“Ich habe mich noch nie singen gehört.”
Das sagt Cynthia Hawkins (Wilhelmenia Fernandez), die amerikanische Opern-Diva am Ende des Films, als ihr größter Verehrer, der junge Postbote Jules (Frédéric Andréi ), ein Band vorspielt, auf dem er verbotenerweise ihre Stimme konserviert hat. Diese Aufnahme hat ihn in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht, bei deren Lösung wir ihm beinahe zwei Stunden zusahen. Nun, als die „Wally“ von Alfredo Catalani zum zigsten Mal erklingt, scheint all das keine Signifikanz mehr zu haben. Es ist nicht mehr wichtig, das Jules durch lebensbedrohliche Tiefen watete, es ist nicht mehr wichtig, das zwei Menschen auf dieser Odyssey durch die Pariser Nacht ihr Leben verloren haben, was wichtig ist, ist einzig und allein das „Resultat“ dieser, wenn man so will, Reise: Jules liebt nicht mehr nur, er lebt. Das steckt ihn dieser kleinen Geste, die er Cynthia, seinem Idol mit dem er sich inzwischen angefreundet hat, vor ihrem Abschied erweist. Den verträumten und kopflosen Jungen, der der Sängerin zu Beginn des Films mit glänzenden Augen und stockendem Atem gelauscht hat, gibt es nicht mehr länger.
Jean-Jacques Beineix’ „Diva“ ist einer der Kultfilme der 80ziger – oder sollte ich schreiben: war? - und dringt tiefer in ein geheimes Bestreben dieser Dekade ein als die meisten anderen ausgewiesenen Klassiker dieses Jahrzehnts. „Diva“ sieht nicht zwingend aus wie ein Film des Jahres 1981, er hört sich nur gelegentlich so an und er hinterlässt keinen derartigen Eindruck. Er könnte genauso gut aus den 90zigern stammen, oder – mit ästhetischen Modifikationen – aus den 50zigern oder 60zigern. Diese Zeitlosigkeit reicht näher an ein Ideal, das sich unausgesprochen hinter dem Zeitgeist der 80ziger verbirgt, heran als meist in üblichen Assoziationen vorausgesetzt und von anderen als Kultfilmen dieses Jahrzehnts – man nehme den bizarren Nostalgie-Streifen „Dirty Dancing“ - geltenden Streifen erfüllt wird. Heute gelten die 80ziger nicht ganz zu unrecht als ein Jahrzehnt, dass ästhetisch wie soziologisch eine Ausgeburt von Plastik war, des schlechten Geschmacks, von Kitsch, unfreiwillig komischer Mode, synthetisch klingender Pop-Musik die überwiegend von Eunuchenhaften Männerstimmen getragen wurde, von Pornographie. Von abscheulichen Kreationen die man als „Frisuren“ bezeichnete, schrillen Neon-Farben als Gegensatz zu den deckenden, knalligen Farben der vergangenen 50ziger und 60ziger – deren Stimmung man in den 80zigern sicherlich auch versuchte, zurückzuholen - und gleißendem Licht, und sei es noch so unpassend.
Es ist nicht zu verleugnen das sich einige dieser „Merkmale“ auch in „Diva“ finden lassen, einem Film der zwar schon 1981 entstand, somit aber aus mindestens ebenso triftigem Grund noch eine Nachbetrachtung der 70ziger hätte sein können. Nein, Beineix arrangiert sich mit der Mentalität seiner Zeit. Die Menschen bleiben die Gleichen, ihr Umfeld aber wird vollkommen auf den Kopf gestellt. Das trifft im Allgemeinen zu ebenso wie auf Jules, dessen Wohnung – eine möblierte Autowerkstatt – die Gangster auf der Suche nach dem Tonband verwüsten. Auf diesem Tonband eine klassische Oper. Auch das ein vorgreifendes künstlerisches Diktat der nicht nur futuristischen sondern auch barocken 80ziger (und – gab es das nicht auch schon zuvor?).
Und hier liegt ihr Kern: Ein heimliches weil besonders inniges Bestreben dieses Jahrzehnts, seiner ästhetischen und gesellschaftlichen Übertreibungen und Gratwanderungen: Zeitlosigkeit. Klassik. Eine unbegrenzte Beständigkeit, egal in welche Richtung. Konstant „in“ zu sein. Letztlich hat sich dieses geheime Wunschdenken gegen seine Beschwörer gestellt. Heute sind die 80ziger – trotz eines kurzzeitigen Revivals – veralteter und „peinlicher“ denn je. Aber gerade aus heutiger Perspektive erleichtert „Diva“ als wichtiger Film dieser Dekade das Verständnis für die nachfolgenden Generationen, die selbst nicht mehr bewusst diese bizarre Zeit erleben konnten. Denn Beineix verleiht dieser einen, elementaren Sehnsucht maßgenau Ausdruck mit einem zeitlosen Film der sich ästhetisch und erzählerisch nicht bindet, weder an seine Entstehungszeit noch an vergangene Epochen und erst recht nicht an die Anforderungen seines Publikums, auch wenn man anmerken muss, dass „Diva“ es selbigem bisweilen reichlich einfach macht.
Es erstaunt nicht im Geringsten, dass der Film anfänglich katastrophale Besucherzahlen einstecken musste und erst über einen längeren Zeitraum jenen überragenden Erfolg verbuchen konnte, der ihn zum Kult avancieren ließ. Und es ist keineswegs überraschend, dass "Diva" heute im Gegensatz zu filmischen Zeitgeisterscheinungen der 80iger - die heute offensichtlicherer "Kult" sind - vom Straßenfeger zum Geheimtipp mutiert ist. Denn äußerlich begibt sich Beineix mit seiner zwischen künstlichem Naturalismus und surrealen Rauminszenierung schwankenden Optik und der fragmentarisch eingesetzten, klassischen wie zeitgenössischen Musik in keinerlei konkrete modische Zwänge. Eigentlich könnte man „Diva“ auch verdammt konventionell finden, besäße er nicht den seltenen Vorzug, für seine Rezipienten bewusst formbar, anpassungsfähig zu bleiben. Als nahezu perfektes Konglomerat aus Kommerz- und Autorenfilm nach gestrenger Definition. Hier kann sich jeder nehmen, was er begehrt, es ist von allem da – ob man nun als Rückgrat des Films seinen kulturell-philosophischen Diskurs versteht oder nur sein über eine Garde erstklassig konstruierter Identifikationsfiguren für die breite Masse ausgestellte, synthetisch, aber ironisch und herzlich reproduzierte Straßen-Poesie. Man muss sich nur etwas nehmen, sonst könnte man den Titel des Films missverstehen – ist er selbst oder wirklich nur eine seiner Figuren die „Diva“?