Der Australier Greg McLean legt mit „Rogue“ seinen zweiten Film vor, nachdem er mit „Wolf Creek“ einen internationalen Achtungserfolg verbuchen konnte. Wie schon sein Debüt basiert auch „Rogue“ vage auf wahren Begebenheiten und bleibt sehr realistisch in dramaturgischer Gestaltung und der wenig sensationalistischen Auseinandersetzung mit dem Thema.
War „Wolf Creek“ noch ein zeitgemäßer Terrorfilm und sprang oberflächlich gesehen auf einen sicheren Zug, indem er Backpack-Tourismus mit folternden Hinterwäldnern und dem unübersichtlichen Outback Australiens kombinierte, so positioniert sich „Rogue“ in einem weit unpopuläreren Subgenre – dem Tierhorror. Die Blütezeit jener Gattung, die besonders Trash-Gourmets zu erfreuen vermag, ist lange vorbei und wird ohnehin meist reduziert auf billige Unterhaltungsware, die nicht selten durch unfreiwillige Komik begeistert. McLean will aber mehr erreichen und nimmt seinen Film sehr ernst – völlig ironiefrei, ohne augenzwinkernde Filmzitate oder reißerische Gore-Effekte. „Rogue“ hat so wenig gemeinsam mit postmodernen Genre-Verbeugungen wie „Arac Attack“ wie mit Kult-Trash a là „Fluss der Mörderkrokodile“.
Schon in der Eingangssequenz besticht die brillante Kameraarbeit, die dem Film einen außergewöhnlich schicken Look verleiht, der nichts zu tun haben will mit der dreckigen Atmosphäre seiner Genre-Verwandten. Weiterhin erzählt Greg McLean, der auch das Drehbuch schrieb, seine Geschichte sehr langsam und lässt sich Zeit, die wundervollen Landschaftsaufnahmen wirken zu lassen. Die Figurenzeichnung nähert sich behutsam und versucht wenigstens, dreidimensionale Charaktere abzubilden statt austauschbarem Krokodilsfutter. Der eigentliche Star des Films, das Killerkrododil, bleibt lange Zeit nur zu erahnen und wird erst im Schlussdrittel ausführlich gezeigt. Dabei fällt nicht nur die hervorragende CGI-Arbeit auf, mit der das Tier zum Leben erweckt wird, auch die sehr naturalistisch gehaltenen Bewegungsabläufe können gefallen. Das Krokodil bleibt immer nur ein Krokodil, ohne wirklich zum Monster stilisiert zu werden – es verhält sich natürlich und ist auch optisch keineswegs extravagant geraten – nur eben etwas größer als seine Artgenossen.
Selbst als die Touristengruppe samt Führerin und einheimischem Rowdy kentert und es die Gruppe auf eine Insel im Fluss verschlägt – und der Film damit zur obligatorischen geografischen Geschlossenheit greift um die Situation zuzuspitzen – ist es nicht McLeans Absicht, das 10-kleine-Negerlein-Prinzip anzuwenden und einen nach dem anderen zu dezimieren. Als der Großteil der Gruppe sich in Sicherheit bringen kann konzentriert sich „Rogue“ nur noch auf einen Protagonisten, der allerdings kaum in das übliche Heldenschema passt, und dessen verzweifelten Versuch, die Gruppenleiterin aus der Vorratskammer des Krokodils zu retten. Scheinbar vergisst das Drehbuch die restlichen Figuren, was aber sehr zur Effektivität der finalen Auseinandersetzung beiträgt. Das bemerkenswert wenig Menschen ihr Leben lassen müssen und der größte Teil der Gruppe unversehrt gerettet werden kann und das Schnippchen, das der Film seinem Publikum damit schlägt, kann man McLean nur anrechnen. Besonders wenn man insgeheim auch selbst mehr zerrissene Körper und Monster-Action gesehen hätte – wer sich hier ertappt fühlt, der ist gerade auf die größte Qualität eines gar nicht so undurchdachten Films gestoßen.
Fazit: Der wohl bestaussehendste Tierhorrorstreifen seit langer Zeit, vom Australier McLean gekonnt umgesetzt. Auch wenn noch viel Luft nach oben für den Regisseur besteht, lässt sich „Rogue“ als rundum gelungen bezeichnen, für das was er sein will. Gerade der Mut zur altmodischen, eher konservativen Machart mit niedrigem Erzähltempo und überraschend unspektakulärer Gewaltdarstellung muss hier hervor gehoben werden. Der Film biedert sich nicht seinem Publikum an sondern versucht den Respekt vorm Genre zu wahren.
06 / 10