„Wir Zirkusleute sind vielleicht ein bisschen primitiv, aber wir sind nicht dumm!“
Die Edgar-Wallace-Verfilmung „Das Rätsel des silbernen Dreieck“ aus dem Jahre 1966 entstand in britisch-deutscher Koproduktion und fällt durch die unverkennbar angelsächsische Handschrift des Regisseurs John Llewellyn Moxey („Stadt der Toten“) etwas aus der Reihe.
Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter erschießt der Ganove Mason (Victor Maddern, „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“) den Fahrer und überlebt seinerseits das Treffen mit dem ihm unbekannten Hintermann der Aktion nicht: mit einem Messer im Rücken wird er tot aufgefunden. Scotland Yard unter der Leitung Inspektor Elliotts (Leo Genn, „Frightmare“) führt die Spur zum Rest der Bande, doch der Messermörder bleibt unentdeckt, ebenso ein Teil der Beute. Schließlich führen die Ermittlungen Elliott zum Zirkus Barberini. Dort gehen nicht nur die Morde weiter, nein, es wimmelt auch nur so von Verdächtigen. Hat der seit einem Unfall maskierte Löwendompteur Gregor (Christopher Lee, „Dracula“) damit zu tun? Wonach suchen Barbinis Assistent Carl (Heinz Drache, „Der Hexer“) und der schweigsame Ganove Manfred (Klaus Kinski, „Dracula im Schloss des Schreckens“) unentwegt? Welche Rolle spielt der Liliputaner Mr. Big (Skip Martin, „Circus der Vampire“)? Ist mit Gina (Margaret Lee, „Der Bastard“) gar eine Femme fatale im Spiel? Und kann Inspektor Elliott den Täter dingfest machen, bevor das nächste Opfer den Tod findet?
Direkt zum Einstieg präsentiert man einige herrlich fiese Gangstervisagen und einen allgemein sehr überzeugenden, spannenden Prolog, bevor die Handlung ins Zirkusquartier verlegt und das Tempo gedrosselt wird. Der Zuschauer ist nun eingeladen, ins Zirkus-Ensemble einzutauchen und nach und nach die unterschiedlichen Charaktere kennenzulernen. Am geheimnisvollsten und bedrohlichsten wirkt dabei Dompteur Gregor mit seiner dunklen Skimaske, doch auch der geheimnisvoll umherschleichende Manfred erscheint alles andere als vertrauenserweckend. Die harmloser wirkenden Kontraste bilden da der kleinwüchsige Mr. Big und Buchhalter Eddie (Eddi Arent), der gerne Clown möchten werde und folgerichtig Hauptverantwortlicher für die komödiantischen Einlagen des Films ist. Der Mikrokosmos des Zirkus wird ausführlich beleuchtet, sorgfältige Rollencharakterisierungen und interessante Dialoge halten den nach dem Whodunit?-Prinzip miträtselnde Zuschauer ebenso bei der Stange wie der zwischenmenschliche Sprengstoff aus Neid und Eifersüchteleien. Nicht fehlen darf natürlich auch das eine oder andere Kunststück.
Geschickt führt das Drehbuch sein Publikum an der Nase herum, das schon nach ca. einer Stunde zu wissen glaubt, wer der Mörder ist – jedoch läuft der Film noch locker eine halbe Stunde weiter… genug Zeit für einige Finten und unerwartete Wendungen, die die Aufmerksamkeit der sich in Sicherheit wiegenden Zuschauer schnell wieder zurückerlangen. Die schlussendliche Auflösung ist dann höchst überraschend, jedoch lediglich die Pointe, nachdem man zuvor tragische Ereignisse in Verbindung mit manch menschlicher Schwäche Revue passieren ließ. Christopher Lee überzeugt wie üblich in seiner Rolle, selbst wenn er die meiste Zeit über eine Maske auf dem Kopf trägt. Interessant ist es für Freunde der Wallace-Verfilmungen sicherlich auch, manch Schauspieler gegen die mit ihm in Verbindung gebrachten Rollen besetzt zu erleben, beispielsweise einen Heinz Drache, der mit der Polizei diesmal nicht mehr als nötig zu tun hat. Leo Genn versieht die Rolle des kriminalpolizeilichen Ermittlers mit viel angenehmem britischem Charme, aber ohne negativ auffallende Hüftsteife. Für weiterreichende Vergleiche mit anderen Edgar-Wallce-Filmen fehlt mir Sachkenntnis. Beurteilen kann ich aber, einen unterhaltsamen, mal etwas oberflächlichen und albernen, später aber doch mit einem gewissen emotionalen Tiefgang versehenen Kriminalfilm gesehen zu haben, der mit dem fürs Genre dankbaren Zirkus-Milieu gut umzugehen weiß und für kleinere dramaturgische Durchhänger mit einer Handvoll wahrhaft spannender und punktgenau inszenierter Szenen entschuldigt. So macht britisch-deutsche Freundschaft Freude.
Zu empfehlen ist übrigens die Farbfassung. Die deutsche Schwarzweiß-Auswertung war ursprünglich nicht intendiert.