Review

Gesamtbesprechung

Willkommen in Rome - einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Wisconsin, in der die skurrilsten Verbrechen und Ereignisse geschehen. Eine Stadt, die, so scheint es, alle Probleme des Lebens, vor allem gesellschaftliche, impliziert.
Ob Sterbehilfe, Rassismus, Waffengewalt, Beeinflussung durch Medien oder auch Glaubensfragen - alle Themen werden hier entweder im juristischen (vor Gericht) oder gesellschaftlichen Rahmen (Familien, Bürgerversammlungen) behandelt, wobei sich beides wunderbar ergänzt.

Bei den so genannten Gerichtsfolgen, die mir persönlich etwas mehr behagen, stehen vor allem der Anwalt Douglas Wambaugh (Fyvush Finkel), ab der 2. Staffel Staatsanwalt John Littleton (Don Cheadle) und Richter Henry Bone (Ray Walston) im Vordergrund. Neben der ernsten Abhandlung und interessanten Erörterung der Fälle kommt dabei auch der teilweise sarkastische Wortwitz nicht zu kurz. Bei den Wortgefechten zwischen beteiligten Parteien bleibt kein Auge trocken. Die andere Folgen-Art greift eher familiäre und gesellschaftliche Probleme auf. Hierbei spielt zumeist die Familie Brock - bestehend aus Sheriff Jimmy (Tom Skerritt), seiner Frau, die Ärztin Gil (Kathy Baker), den Söhnen Matthew (Justin Shenkarow) und Zachary (Adam Wylie) sowie der Tochter Kimberly (Holly Marie Combs) - eine gewichtige Rolle.

Die Stärke an Picket ist allerdings, dass es faktisch keine Hauptpersonen gibt, da jeder Bürger der Stadt eine tragende Rolle einnimmt. Ob Anwalt Douglas Wambaugh, der selbst den Teufel verteidigen würde, aber auch eine soziale Ader an den Tag legt und in jeder Episode für ein Highlight sorgt oder der Moralapostel Sheriff Brock, der das Gesetz hütet und stets um Neutralität bemüht ist - jeder der facettenreichen Charaktere hat seine Standpunkte sowie Stärken und Schwächen. Klischees werden gekonnt vermieden, so dass jeder Charakter für Überraschungen gut ist. „Picket Fences“ blickt hinter die weißen Gartenzäune und verbleibt nicht bei Oberflächlichkeiten. Ob aus beruflicher oder privater Sicht, keine Perspektive wird vernachlässigt.

Im Laufe der Zeit entstehen dadurch großartige, interessante Zusammenhänge. Im Wesentlichen wächst man mit der Gesellschaft auf, denkt über die Probleme nach, weil David E. Kelley nicht dem Schubladendenken verfällt und beide Seiten der Medaille betrachtet. Es gibt keine Helden oder Antihelden, Sympathien und Antipathien stehen im Wechselverhältnis. Jeder hat Charakter hat Schwächen und Stärken. Was nun mehr zum Vorschein tritt, hängt wie im wahren Leben, von der jeweiligen Situation ab. E. Kelley kreiert viele Situationen, wodurch „Picket Fences“ nicht nur unheimlich realistisch wirkt, sondern die notwendige Abwechslung bietet.

Darüber hinaus biete die Serie eine harmonische Mischung aus Drama und Komödie, wobei sich beides nicht ausschließt und perfekt abgestimmt ist. Witzige und skurrile Elemente werden hervorragend eingegliedert, ohne dass die Dramatik verfälscht und die Ernsthaftigkeit abschwächt wird. Auch wenn eine Episode für sich abgeschlossen erscheint, durch passende Anspielungen und Reflexionen vergangener Geschehnisse wird das Interesse des Betrachters zusätzlich geweckt. Man ist als Zuschauer quasi ein weiterer Bürger, der aktiv beobachtet, mitfühlt, über Situationen nachdenkt und seine eigene Meinung bildet. Die Charaktere wirken so unheimlich nah. Das Niveau wurde über 88 Folgen (4 Staffeln) im Vergleich zu anderen Serien beträchtlich hoch gehalten, so dass nur sehr selten der Eindruck von Monotonie und Einfallslosigkeit entsteht.

„Picket Fences“ ist in jeder Hinsicht ein großartiges Werk. Die Serie zieht den Betrachter förmlich in die amerikanische Kleinstadt und gliedert ihn als weiteren Bewohner ein. Man bietet mit brillanten, interessanten Charakteren Identifikationspotenzial und konfrontiert den Zuschauer mit Probleme und Standpunkte, die zum Nachdenken anregen. Die dargelegte Mischung aus Dramatik und Witz ist der Perfektion nahe. Was David E. Kelley hier geschaffen hat, ist aller Ehren wert und qualitativ einzigartig. (10/10)

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