Review

Gesamtbesprechung

Man durfte skeptisch sein: Ein Prequel nun auch bei „Star Trek“? Und gleich eine komplette Serie? Was soll das nur? Der Pilotfilm schien diese Befürchtungen und ein paar mehr gleich wahr werden lassen: Kein „Star Trek“ im Titel, eine grauenhafte Schnulze als Titelmusik und die Klingonen sowie menschliche Technik sahen gar nicht aus, als sollten sie bereits vor Kirks Zeit existieren. Und die Handlung war auch eher durchwachsen.

Aber die Serie schaffte es im weiteren Verlauf, die Bedenken aufzulösen. Zuerst muss festgestellt werden, dass sich das „Trek“-Universum geradezu anbot, endlich einmal die Vorgeschichte zu Kirk und Co. zu erzählen. Wie ging der Sprung der Menschheit ins All vonstatten? Wo lagen die Anfänge der Föderation? Durchaus spannendere und gewichtigere Fragen als zum Beispiel die, wie ein gewisser Anakin Skywalker zum Superbösewicht eines Weltallmärchens wurde.

Viel problematischer für die Produzenten und Autoren war eher, wie es hinzukriegen sein könnte, dass Technik und Design nicht so museal und inzwischen unfreiwillig komisch anmuten wie auf der Kirkschen Enterprise. Man entschied sich für einen Mittelweg, zwar nicht besonders glaubwürdig, aber für Look und Storys gar nicht übel: Die erste Enterprise wirkt beinahe wie ein Modell zwischen Kirks und Picards Schiff. Keine primitiven Bänderspulen und bunten Druckknöpfe, kein glattes, weißes Außendesign wie bei Kirk, aber auch kein megageräumiges und hyperfuturistisches Schiff wie das von Picard. Und in Details ließ man einfließen, dass die Technik eben doch der späteren unterlegen war: Das Beamen wird nur mit aller Vorsicht genossen, es gibt kein Schutzschild fürs Schiff. Man konnte sich an diese Lösung gewöhnen.

Zumal man sich bei der Aufstellung der Charaktere dafür ganz stark an Kirks Team orientierte (wie übrigens auch beim Gelb und Rot der Uniform): wieder ein (hier weiblicher) Vulkanier als Wissenschaftsoffizier, ein Kommunikationsoffizier sowie ein Captain, der auch mal deutliche, nicht unbedingt diplomatische und ernste Worte wählt und es selbst actionmäßig krachen lässt. Überhaupt ist die Sprache wieder direkter, härter, lockerer, witziger. Vor allem im Vergleich mit den so oft länglichen, dialektischen, redundanten und unglaubhaften Dialogen auf der Voyager eine echte Wohltat. Insgesamt sind die Charaktere hier wesentlich ungekünstelter und glaubwürdiger als dort.

Die Sprache passt sich damit dem sehr ansprechenden Handlungsumfeld an: Die ob der menschlichen Emotionen argwöhnischen Vulkanier lassen die Menschen endlich selbständig auf Erforschungsmission ins All starten. Immer wieder knallen die unterschiedlichen Interessen beider Völker zusammen. Nur langsam beginnen sie sich besser zu verstehen und das gegenseitige Misstrauen abzulegen. An Bord der Enterprise wird das in kleiner Form zwischen Captain Archer und Commander Tucker auf der einen und Wissenschaftsoffizier T’Pol auf der anderen Seite nachvollzogen.
Die Menschen nehmen Kontakt mit vielen unterschiedlichen Völkern auf, was natürlich zu den „Trek“-üblichen Verwicklungen führt. Die im Verlauf wichtigsten Spezies dabei sind die Klingonen (ist ja klar) und ganz besonders die Andorianer. Bei deren Aussehen war man konsequent mutig: Sie würden wunderbar zu den vielen lächerlich anzuschauenden Wesen der Kirk-Ära passen: blau angemalt, zwei Antennen auf dem Kopf, wasserstoffblonde Haare. Allerdings benehmen sie sich gar nicht so lächerlich, sondern nehmen als wichtigste Gegenspieler der Vulkanier eine wichtige Rolle ein: Durch sie lernen die Menschen (an vorderster Front eben die Enterprise-Crew) im All diplomatisch zu vermitteln, bis hin zur Gründung der gemeinsamen Föderation. Anders als bei „Voyager“ gibt es wieder mehr Politik bei „Enterprise“ – und so mehr Substanz.

Diese Prequel-Strategie sollte für das „Star Trek“-Franchise mehrere Vorteile haben: Zum einen war die Story im 24. Jahrhundert durch die „Next Generation“ und durch „Deep Space Nine“ bis in alle Ecken auserzählt. Nach dem großen Knall im DS9-Finale konnte man kaum noch was Interessantes erfinden. Und das Konzept von „Voyager“ funktionierte so schon nur leidlich. Zum anderen wollte man eine neue Zuschauergeneration an das Franchise heranführen. Durch neue actionorientierte Sci-Fi-Reihen wie „Stargate“ oder (ausgerechnet!) „Andromeda“ sowie alternative SF-Serien wie „Lexx“ oder „Farscape“ und natürlich das Epos „Babylon 5“ hat es geradezu einen SF-Overkill seit den Neunzigern gegeben – und „Star Trek“ sein Alleinstellungsmerkmal als hochwertige Science Fiction im Fernsehen verloren. Ein Relaunch konnte doch im Prinzip am besten mit dem Anfang der ganzen Geschichte gelingen. Wie von selbst würden sich dann neue „Trek“-Schauer sicher auch die alten, zeitlich nachfolgenden Abenteuer zu Gemüte führen (am besten mittels teurer DVDs) und neuen Stoff in TV und Kino gucken wollen. Also das angeblich angeranzte „Star Trek“ nichts wie raus aus dem Titel und kein traditionelles klassisches Thema im Vorspann, dann kann ja nichts schief gehen! Oder? Oder! Denn diese Strategie ging gründlich in die Hose – „Enterprise“ wurde die erste „Trek“-Spin-Off-Serie, die vorzeitig eingestellt wurde. Auf der Suche nach Gründen muss die Serie staffelweise betrachtet werden – zu stark sind die Unterschiede.

Die ersten beiden Staffeln beinhalten einen Mix an Storys, der den Spagat zwischen alten Trekkern und neuen Zuschauern versucht: Einerseits gibt es den (sehr lockeren) Handlungsbogen um die Vulkanier, Andorianer und die ersten Schritte der Menschheit auf den heiklen Stufen der Weltraumdiplomatie.
Ein weiterer Handlungsbogen führt einen neuen Feind ins „Trek“-Universum ein: die Suliban (über den peinlich-plakativen Namen soll hier lieber geschwiegen werden). Verknüpft wird dies mit dem aus „Voyager“ bekannten „Temporalen Kalten Krieg“. Hier lässt sich sagen: Bei „Voyager“ wurde dieser Krieg zum Anlass für „Trek“-typische unlogische Zeitreise-Abenteuer genommen, deren Spannung (wenn überhaupt) schnell abflaute. Bei „Enterprise“ hingegen passt sich die Handlung gar nicht schlecht in das Umfeld ein; denn dadurch wird der unglaubliche Kontrast herausgestellt, der einerseits durch die nun erzählten völlig neuen Herausforderungen an die Menschheit im All und andererseits durch den schon Jahrhunderte umspannenden Lauf der Geschichte, die in „Star Trek“ inzwischen geschrieben worden ist, entsprossen ist.
Vor allem jedoch wurden zwischen den Handlungsbögen abgeschlossene Geschichten erzählt, in denen besonders Action und/oder die Vertiefung der Charakterzeichnungen im Vordergrund stand. Dabei ist ein Vorzug zwar angerissen worden, leider aber etwas zu sehr in den Hintergrund gerückt: das Noch-Nichtvorhandensein der „Ersten Direktive“, des Verbots, sich in fremde Angelegenheiten ungebeten einzumischen. Genau das ersparte dem Zuschauer immerhin jene nervtötenden „Voyager“-Dialoge zwischen dogmatischem Gutmenschentum und pragmatischer Überlebensnotwendigkeit.
Und dann gab es noch drei Einzelepisoden als ganz besondere Schmankerl für alte Fans: „Lautloser Feind“, wo Menschen zum ersten Mal auf die Romulaner treffen (deren Schiffe genauso aussehen wie bei der Classic-Serie!), „Raumpiraten“ mit der ersten Begegnung mit den Ferengi (die hier wieder als gierige Knallchargen des Weltraums dargestellt werden – nicht als die Bösewichte, die sie zu Anfang der „Next Generation“ spielen sollten) sowie „Regeneration“, einer Fortsetzung der Borg-Story aus „Star Trek VIII“. Gut hinbekommen bei den drei Folgen, wie Logikbrüche mit den anderen Serien vermieden werden sollen.

Die beiden Staffeln waren wirklich recht ordentlich, es war eine frische Brise im „Trek“-Universum zu spüren. Trotzdem bröckelten in den USA die (ohnehin nicht übermäßig starken) Quoten während der zweiten Staffel deutlich. Das lag sicher nicht an den Schauspielern, die wie bei allen „Trek“-Serien zwar nicht überragend, aber solide agierten (man holte sich sogar zum ersten Mal ein bekanntes Serien-Gesicht als Captain). Auch an –am Zeitpunkt der Produktion und den finanziellen Mitteln gemessen– teilweise eher unterdurchschnittlichen Spezialeffekten aus dem Computer lag es wohl kaum.
Nein, Grund am Quotenhänger dürfte wohl eher gewesen sein, dass man zu einem erklecklichen Teil altbekannte Plots und Storys aus den anderen Serien aus dem Hut zog und nun ähnlich mit anderen Charakteren als neu präsentierte. Und die Plots und Storys waren noch nicht mal im Original unbedingt spannend. So langweilte man sich nicht nur als „Trek“-Fan ob der vielen Déjà-Vus zu oft, sondern auch als neu zum Treck Dazugestoßener musste man zu häufig das Ende der Folge herbeisehnen. So konnte es trotz vieler guter Ideen nicht weitergehen. Es musste etwas geschehen. Und es geschah etwas: im Staffelfinale, als mit einer schrecklich bewaffneten Drohne sieben Millionen Menschen auf der Erde getötet werden.

Daraufhin wurde das Konzept in der dritten Staffel komplett umgeworfen – nicht nur das „Enterprise“-, sondern das ganze „Star Trek“-Konzept erfuhr eine Revolution: Die dritte Season besteht aus einem durchgehenden Handlungsstrang, in dem nach einer Folge das Universum nicht mehr genauso aussieht wie vor der Folge. Die Enterprise kommt in einem völlig unbekannten Terrain des Alls Stück für Stück dem neuen Feind auf die Schliche, der jetzt an einer noch größeren Waffe bastelt, die die gesamte Menschheit vernichten soll. Dieser Feind sind die Xindi, und die sind anders als alles, was man bisher bei „Star Trek“ gesehen hat: Verschiedene Tierarten, die Intelligenz entwickelt und sich einen gemeinsamen Staat gegeben haben, aber durchaus verschiedene Charaktereigenschaften haben.

Natürlich ist das Vorbild für die Handlung der dritten Staffel offensichtlich: der Terroranschlag des 11. September 2001 auf Amerika, als Terror eine neue Dimension annahm und die USA zum ersten Mal in ihrer Geschichte auf dem Festland angegriffen worden sind. Da die Föderation aus „Star Trek“ eine Art moralisch gute USA sind, werden hier Parallelen im „Trek“-Universum gebildet, die, genauso wie der 11. September die USA, das Wesen von „Star Trek“ veränderten: die dritte Staffel ist düster, Rachegefühle und Angst bestimmen das Handeln der Protagonisten, es wird kaum noch gelacht. Diplomatie und Gewalt nur als letztes Mittel, von „Star Trek“ jahrzehntelang postuliert, verschwinden fast völlig hinter Kampf, Folter, Waffengewalt.
Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen zu behaupten, „Star Trek“ hätte hier seine positiv-utopischen Grundprinzipien verraten und wäre dem primitiven Bush-Rachefeldzug verfallen: Zum einen siegt hier am Ende in erster Linie doch Archers beharrliche Diplomatie, die durch vordergründig unsaubere Mittel und harte Aktion freilich untermauert wurde. Zum anderen muss gerade ein so langlebiges Franchise-Unternehmen mit Aussagewillen wie „Star Trek“ aktuelle Geschehnisse aufnehmen und verarbeiten - ansonsten bleibt nur eine anachronistische leere Hülle ohne Relevanz.

Was die dritte Staffel bietet, ist das Beste an Sci-Fi-Fernsehen seit dem Serienfinale in Halbstaffel-Länge von DS 9. Endlich wieder etwas Neues, Zeitgemäßes, Hintergründiges, Intelligentes, Phantastisches und Spannendes zugleich, atmosphärisch und dicht gepackt. Zwischendurch gibt es –ganz wenige!– Einzelfolgen zum Entspannen, die sich aber dennoch in den düsteren Gesamtkomplex passend einfügen. Zu erwähnen sei hier noch, dass auch äußerlich teilweise das Ursprungskonzept abgewrackt wurde: Plötzlich heißt es doch „Star Trek: Enterprise“ im Titel und der Titelsong wurde leicht entschnulzt, indem er (ähnlich wie die DS-9-Melodie nach einigen Staffeln) flotter gemacht wurde (und bei beiden brachte es nicht allzu viel).

Auch die superbe dritte Staffel brachte jedoch nicht den erhofften Durchbruch bei den Quoten – zu anspruchsvoll, zu speziell war wohl der Handlungsbogen. Also wurde das Konzept wieder umgestellt. Staffel Nr. 4 bedeutete dann die totale Kapitulation vor den konservativen Trekkern. Wie auf einer Reste-Rampe hieß es jetzt, keine bloßen Schmankerl mehr, sondern alles raus, was der „Trek“-Fan schon immer wissen wollte: Wo nahmen die vulkanischen Logik-Lehren ihren Anfang? Was waren das für Konflikte zwischen genetisch aufgerüsteten Soldaten und den anderen Menschen? Wie kam Dr. Soong auf die Idee, Data zu erschaffen (und Brent Spiner höchstselbst gibt sogar die Antwort!)? Warum haben Klingonen hier Stirnwülste, in der Classic-Serie auf einmal nicht, bei Picard aber doch wieder (Worf sagte bei DS 9 ja nur: „Wir reden nicht gern darüber!“)? Wer hat das Beamen erfunden? Wie war die Vorgeschichte des Paralleluniversums? Und vor allem: Wie entstand die Föderation? In fast jeder Folge wurden nun solche Fragen beantwortet – das Ende der Serie vor Augen? Dabei: Schlecht war die Staffel nicht!

Man kehrte nicht vollends zum Einzelfolgen-Konzept der ersten beiden Staffeln zurück, man erzählte die Storys fast durchweg in Doppel- oder Dreierfolgen. Dadurch konnte man vertieft Antworten auf die oben genannten Fragen geben. Auch den merkwürdigen Cliffhanger der dritten Staffel löste man in einer Doppelfolge auf, in der wieder einmal Nazis –die sich mit ihrer „Trek“-konträren totalitären und illiberalen Ideologie freilich dafür aufdrängen– die Bösewichte sein müssen. Weiter hervorzuheben sei hier der „Babel“-Dreiteiler, der seinen Grund-Plot zwar dreist von „Babylon 5“ klaute (daher wohl auch der Name als Referenz), dennoch gerade im ersten Teil erstklassige „Star Trek“-Unterhaltung bot. Auch die Spiegeluniversums-Doppelfolge ist schon wegen ihres eigenen Vorspanns und der Idee, ausschließlich die Parallelcharaktere auftreten zu lassen, äußerst sehenswert. Allerdings haben beinah all diese Zwei- und Dreiteiler die Eigenschaft, dass nach dem für „Trek“-Fans wohligen Aha-Erlebnis ob einer schon langersehnten Antwort der Plot zu schwächeln beginnt – zu simpel und vorhersehbar geht er meist dem Ende entgegen. Verlorene Zuschauer konnten so nicht ausreichend zurückgewonnen, neue ebenfalls nicht genügend angezogen werden.

Insgesamt kann man aber sagen, dass die vierte Staffel nicht die geniale dritte erreicht, die ersten beiden jedoch an Qualität übertrifft. Die Staffel und damit die Serie enden quasi mit einem zweifachen Abschluss: Zum einen mit der Doppelfolge „Dämonen“/“Terra Prime“, zum anderen mit der allerletzten Folge „Dies sind die Abenteuer“. In der Doppelfolge gilt es, letzte Hindernisse auf dem Weg zur Gründung des Vorläufers zur Föderation aus dem Weg zu räumen. Dies hätte im Prinzip als runder Serienabschluss genügt. Aber man entschloss sich –„Babylon 5“ lässt wieder grüßen–, noch weiter in die Zukunft zu schauen und den Bogen bis zur Next Generation zu spannen – inklusive zweier Gastauftritte. Die Folge ist auf großteils negatives Echo gestoßen, was ihr nicht gerecht wird. Die Story mag zunächst konstruiert und banal wirken, aber sie zeigt im Kleinen doch, was die Archer-Enterprise Großes geleistet hat: Vertreter unterschiedlicher Völker helfen sich und arbeiten für ein Ziel zusammen. Selbst zwei Jahrhunderte später ist dies nicht vergessen. Und –wie im Kino bei „Star Trek X“– am Ende muss eine Hauptfigur ihr Leben lassen, was für „Trek“-Verhältnisse nicht eben selbstverständlich ist. Verglichen mit der allerletzten DS-9-Folge jedenfalls ist die Folge gelungen.

Die letzte Folge lässt, insbesondere mit der letzten Sequenz, Wehmut aufsteigen: Ist jetzt tatsächlich alles im „Trek“-Universum erzählt? Was kann jetzt noch kommen? 18 Jahre am Stück liefen neue „Star Trek“-Serien im Fernsehen. „Enterprise“ hat den weiten Bogen entscheidend weiter gezogen. Danach war es erst einmal aus. Die Zeit muss genutzt werden, um in Ruhe und mit Überlegung etwas Neues zu kreieren, keinen Schnellschuss. Denn „Star Trek“ hat das Potential, richtig ausgeschöpft, noch lange weiterzuleben.

Im Schnitt 7 von 10 Punkten.

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