Die Vielzahl der Tarantino Verschnitte und Skurrilgangsterstreifen ist inzwischen unüberschaubar geworden. Seit gut zehn Jahren wird sich in den USA wie in Europa eifrig bemüht, den Trendsetter und seinen Kultfilm „Pulp Fiction" zu kopieren oder zumindest fragmentarisch als Matrize zu nutzen. Die Romanvorlage Don Winslows aus dem Jahre 1997 ist ebenfalls nach Tarantinos Meisterwerk entstanden. Die aktuelle Verfilmung seiner Story um den in die Rolle des Drogendealers „Bobby Z" geschlüpften Ex-Elitesoldat und Knacki Tim Kearney (Paul Walker), der sich plötzlich von der Mafia verfolgt, von Rockern gejagt und von einem korrupten Polizisten (Laurence Fishburne) - der ihn überhaupt erst in den Rollentausch gezwungen hat - nicht nur im Stich gelassen, sondern gehetzt sieht, ist trotz der oft gesehenen Charaktere und Versatzstücke ein eigenständiges Werk geworden, das sich in keiner Weise vor der Genrekonkurrenz verstecken braucht.
Walkers Rolle als Joey Gazelle in „Running Scared" im letzten Jahr gefiel dem Publikum. Einige sprechen sogar von einem der besten Actionfilme der letzten Jahre. Im schroffen Gegensatz dazu scheint Walkers neuester Film nicht den gleichen Zuspruch zu finden. Ein wesentlicher Unterschied zwischen „The Death an Life of Bobby Z" und dem Gros des Genreaustoßes (vor allem Filmen wie "Smokin' Aces") ist nicht nur der mangelnde Einsatz von Trendversatzstücken wie Stakkatooptik und Ruckelbildern, sondern der Wille, man möchte sagen der Mut des Regisseurs, einen geradlinigen Film zu drehen, der nicht mit doppelbödiger Moral, verwässerten Botschaften oder plump dahingeklatschten Plottwists aufwartet, sondern eine Stringenz nicht nur der Charaktere, sondern auch des Handlungsverlaufs vorweist. Paul Walkers Rolle als Tim Kearney, aber auch die seiner Filmpartnerin Olivia Wilde, weisen Sympathiepunkte auf, die die meisten anderen im Fahrwasser Tarantinos schwimmenden Genrevertreter ihren Protagonisten nicht gewähren. Irgendwie zu selten sehen wir aufrechte Kerle (und Frauen), die nicht vorhersehbar des kurzzeitigen Vorteils willen die Seiten wechseln, im Stich lassen, am Ende abtreten, verzagen oder durchdrehen. Dieser Wesenszug von John Herzfelds neuestem Film ist mutig, weil er vergleichsweise unkonventionell ist. Es nimmt nicht Wunder, dass er nicht überall ankommt.
Ein weiteres großes Plus von „Kill Bobby Z" ist die Zurückhaltung bei genreüblicher, zu aufgesetzter Rhetorik. Nicht nur, dass bei vielen Filmen zu hochfrequent mit Kraftausdrücken und Fäkalsprache hantiert wird, auch Gags und Bonmots wirken oft so wenig authentisch und überzeugend, dass das Miteinander und die Kommunikation der Protagonisten zum Kitsch verkommt. Das mag oft funktionieren, siehe Guy Ritchies witziger, durchaus honorabler „Bube Dame König Gras", doch bereits bei seinem schon bizarr unbegreiflich gefeierten zweiten großen Werk „Snatch - Schweine und Diamanten" sind der Schlagabtausch und die Weisheiten der Mannen um Brad Pitt derart unpassend und aufgesetzt, dass man dem Film sein völlig überzogenes, obendrein nur sporadisch witziges Hickhack am liebsten um die Ohren hauen möchte. Dennoch hat „Snatch" mit seinem einfallslosen Slapstick ordentlich Geld gemacht. Qualität und Erfolg sind bekanntlich nicht kongruent.
John Herzfeld lässt also die Finger vom derzeitigen Trend innerhalb des von ihm bedienten Genres, sondern inszeniert einen geradlinigen Spaßactioner, der bei den Witzen auf Stil und nicht auf Quantität setzt. Dazu kommt, dass die Schießereien ehrlich und überraschend brutal sind. Es wird - auch hier - im Bild nicht geschnipselt oder an der Kamera gerüttelt. Die Schusswechsel erinnern an die große Zeit des Erwachsenenactionfilms und sind obendrein, genau genommen, brutaler als die eines „Running Scared", der etwa Blutszenen, latent zensierend, in lila Licht taucht. Natürlich erlebt man dennoch bei „Kill Bobby Z" keine Blutorgie wie beim ebenfalls hervorragenden und bezeichnender Weise untrendigen „Shooter" Antoine Fuquas, aber das ist auch gar nicht nötig. Denn die ungewohnte Sympathie, die dem aufgeschlossenen Zuschauer entlockt wird, sollte diesmal nicht in zuviel Filmblut ersoffen werden.
Es ist vermutlich genau diese ungewohnte Aufrichtigkeit der zwei Hauptdarsteller, die einem Film der 60er Jahre entliehen sein könnte, und es ist überdies womöglich die Abwesenheit von zu aufgesetztem Slapstick und Albernem, die „The Death an Life of Bobby Z" von seiner Konkurrenz unterscheiden und vielfach auf Unverständnis stoßen lassen, da der routinierte Zuschauer ja inzwischen nichts anderes mehr erwartet. Das ist schade, doch sind Geschmäcker glücklicherweise individuell und verschieden. Am filmischen Resultat oder John Herzfelds Können liegt die derzeit (noch?) durchschnittliche Note mit Sicherheit nicht. „Kill Bobby Z" ist ein in jeder Hinsicht hervorragender Film, der aufgrund einiger mittelgroßer Logiklöcher natürlich nicht der Realität entliehen sein könnte, der aber sein Ziel, als fetziger Actioner mit viel Humor zu unterhalten, mehr als erreicht.