Nebendarsteller : der feige Verräter, der abgedrehte Freund (der eine Wohnung voller Plastik-Flugzeuge hat und ewig weiterbastelt...), der opportunistische Manager der Opernsängerin, der am liebsten selber Aufnahmen von ihr machen will (zum eigenen finanziellen Vorteil natürlich) usw.
Dazu die Locations :
So etwas wie einen normalen Raum gibt es gar nicht. Sowohl Jules als auch der coole Einzelgänger leben in riesigen Fabriketagen oder alternativ gibt es die vollgerümpelte superenge Wohnung von Jules Freund. Dazu ein alter Leuchtturm, der Opernkonzertsaal usw.
Die ganze Story fragt nicht nach Hintergründen oder Beweggründen der einzelnen Personen. Sie sind wie sie sind und dementsprechend handeln sie....das Geschehen ergibt sich zwangsläufig.
Woran mich das erinnert ? - Z.B. an Luc Besson. Er verwendet ebenfalls viele comicartige Versatzstücke in seinen Filmen ( bei "Diva" arbeitete übrigens Van Hamme am Drehbuch mit, ein berühmter Comicautor). Oder auch an Tarantino, der Meister der Verzahnung verschiedener Handlungsstränge, die dann in eine zwangsläufige Explosion (z.B. True Romance) des Geschehens führt.
Nur, dieser Film ist von 1981 . Und ich erinnere mich, dieser Film war damals etwas absolut NEUES:
- Die coole Story, der überlegene Einzelgänger, das völlig selbstverständliche Ausschalten der jeweiligen Gegner (ohne politisch korrektes schlechtes Gewissen),
- Dazu eine ungewöhnliche Bildsprache aus extremen Perspektiven, detaillierte ruhige Bildeinstellungen, die mich damals umgehauen haben
10 Jahre lang war dieser Film absolut unantastbar - nur was ist dann geschehen ?
Er wurde überholt : die Killer wurden noch cooler und brutaler, die Sprüche zynischer - die Einzelgänger wurden überlegener und auch optisch perfekter - die Handlungsstränge wurden komplizierter, raffinierter und noch überraschender, jedes Detail wurde noch mehr stilisiert . Außerdem wurde die Bildersprache sehr stark in der Werbung wiederverwendet, so daß einem heutigen Betrachter die Wucht der Bilder gar nicht mehr auffällt und diese auch nur im Kino richtig rüberkommen.
Nun, wie beurteilt man dann diesen Film ? - Ist er nur deshalb gut, weil er der erste war, der diese Art Kino auf die Leinwand brachte - ist er heut nicht einfach altmodisch....?
Das muß jeder selbst beurteilen, denn ich bin da nicht zu einem objektiven modernen Standpunkt in der Lage.
Ich möchte nur ein paar Punkte aufzählen, die dieser frühe Film des plakativen Erzählens eben auch aufweist und die ihn ungemein für sich einnehmen:
Er läßt sich Zeit :
- Die von Cynthia gesungene Opernarie aus "La Wally" wird mehrfach sehr lange ausgespielt,
- die Szenen im verregneten Paris mit der sehr einfachen und doch raffinierten Klavierbegleitung laufen ruhig und ohne Worte
Er vermittelt Gefühle :
- Die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen dem Postboten und der Opernsängerin
Und auch die Actionszenen sind nie so laut, so daß sie die leisen Töne überdecken - alles wirkt trotz seiner Gegensätzlichkeiten und der Extreme homogen, nie wie eine Nummernrevue...
Ein zeitloser Klassiker, der durchaus Chancen hat, sich den Kultstatus ehrlich und berechtigt zu verdienen (10/10)