Beim "Vermächtnis des Inka" handelt es sich um den wahrscheinlich unbekanntesten Film der deutschen Karl-May-Welle der 60er Jahre, jedoch auch um einen der sehenswertesten. Bemerkenswert ist schon allein die Tatsache, dass im "Vermächtnis" weder Lex Barker noch Pierre Brice als Darsteller in Erscheinung treten - ein Umstand, der mit Sicherheit dazu beigetragen haben dürfte, dass der Film an den Kinokassen zum Flop wurde. Als einziger Beitrag der Karl-May-Reihe wurde er auch nicht von Winnetou-Wiederentdecker Horst Wendlandt oder seinem Rivalen Artur Brauner produziert, sondern von den österreichischen Halbbrüdern Franz und Georg Marischka, die eigens zu diesem Zweck eine eigene Produktionsfirma gründeten. Es fiel ihnen nicht schwer, die dazu notwendigen Geldgeber zu finden, da im Deutschland des Jahres 1965 alle Welt annahm, ein Karl-May-Film müsse ein Selbstläufer werden. Weit gefehlt! Nach dem Mißerfolg des "Inka" waren die Marischkas pleite und mußten auf weitere Projekte verzichten. Sogar die Verleihfirma Nora-Film (einziger anderer Karl-May-Film: "Im Reiche des silbernen Löwen", welcher ihr von Artur Brauner gnädigerweise überlassen worden war) wurde in den Konkurs hineingezogen.
Der eigentliche Kopf des Unternehmens, Georg Marischka, hatte sich bereits 1958 als Drehbuchautor und Regisseur der "Sklavenkarawane" erstmalig mit einem Karl-May-Stoff beschäftigt. Später schrieb er die Drehbücher für den "Schut", den "Schatz der Azteken" und die "Pyramide des Sonnengottes", die alle drei von Artur Brauners CCC produziert worden waren. Da es ihm nicht gelungen war, Brauner von dem "Inka"-Projekt zu überzeugen, nahm Marischka (der übrigens seit seiner Jugend ein ausgewiesener Karl-May-Kenner war) dasselbe nun im Alleingang in Angriff, zumal ihm die meisten anderen Karl-May-Stoffe aus dem Wilden Westen oder dem Orient wegen der Rechtelage nicht zur Verfügung standen. Mit einer Mischung aus erfahrenen Schauspielern und jungen, unverbrauchten Gesichtern entstand in Peru und Bulgarien eine weitgehend werkgetreue Adaption des gleichnamigen Karl-May-Romans. Durch den Verzicht auf den Standard-Drehort Jugoslawien wirkt der Film auf den Karl-May-erfahrenen Zuschauer bis heute erfrischend anders und ungewöhnlich authentisch.
Bei der Besetzung der Hauptrollen bewiesen die Marischkas - teilweise unfreiwillig, da anders geplant - ein glückliches Händchen. Guy Madison (der korrupte Captain Bradley aus Brauners "Old Shatterhand") als Karl Hansen alias Vater Jaguar erreicht zwar nicht ganz die Ausstrahlung eines Lex Barker, wirkt dafür aber auch nicht so überirdisch unverwundbar wie dieser und somit glaubwürdiger. Übertroffen wird er noch von seinem bis dahin völlig unbekannten (und wenig später wieder in Vergessenheit geratenen) Landsmann William Rothlein in der Rolle des Inkaprinzen Haukaropora, der mit den unzähligen Klischee-Indianern aus Titos Komparsen-Kompanie, die die anderen Karl-May-Filme bevölkern, nicht das Geringste gemein hat. Das Gleiche gilt auch für Carlo Tamberlani, den Darsteller des Hohepriesters Anciano. Der Spanier Francisco Rabal wiederum spielt den sadistischen Banditenführer Gambusino mit einer Hingabe, die dazu geeignet erscheint, einem zartbesaiteten Zuschauer kalte Schauer über den Rücken laufen zu lassen (man denke nur an die Szene mit dem verschluckten Schlüssel!), und braucht einen Vergleich mit Herbert Lom ("Cornel Brinkley") oder Mario Adorf ("Santer") nicht zu scheuen. Neben Rabals Gambusino verblaßt auch die Figur des Stierkämpfers Perillo, des zweiten Hauptschurken im "Vermächtnis des Inka", obwohl für diese Rolle der Karl-May-erfahrene Rik Battaglia (der vorher u.a. schon als "Schut " und als Winnetou-Mörder "Rollins" zu sehen war) gewonnen werden konnte. Der bei einem Karl-May-Film anscheinend unvermeidliche Humor fiel in das Fachgebiet der Starkomiker Heinz Erhardt (zuvor bereits der "Kantor Hampel" in "Unter Geiern") als Professor Morgenstern und Walter Giller als sein Faktotum Fritz Kiesewetter. Unterstützt wurden die beiden von einem durch Kostüm und Maske nahezu unkenntlich gemachten Chris Howland (u.a. "Jefferson Tuff-Tuff" in "Winnetou 1. Teil") als fauler Indio Don Parmesan. Die weibliche Hauptrolle der Graziella fiel erfreulicherweise nicht zum xten Mal an Marie Versini oder Karin Dor, sondern an die junge Israelin Geula Nuni, in weiteren Rollen treten Fernando Rey (als Präsident Castillo) und Raf Baldassare (als Jaguars treuer Gehilfe Geronimo) in Erscheinung.
Technisch ist der Film natürlich auf dem Niveau der 60er Jahre, was man vor allem an den heute teilweise lächerlich anmutenden Trickaufnahmen erkennt (Stierkampf, Bändigung des Jaguars, menschenfressende Krokodile). Auch die Schnitte erfolgen häufig überraschend und zu abrupt, die Kampfszenen hätten da und dort etwas dramatischer und besser choreographiert sein können. Dennoch fallen diese Mängel meiner Ansicht nach nicht wirklich ins Gewicht, denn das "Vermächtnis des Inka" besticht durch einen geradlinigen Handlungsaufbau, die richtige Mischung aus Spannung und Humor und die für einen Karl-May-Film unübertroffene Authentizität (welche deutsche Produktion kann schon Originalaufnahmen aus Machu Picchu vorweisen?) - und das zu einem Zeitpunkt, als die Konkurrenzproduktionen der Rialto und CCC bereits qualitativ stark abgefallen und zur Massenware verkommen waren. Leider führte das infolgedessen stark nachlassende Zuschauerinteresse dazu, daß der Film 1966 zu einem kommerziellen Mißerfolg wurde, doch ist er mit den Jahren zu einem echten Klassiker herangereift, der neben dem "Schatz im Silbersee", "Winnetou 1. Teil" und dem "Schut" zu den besten Vertretern seiner Gattung gerechnet werden kann.