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Sie sind unbestritten Kult, die guten alten Edgar Wallace-Filme aus den 60ern. Von 1959-1972 entstanden gut 35 Filme, von denen aber nur etwa 25 wirklich auf Vorlagen des Krimischreibers basierten. Einer der ersten (und besten) ist „Die toten Augen von London“. Nachdem Harald Reinl und Jürgen Roland jeweils zwei Filme abgedreht hatten, übernahm Alfred Vohrer bei der fünften Verfilmung die Regie, und er sollte den Stil der Serie prägen wie kein anderer. Er verzichtete auf peinliche Albereien a’la Jürgen Roland und legte mehr Wert auf gepflegtes Gruselflair (welches aus heutiger Sicht natürlich höchst naiv wirkt), was damals für deutsche Verhältnisse ein Novum war. Außerdem verpflichtete er den von nun an auf Bösewicht vom Dienst abbonierten Klaus Kinski für eine Nebenrolle.

Inspektor Holt (Joachim „Blacky“ Fuchsberger) ist überzeugt: die toten Millionäre aus Übersee, die regelmäßig nach nebeligen Nächten aus der Themse gefischt werden, wurden ermordet. Seine Vorgesetzten sehen das jedoch anders, doch weil alle Toten Zettel mit Blindenschrift dabei haben, darf er weiter ermitteln. Die ehemalige Krankenschwester Nora Ward (Karin Baal) entziffert die Nachrichten, die wiederum die Mordtheorie bestätigen. Und tatsächlich: ein Unbekannter kontrolliert den naiven, aber höchst gewalttätigen blinden Hausierer Jack (Ady Berber, der deutsche Tor Jonson), der die alten Männer im Nebel überfällt und in einem Waschkessel ertränkt, bevor er sie in die Themse wirft. Dabei hilft ihm der ebenfalls blinde Lew, der das allerdings ungern tut und auch die Nachrichten in Blindenschrift hinterlässt. Holt ermittelt und stößt schließlich auf die Mörderbande, den Versicherungsagenten Stephen Judd (Wolfgang Lukschy) und dessen angeblich toten Bruder David (Dieter Borsche), die die Männer aus dem Weg schafften, um an deren Versicherungssummen zu kommen.
Der Bodycount ist für einen Wallace-Film typisch hoch, denn damit der gute Holt die Mörder fassen kann, müssen erst alle anderen Verdächtigen dran glauben, etwa der schmierige Kleinganove Flimmer-Fred (Harry Wüstenhagen) oder Judds Sekretär Edgar Strauß (Klaus Kinski) und dessen Freundin Fanny Weldon (Ann Savo), die hinter die Identität der Mörder kommen und ihr Wissen in Geld umsetzen wollen. Und auch der arme Jack ist schließlich weg vom Fenster, weil er unzuverlässig und damit lästig geworden ist.
Nora entpuppt sich natürlich noch als uneheliche Tochter eines der toten Herren, so daß ihre Ehe mit dem Inspektor auch finanziell abgesichert ist und Holts Assistent Harvey (Eddi Arent) die Kinderpullover nicht umsonst gestrickt hat...

Sicherlich eine der besseren Wallace-Adaptionen (das Buch ist schlechter), aber natürlich weit von einem Meisterwerk entfernt. Dennoch ist es auch heute noch ein nostalgisches Vergnügen, all die bekannten Gesichter von damals in der abwegigen, aber höchst unterhaltsamen Geschichte zu bewundern. Doch auch Trash-Fans kommen nicht zu kurz, denn allein die Erscheinung des blinden Jack (weiße Kontaktlinsen, stark behaarte Arme und Hände) kann einige Heiterkeit erzeugen.
Leider meinte Vohrer, sieben Jahre später ein Remake in Farbe drehen zu müssen („Der Gorilla von Soho“, in dem ein von Brandnarben entstellter Idiot in einem Gorilla-Kostüm London unsicher macht), in dem Horst „Derrick“ Tappert, Uschi (Alt-)Glas, Uwe Friedrichsen und Hubert von Meyerinck mitspielten. Diesen Film sollte man, wie übrigens fast alle Wallace-Filme in Farbe, einfach vergessen.

Lichter dimmen, Video rein, und ab ins „London“ der 60er. Immer wieder schön!

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