Review

Eine unglücklich mit einem ignoranten und groben Klotz verheiratete Südstaaten-Kellnerin in einem Kuchencafe (Pie Shop) mit ungeahnten schöpferischen Backfähigkeiten gesegnet, wird von ihrem Angetrauten ungewollt schwanger und muß noch dazu damit klar kommen, dass sie sich während des gerade so akzeptierten Austragens Hals über Kopf in ihren, ebenfalls vermählten Frauenarzt verliebt und eine Affäre beginnt.

Douglas Sirk hätte ein unglaubliches Melodram daraus gemacht, die Italiener und Franzosen ein gefühlvolles Portrait einer einsamen Frau, die Engländer eine hinreißende kleine Dorfkomödie und die Deutschen immerhin noch ein unglaublich banales Pro7-Eventmovie.
Adrienne Shelly, die hier letztmalig Regie führte (sie fiel leider einem Mord zum Opfer) und auch eine Nebenrolle spielte, versucht alles gleichzeitig. Und fällt leider auf die Nase.

Ich gebe zu, so eine Südstaaten-Melodramödie ist nicht einfach umzusetzen, da sind schon ganz andere dran gescheitert (Eine zweite Chance, Seite an Seite, um nur mal zwei besonders grausame Beispiele zu nennen). Gefühl, Humor und Traurigkeit zu vereinen und das Ergebnis dann geschlossen wirken zu lassen – das ist die große, erstrebenswerte Kunst.

Im Fall von „Jennas Kuchen“ fallen die einzelnen Zutaten leider stark auseinander und verbinden sich seltenst, außer man steht blind auf Gefühlsachterbahnen – nur leider ist dies eine sehr holprige Fahrt.

Ausgesprochen gelungen wirkt der Film in zahlreichen komödiantischen Sequenzen. Vor allem das Zusammenspiel von Keri Russell (Jenna) und Nathan Fillion (Arzt) erinnert nicht selten kurz an alte Screwball-Comedies, während die zahlreichen leicht schrägen Nebenfiguren (die ältliche Kollegin, das hässliche Kollegenentlein, der scheinbar wortkarg-miese Chef, der alte Stammgast) alle den typisch britischen Feelgood-Comedies entliehen scheinen, die erst komische Sachen anstellen und dann die ultimativen Lebensweisheiten rüberwachsen lassen.
Dazu kommt natürlich noch ein sehr gut aufgelegter Nathan Fillion (Firefly) als Frauenarzt im Cary-Grant-Modus, dessen Figur und Erzählstrang allerdings nie zur vollen Zufriedenheit entwickelt wird und im Nichts endet. Amüsant, immerhin.

Das wäre einfach und schön, aber da ist ja leider noch die dramatische Seite der Medaille.
Ungewollte Mutterschaft und ein unsensibler Kerl als Mann, das ist schon eine ganze Menge, wenn die weibliche Hauptfigur dann auch noch ein recht konstruktiv-kreatives Girlie spielt, sich aber angesichts ihres Mannes über 95 Prozent des Films in ein fiependes Mäuschen verwandelt, dann ist von Entwicklungsprozess der Figur wirklich nirgendwo was zu sehen. Wäre Earl (recht gut dargestellt von Jeremy Sisto) nicht beinahe schon eine Selbstparodie, es wäre grauenhaft platt. Die steten Briefe ans Baby, die sie schreibt, sind leider ebenso banal wie die im Film transportierten Botschaften.

Da wird die Weisheit der kleinen Leute zur Hymne auf das kleine Glück geschrumpfter Erwartungen; da gibt es nicht mal eine momentane mentale Kontroverse über Behalten oder Abtreiben; da nimmt man eher den Ungewollten als gar keinen abzubekommen.
Solange es noch komödiantisch schräg gemeint ist, läuft das flüssig, sobald aber ernste Töne angestrengt werden, wird der Film künstlich, die Dialoge knirschen in den Gelenken und die „Message“ ist genauso altbacken wie provinziell.

Da brauchts dann, ganz Endlosklischee, die schmerzhafte Geburt neuen Lebens und die Mutter macht in genau dem Moment die 180-Grad-Wendung, als sie ihrem Töchterlein in die Augen blickt. Von Null auf Scheidung und der alte Stammgast hat ihr schon mal vorsorglich einen dicken Scheck zum Neuanfang rübergeschoben.
Ich weiß nicht, wie es zu dieser grenzenlosen Naivität kommt, aber wenn ein Film, deren Figuren sich an den 70ern orientieren am Ende in Richtung Glückseligkeit steuernd ein Pie-Inn im Stile der 50er eröffnen und aussehen wie Werbefiguren aus einem Retro-Videoclip, dann möchte man nur weg, ganz schnell.
Allerdings steht zu befürchten das sich das Gefühl schon früher einstellt, nämlich jedes Mal wenn Keri Russell (leider eher fehlbesetzt) anfängt, ihr seierndes Pie-Lied zu singen und das geschieht öfters.

Somit wahrhaftig kein kreativer Fortschritt für die eher weiblichen Zielgruppen zugetanen Filmen, eher ein Rückschritt; egal, ob sich Jenna am Ende zum „Alleinerziehen“ durchringen kann oder nicht – die am Ende aus allen Fugen suppende Sentimentalität dürfte Frau Schwarzer auf die Palme bringen. Aber genauso wie Männer Actionfilme wegen ihrer Explosionen schauen, wird es auch immer Frauen geben, die mal gepflegt zum Prosecco ein Päckchen Tempos zuheulen möchten. Für die vielleicht, aber nur für die!

Ich geh lieber noch mal „Grüne Tomaten“ schauen. (4/10)

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