Review

Miniaturmenschen im Miniaturwunderland

„Das ist keine Missgeburt!“ – „Na was denn dann?!“ – „Das weiß ich nicht!“ (Es ist ein Science-Fiction-Film von Anthony Dawson!)

„Raumschiff Alpha“ ist der erste aus einer vier Science-Fiction-Filme umfassenden Produktionsreihe um die Raumstation „Gamma I“. Alle vier Filme wurden vom italienischen Regisseur Antonio Margheriti („Asphaltkannibalen“) unter seinem Pseudonym Anthony (M.) Dawson im Jahre 1965 innerhalb von drei Monaten gedreht. In einem seiner ersten Spielfilmauftritte kann man Franco Nero in einer Nebenrolle sehen, bevor er ein Jahr später mit „Django“ den Durchbruch schaffte.

Auf der guten alten Erde verschwinden immer mehr Menschen spurlos. Commander Mike Halstead (Tony Russel, „Zorros grausamer Schwur“) kommt Professor Nurmi (Massimo Serato, „Blutiger Schatten“) auf die Spur, der bereits Halsteads Lieutenant Connie Gomez (Lisa Gastoni, „Verführung einer Venezianerin“) unter seine Kontrolle bringen konnte. Nurmi will in Form eines männlich-weiblichen Hybridwesens eine neue Menschenrasse erschaffen und benötigt dafür menschliches Material...

„Ein ausgesprochenes Musterexemplar!“ – „Musterexemplar? Sie ist eine 100%ige Frau, Mr. Nurmi! Und sie ist auch eine 100%ige Anhängerin unseres verehrten Commanders!“

Es ist schon lustig anzusehen, wie Schauspieler in Raumanzügen zu Beginn in Studiokulissen Schwerelosigkeit simulieren. Oder wie ein Science-Fiction-Film uns Gewebeproben und Transplantationen als etwas Neues zu verkaufen versucht. Oder wie, wie so häufig in diesen alten Schinken, alberne „futuristische“ Tänze getanzt werden. Ganz zu schweigen von der Theateraufführung in völlig abgefahrenen Kostümen und dem Koffer voller Plastikpuppen, die verkleinerte Menschen darstellen sollen. Genau genommen ist an diesem comichaften Sci-Fi-Trash-Heuler in seinen die Möglichkeiten des Farbfilms voll ausschöpfenden, quietschbunten Kulissen und seinen ganzen sehr durchschaubaren Miniatureffekten ziemlich viel ziemlich witzig. Worum es genau geht, wird da beinahe nebensächlich; man erfährt (und sieht) etwas von Versuchen mit Organen, lernt starke, resolute, der Kampfkunst nachgehende Frauen kennen (die sofort angegraben werden...) und findet sich schließlich in windschnittigen Zukunftskarossen auf der Erde wieder. Also eine dieser Sci-Fi-Mogelpackungen, die mit spacigen Abenteuern locken, aus Kostengründen aber hauptsächlich auf Mutter Erde spielen (wie „Perry Rhodan“, „Alien – Die Saat des Grauens kehrt zurück“, „Masters of the Universe“...)?

Glücklicherweise nicht, denn irgendwie schaffen es Margheriti und sein Team, munter immer wieder die Orte und damit die Kulissen zu wechseln – leider jedoch nicht ohne dennoch einige Längen zu produzieren, die weder zur Übersicht noch zur Erheiterung beitragen und die Geduld des Zuschauers auf die Probe stellen. Diese jedoch wird belohnt mit vierarmigen Leichen und Mutanten, rasanten Kampfchoreographien zwischen Männern und Frauen, der einen oder anderen leichtbekleideten Dame, einer kleinen Freakshow bei missglückten Experimenten und einer Art Karussell, aus dem nur die Köpfe herausgucken...Und ähnlich wie beim Nachfolger „Tödliche Nebel“ (den ich zuerst sah) werden auch hier plötzlich Menschen (oder Klone) bei lebendigem Leib verbrannt und damit eine ungeahnte Härte in den Film gebracht, die im Kontrast zum bunten Treiben und den gerne mal debilen Dialogen steht. Jedenfalls wird lange Zeit gar nicht so richtig klar, wer was genau und warum nun eigentlich will, und doch wird letztlich die humanistische Botschaft deutlich: Die „vollkommene harmonische Synthese der menschlichen Rasse“ ist das faschistoide Ziel Nurmis, dem das Handwerk in einem infernalischen Finale, in dem die Elemente aufeinanderprallen, gelegt werden muss, bevor man ein typisches Chauvi-„Happy End“ feiern kann.

Fazit: Der solide geschauspielerte und technisch oftmals sympathisch-unbedarfte Auftakt zu Margheritis „Gamma I“-Tetralogie macht Spaß, fordert dem Zuschauer aber auch etwas Sitzfleisch ab. Unterhaltsamer Sci-Fi-Mumpitz für Nostalgiker.

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