Lieber Alfred Dorfer,
wie schön, nach so langer Zeit wieder einmal etwas von Dir gehört zu haben. Naja, nicht nur gehört, auch gesehen - nicht wahr! Das hat mich schon sehr erfreut. Ich habe Dein Werk "Wanted" aus dem Jahr 1997 geniessen dürfen, bei einem Gläschen Rotwein. Weißt Du, es war schon ein tolles Erlebnis.
Aber ich möchte Dir auch etwas sagen, darum schreibe ich Dir schließlich. Den Thomas, den Du da spielst, also ehrlich - schon eine verrückte Type, gell? Kann es sein, daß der nicht nur vom Leben überfordert war, sondern Du von dessen Rolle ebenfalls? Manchmal hat's fast ein bisserl gekünstelt gewirkt. Oder hattest Du nur einen schlechten Tag? Also in "Indien" hast mir schon besser gefallen, muß ich sagen.
Überhaupt dieser Thomas, ist Chirurg und doch ziemlich der Welt entrückt. Das paßt nicht so recht, die Idee ist zwar gut, aber hätte man da nicht einen anderen Berufsstand nehmen können? Und dann einen Pfarrer, der sich umbringt. Na geh, bitte, das muß nicht sein. Das sind so kleine handwerkliche Fehler, die verzeih ich Dir zwar schon, aber nochmal sollte das nicht vorkommen.
Dafür zeichnest Du in diesem Film ein wirklich treffendes Abbild der Realität. Doch mir hat was gefehlt, nämlich das Verständnis dem allem entfliehen zu wollen. So schlimm ist doch das alles nicht gewesen. Die Freundin hat den Thomas verlassen - das wäre an sich schon schlimm, aber nein, wie reagiert der Thomas? Als ob's ihm wurscht wäre ( "Du liebst mich nicht!" - "Das kann man so nicht sagen..."). Eine härtere Gangart des Lebens um Thomas herum hätte sicherlich nicht geschadet, einfach damit man das nachvollziehen kann.
Wie dem auch sei, da ist er also in der Psychiatrie, der Thomas. Warum nochmal kam der Pfarrer zu ihm? Also ich hab's nicht so recht verstanden, am Anfang habe ich fast ein bisserl gedacht, daß die Eltern vom Thomas schon längst tot gewesen wären und der Auftrag ihn besuchen zu gehen eine Traumsequenz war. Auch so eine unverständliche verbesserungswürdige Szene, wie ich finde. Zu zweit reiten sie dann durch die Prärie des Wilden Westens, das ist schon toll gemacht, diese Phantasiewelt. Sowohl die Übergänge, die Erklärungen, die Szenen an sich - da gibt's gar nichts. Dafür ein dickes Lob.
Schön, daß "alte Kameraden" auch dabei sein durften. Klar, der Michael Niavarani spielt natürlich wieder einmal extraklasse. Roland Düringer leider nur in einer Nebenrolle, aber einfach perfekt. Insbesondere seine Einführungszene am Tor der Psychiatrie hat mir gut gefallen, das war ein typischer Düringer. Dann der Karl Markovics als Arzt oder Reinhard Nowak als schmieriger Bankangestellter - also passender wärs wirklich nicht gegangen. Besonders schön: Nach "Hundstage" endlich mal die Maria Hofstätter wieder in einer normalen Rolle zu sehen - nicht daß man am Ende noch denkt, daß sie wirklich so wäre!
Eines bringt der Film schon deutlich zum Ausdruck: Ärzte können nicht weiterhelfen. Weder die Chirurgen im Spital, nicht die Ärzte in der Psychiatrie. Leben und Tod liegen oft zu eng beieinander, und psychische Erkrankungen sind Welten, über die wir einfach zu wenig wissen und aus denen Patienten manchmal gar nicht "heraus" wollen ("Ich helfe Ihnen!" - "Wozu?"). Wenn das so gewollt war, dieses Bild an den Zuschauer zu transportieren, dann ist es gelungen. Aber manchmal habe ich fast das Gefühl, daß dieses Vermitteln ein Zufallsprodukt des fertigen Films ist und nicht gewünschte Absicht beim drehen...
Wie dem auch sei - "Wanted" ist Dir gelungen, trotz aller Kritik ein Film des besseren Drittels österreichischer Produktionen.
Mach's gut und hoffentlich bis bald,
Dein treuer Fan
(7/10)