Heutzutage noch einen passablen Tierhorrorstreifen mit Krokodilen hinzukriegen, schien zuletzt ein Ding der Unmöglichkeit.
Zu leicht wird es findigen Programmierern für Meterware aus Videotheken gemacht, mal schnell ein Riesenvieh zu entwerfen, das sich dann offensichtlich mäßig gerändert einige Klischeefiguren einpfeift. Oder es galoppiert mal eben, wie in dem unsäglichen "Die Fährte des Todes" gleich nashorn-like durch die Steppe und holt sich seine Beute wie weilend auf der Hunderennbahn.
Um so erfreulicher, daß ausgerechnet der eher unbekannte "Rogue - Im falschen Revier" da über weite Strecken erfreulich naturalistische Töne anschlägt, die den Film in klassische Zeiten zurückbefödern. Kein absolutes Supermonster, keine Anomalie, keine überhöhte Genmutation (obwohl auch das ganz lustig sein kann), sondern einfach nur ein enorm großes australisches Krokodil, das eben sein Revier verteidigt und die zufällig darin rumschippernden Touristen für seinen legitimen Snackautomaten hält.
Zu dieser Situation kommt es, als ein Ausflugsboot aufgrund eines vermeintlichen Notsignals mal ein paar Meilen weiter als normal flußaufwärts fährt und prompt dem heimeligen Reptil vors Maul dazu. An Bord hat Radha Mitchell anfangs als Leiterin die Hosen an, "Alias"-Veteran Michael Vartan ergänzt das Pärchen-in-spe als potentieller Zukunftslover und für alle Fans ist auch Sam Worthington eine Weile dabei und macht auf Proll. Außerdem haben wir ein ausgesuchtes Grüppchen von Leuten, vom Urnenentleerer bis zur kinderversehrten Family, mit denen der Zuschauer praktisch Opferbingo spielen kann, was sich aber (und das ist gut) nicht immer so entwickelt, wie man es vielleicht erwarten würde.
Zunächst gönnt Macher Greg McLean ("Wolf Creek") dem Zuschauer eine Menge Sightseeing der fingerleckenden Sorte, denn so ausgesucht schön und friedlich wie ein Bilderbuchurlaubstrip geht die Höllenfahrt los. Praktisch ohne düstere Vorzeichen kommt dann nach gut einem Drittel die Katastrophe über die Touristen, die sich auf einer Insel im Fluß gestrandet sehen - was allerdings ein temporärer Rückzugsort ist, denn aufgrund der herrschenden Gezeiten versinkt das Eiland bei Nacht im Fluß.
"Rogue" ist eine schöne, ausgesprochen selten nervende Fingerübung in Sachen ausweglose Situation und konstruktive Versuche, sich den Arsch zu retten, bei dem selbst die hysterischsten Charaktere wenig Anlaß zu Selbstjustiz geben.
Leider strapaziert er im letzten Viertel, wenn es wortwörtlich in die Höhle des Löwen geht, den Realismusanspruch etwas über, ergeht sich in ein paar survivalistischen Unwahrscheinlichkeiten und präsentiert das Schuppenvieh um einiges größer, als man es zuvor eingeschätzt hatte, wenn die Hauptdarsteller ihren Sumpf-Pas-de-Trois tanzen müssen. Immerhin ist dieser Showdown trotzdem noch spannend und nicht komplett abstruser Murks, aber nachdem das Gefühl, so etwas könnte - sollte aber nicht im eigenen Urlaub passen, über lange Zeit extrem greifbar war, wirkt das Finale dann etwas sehr aufgesetzt und dem Genre geschuldet.
Wenig Matsche, wenig Blut (bis zum Finale), dafür erhöhter Realismusanspruch und visuell faszinierende Bilder einer naturbelassenen Flußlandschaft zum Sattschwelgen, das sind B-Filme, die man im Spätprogramm gerne wieder begrüßt. (7/10)