Ein Graf Dracula, der den brühmten Satz "I never drink Wine" auslässt?
So ist es in dem von der BBC 1977 veröffentlichten TV-Film "Count Dracula". Und wäre dieser einem breiteren Publikum zugänglich gewesen, dann wäre um "Bram Stoker Dracula" (1992) vielleicht nicht ganz so viel Hype gemacht worden. Dieser wurde seinerzeit als die Verfilmung beworben, die der literarischen Vorlage am nächsten ist. Dazu gleich mehr.
Auch die Mischung aus moderner Filmtechnik und Techniken der Gründerzeit des Kinos haben Coppolas Film cineastisch hervogehoben.
Naja, wenn da nicht "Count Dracula" wäre. Zwar ist Coppolas Verfilmung handwerklich perfekter und imposanter in Szene gesetzt. Dennoch: Viele Elemente aus "Count Dracula" finden sich auch in Coppolas Film wieder. Die Soundeffekte, wenn Jonathan von den Vampirfrauen verführt wird, Kameraeinstellungen, die den verrückten Renfield auf Fliegenjagd beobachten oder aber der ironische Charakter des Dr. van Helsing: All das gibt es in dem Streifen, der knapp 15 Jahre vor Coppolas Film über die britischen Bildschirme flimmerte.
Coppolas Vampir ist sehr weit weg vom Original, was vor allem an der Liebesgeschichte zwischen Dracula und Mina liegt. Und auch sonst transportiert der Film die Atmosphäre des Buches kaum.
Ganz anders "Count Dracula": Der Film ist typisch britisch ruhig. Man hat das Gefühl, dass einem gleich jemand eine Tasse Tee bringt, während man den Film sich anschaut. So dicht wirkt die viktorianische Atmosphäre, die transportiert wird.
Genug des Vergleichs. Der "britische" Dracula ist wie der im Buch: höflich, berechnend und tödlich. Er ist tatsächlich eine Bestie, ein Wolf im Schafspelz, zumindest für die, die nicht an den Wolf glauben wollen. Und sein Darsteller ist der wohl beste. Auch wenn Christopher Lee in Jess Francos "Nachts, wenn Dracula erwacht" der literarischen Vorlage optisch am nächsten kommt, so ist Louis Jordan in seiner Darstellung DER Dracula. Jordan braucht keine Maske, keinen langen Umhang, kaum überzogene gesten à la bela Lugosi, keine überzogen düstere Ausleuchtung, keine lauten Soundeffekte, wenn er auftritt. Und dies macht Count Dracula gerade noch realistischer: Ein Wesen, das in der Nacht auf Jagd geht, muss vor allem eines sein: still.
Jordan scheint das personifizierte Böse zu sein, dass nur eines will: Blut. Noch mehr über seine Darstellung zu sagen, wäre ungerecht gegenüber Jordan. Man muss es sehen und spüren.
"Count Dracula" läuft rund 150 Minuten. Wie auch das Buch, hat der Film einige Längen. Einige der Darsteller reichen gerade für ein TV-Produktion (Keanu Reeves und Winona Ryder haben es ja auch auf die Leinwand geschafft). Aber eben jene Behäbigkeit, sowohl inhaltlich als auch filmtechnisch, verleihen dem Film Authentizität,. Denn damals, zu der Zeit, als die Geschichte spielte, war eben alles ein wenig langsamer als heute.
Auch wenn "Count Dracula" inhaltlich etwas trickst (am besten gefällt mir die Zusammenlegen der Figuren des britischen Aristokraten Arthur Holmwood und des Texaners Quincey P. Morris zu Quincey Holmwood), so taucht aber etwa Lucys kranke Mutter auf, die stirbt.
Auch visuell trickst der Film hin und wieder. Die Innenaufnahmen wurden mit Video gedreht und so finden sich auch typische Videotricks (Verfärbung des Bildes, Negativbild). Doch gerade dies wirkt heute umso befremdlicher und verfehlt seinen gruseligen Effekt nicht. Blut gibt es kaum zu sehen. Und so sexy wie Gary Oldman und Sady Frost sich 1992 auf dem Friedhof "vereinigten" ist es in der alten Verfilmung nicht. Hier beugt sich Dracula stöhnend über Lucy, so wie im Buch eben.
Fazit: "Count Dracula" ist der Film, der dem Buch von Bram Stoker am nächsten ist. Für die etwas zu langsame Inszenierung, die manchmal etwas Spannung vermissen lässt, sowie die Darsteller in den Nebenrollen gibt es einen Punkt Abzug. Louis Jordan als Dracula sowie Jack Shepard als Renfield gleichen den Punktverlust aus. Pluspunkte gibt es zudem für die Atmo, den ruhigen aber gruseligen Score, die tolle Ausstattung des Films und vor allem für zwei Szenen: Wenn sich Dracula wie ein Fledermaus die Mauer seines Schlosses herunterbewegt. So abgefahren, wie es Louis Jordan macht, hat es noch kein Darsteller vor ihm getan. Er scheint sich mit kleinen Hüpfbewegungen fortzubewegen. Und das kopfüber mit dem Mond und einem entsetzten Harker im Hintergrund. Einfach klasse.
9/19