Mit dem Road-Movie Hitcher - Der Highwaykiller (1986) gelang Robert Harmon ein unbestrittener Klassiker des modernen Psycho Kinos, in dem Rutger Hauer für viele die Rolle seines Lebens spielte. Seine Performance als psychopathischer Serienkiller ging im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut und verlieh dem hochspannenden Action-Thriller eine unbeschreibliche Intensität, zu welcher auch die trockene, kompromisslose Inszenierung Harmons einen gewaltigen Teil beitrug. Als am 18.04.2005 Platinum Dunes ein geplantes Remake ankündigte, outete sich Produzent Michael Bay als ehrfürchtiger Fan des Originals: " Hitcher habe ich als Kind schon geliebt und mit ein paar coolen Wendungen schaffen wir bestimmt eine interessante Neuinterpretation." Gesagt, getan und am 19.01.2007 feierte der unter der Regie von Dave Meyers entstandene, gar nicht mal so ununterhaltsame The Hitcher seine Weltpremiere. Über den Sinn bzw. Unsinn derlei Aufwärmungen lässt sich natürlich streiten, als eigenständiges Werk betrachtet bekommt der Zuschauer bei The Hitcher einen knallharten, schonungslosen und spannenden Reißer serviert, auch wenn die Klasse des berühmten Erstlings natürlich nicht ganz erreicht werden kann.
Um der alteingesessenen Hitcher Fangemeinde die Identifikation mit der 10 Millionen teuren Produktion zu erleichtern, wurde Rutger Hauer ein Cameo-Auftritt angeboten, doch Hauer sagte auf Grund künstlerischer Differenzen ab. Indessen fiel das weltweite Kinoeinspiel mit knapp 25 Millionen Dollar eher bescheiden aus und auch bei den meisten Kritikern und Fans tat sich Deve Meyers Hitcher Interpretation aus der Bay Schmiede relativ schwer. Was Bay übrigens mit "ein paar coolen Wendungen" meinte, sieht in der Realität wie folgt aus: Der verrückte Anhalter wird nicht etwa von einem unschuldigen Jüngling aufgegabelt, in der 2007er Version gerät ein junges Pärchen ins Visier des geisteskranken Irren und das Hauptopfer bzw. der Hauptgegner des Hitchers ist in diesem Fall eine junge Frau. Ansonsten halten sich Bay und Meyers fast detailgetreu an die Geschehnisse von 1986: Grace Andrews (Sophia Bush) und Jim Halsey (Zachary Knighton) sind auf dem Weg in die Semesterferien, als sie an einem verregneten Abend auf dem Highway fast einen mit dem Auto liegen gebliebenen Fremden überfahren. Anstatt zu helfen reisen sie zur nächsten Tankstelle, bei welcher der Unbekannte kurze Zeit später auch auftaucht. Nach dem sie dessen Bitte ums Mitnehmen nicht abschlagen können, beginnt ein tödliches Katz- und Mausspiel, den ihr mitfahrender Gast, der sich als John Ryder (Sean Bean) ausgibt, ist ein brutaler Highwaykiller...
Die Qualität eines Serienkillerstreifens steht und fällt zumindest für mich meist mit der Darbietung des tötenden Delinquenten. Ein Filmmörder sollte nicht nur durch seine blutrünstigen Taten auffallen, auch sein Wesen und seine Ausstrahlung sind tragende Merkmale eines überzeugend dargestellten Mörders. Bei Sean Bean stechen vor allem sein markantes Gesicht und sein raues Erscheinungsbild ins Auge, was ihn zusammen mit seiner gnadenlosen, zielstrebigen und gewissenlosen Charakterzeichnung zum bitterbösen Albtraum für die bedauernswerten Leidtragenden werden lässt. Dabei wirkt seine Artikulation sachlich, nüchtern und unnahbar, während die diabolische Mimik seine eiskalten, knochentrockenen Worte ausdrucksvoll unterstreicht. Verstehen Sie mich nicht falsch, Bean gibt einen auszeichneten Bösewicht ab, aber wenn sie mich jetzt fragen, ob er besser als Rutger Hauer im Original sei, nein das ist er definitiv nicht! Hauer hatte neben den genannten Attributen noch eine weitere entscheidende Besonderheit zu bieten: Den einzigartig irren, vernichtenden Killerblick, sprich die Verrücktheit in seinen funkelnden blauen Augen, was Bean zwar durch seine Abgeklärtheit, sein berechnendes Kalkül und seine stämmige Statur kompensieren möchte, er sich aber dann im Psychopathen-Vergleich mit Hauer knapp geschlagen geben muss, auch wenn das in Anbetracht von Hauers sensationellen Ausnahmeleistung bestimmt kein Grund zum Schämen ist.
Die Darstellung der beiden Opfer entpuppt sich indessen als zweiseitiges Schwert. Während die attraktive Sophia Bush die schwankenden Gemütszustände ihrer Figur mit einem Wechsel von unbekümmert und lebensfroh zu verängstigt und wild entschlossen transparent zu verkörpern weiß, kommt Zachary Knighton's Performance nicht über den Status einer durchschnittlichen Vorstellung hinaus. Sein Schauspiel wirkt aufgesetzt und uninspiriert, außerdem hätte ich mir vom männlichen Widersacher deutlich mehr Esprit erwartet, doch Knighton nutzt die Chance nicht und wird von Sophia Bush fast durchgehend an die Wand gespielt. Ähnlich durchwachsen schneiden die Nebenrollen ab: Während es Neal McDonough als Lieutenant Esteridge gelingt, ab seinem späten Erscheinen mit seiner exotischen Aura und seinen Wutanfällen positive Akzente zu setzen, bleibt Skip O'Brain als Sheriff Harlan Bremmer eine blasse, unbedeutende Randfigur und auch die restlichen Polizisten werden von eher schlechten als rechten Akteuren gespielt. Nichtsdestotrotz kann die Leistung der Darstellerriege gesamtheitlich gesehen als zufriedenstellend eingestuft werden, da Sean Bean und Sophia Bush die Aufmerksamkeit des Publikums im wahrsten Sinne des Wortes an sich reißen und so den einen oder anderen Low-Performer mitschleifen.
Spannungsbogen und Unterhaltungsfaktor befinden sich bei The Hitcher permanent auf einem hohen Niveau, was neben der straffen Spielzeit von knapp 84 Minuten und den beiden Hauptdarstellern auch auf die actionreiche Inszenierung von Deve Meyers zurückzuführen ist. Die Kamera lässt er über den Asphalt des unendlich anmutenden Highways schweben, während die triste Steppenlandschaft in ästhetisch-kontrastreicher, farbenfroher, Bay typischer Hochglanzoptik erstrahlt, was für das rasant aufgezogene, dreckige Psycho-Duell einen adäquat kontroversen Hintergrund liefert. Der Fokus liegt hier aber nicht nur auf den mentalen Auswirkungen der sadistischen Spielchen. Deve Meyer setzt bei seiner Realisierung vermehrt auch auf Action und Gewalt. The Hitcher bietet einige temporeiche Verfolgungsjagden mit spektakulären Autostunts und blutigen Shoot-Outs mit ein paar derben Gewaltspitzen, welche zusammen mit bedrohlichen Klängen und geschickt platzierten Jump-Scares für knackige Schockmomente sorgen. Leider geht das Streben nach Spektakel auch phasenweise auf die Kosten der Glaubwürdigkeit, was vor allem im Finale beim unversehrten Ausstieg der Heldin aus dem Flammenmeer eines explodierenden Polizeitransporters ein wenig den Sehspaß trübt.
Selbstverständlich ist mir klar, dass die "Ich finde kategorisch alle Remakes Scheiße" Fraktion die Vorzüge von The Hitcher nicht erkennen wird, von daher sollten Leute mit jener Einstellung vielleicht auf eine Sichtung aus Selbstschutz verzichten. Unvoreingenommene Zuschauer werden mit einem kurzweiligen, actionreichen und spannenden Psycho-Thriller belohnt, welcher trotz mittelprächtiger Nebendarsteller und kleiner Plausibilitätsmängel auf seine spezielle Art zu unterhalten weiß. The Hitcher erfindet das Rad dabei bestimmt nicht neu und orientiert sich größtenteils auch an seinem perfekten Vorbild (10/10). Die vertauschten Rollen, die Dynamik und ein glänzend aufgelegter Sean Bean verleihen dem Bay Remake aber auch eine gewisse individuelle Eigenständigkeit. Wenn die Vergangenheit so weitreichende, glänzende Schatten wirft, ist es für die Gegenwart schwer, in voller Pracht zu leuchten. "Fühlt sich gut an, nicht wahr? - Ich fühle nichts!" MovieStar Wertung: 8 von 10 Punkte.