Der Tag der einstudiert hinausgestotterten Gedichte, krampfhafter Fröhlichkeit und fettiger Tortenstücke mit noch fettigerem Schlagobers. Muttertag ist auch der Tag, an dem die Biederkeit, stets lauernde Falschheit und das schmierige Traditionsdenken einer Gesellschaft gebündelt und zum Anlass für eine gepfefferte, schadenfroh vorgetragene Spötterei genutzt wird. Regisseur Harald Sicheritz und die Schauspieler sowie Drehbuchautoren Roland Düringer und Alfred Dorfer tun dies in ihrer 1993 erschienen Satire mit sprühender Energie.
Fixpunkt in dem Makrokosmos eines Gemeindebaukomplexes ist die Familie Neugebauer. Papa, Edwin (Reinhard Nowak) ist ein von der Midlife-Crisis gebeuteltes armes Würstchen. Er betrügt seine Frau mit der attraktiven Evelyn, lässt im eigenen Ehebett demnach nur noch die Chips knistern und spart dem spießbürgerlichsten aller Träume hinterher: einem neuen, besseren Auto. Mama, Trude (Andrea Händler) ist von der Ehehölle (inklusive schreiend hässlicher Fototapete) dermaßen gelangweilt und frustriert, dass sie sich den dringend benötigten Nervenkitzel bei Ladendiebstählen holt. Nebenbei träumt sie wolllüstern noch von dem primitiven Vorstadtcasanova und Polizeibeamten Gerry. Der tattrige Opa (Roland Düringer) vegetiert zumeist in demenzumwölktem Zustand vor sich hin und wartet - wenn auch nicht ganz ohne Widerstand - auf die, von seiner Familie, längst beschlossene Abschiebung in ein Altersheim. Der sonderliche Sohnemann, Mischa (Alfred Dorfer) steckt mitten im Pubertätsstress, wo er zwischen besorgniserregenden Gewaltphantasien gegenüber seiner Mutter und hormongetränkter sexueller Selbstaufklärung schwankt.
Muttertag ist nun genau der Tag, an dem all diese kleinen, dreckigen Geheimnisse ans Tageslicht kommen und die Psychosen und Neurosen aller Beteiligten eine Tragödie griechischen Ausmaßes anrichten. Aber nicht nur die Familie Neugebauer bietet die Schauwerte dieses Kabinetts der kleinbürgerlichen Absonderlichkeiten, sondern der gesamte Bau und seine vielen Bewohner bekommen das Maß an Aufmerksamkeit, dass ihnen zusteht. Ein seine Schäferhunde zur Ausländerfeindlichkeit abrichtender Irrer, ein geifernd geiler Gemeindepfarrer, eine Bande heroinsüchtiger Punks, die die Grünflächen belagern sind nur einige wenige aus diesem Sammelsurium bizarrer Figuren. Dass einem die oft fiesen und makabren Zutaten nicht im Hals stecken bleiben, dafür sorgt die Mehrfachbesetzung der kabaretterprobten Schauspieler in den diversen Rollen. Vor allem Roland Düringer besetzt alleine acht (Neben-)Rollen. Dieser pythonesque Zugang ermöglicht dem Film seine grell überhöhte Karikierung, die bei allem Ätzen und Bloßstellen den lockeren Humor nicht vergisst.
Muttertag funktioniert ungebrochen heute noch als Brachialsatire über den vielleicht ranzigsten aller Festtage. Die Witzeleinen sitzen oft tief und von Subtilität will man nicht viel wissen, doch steht dies alles im (höheren) Dienste seines anarchischen Geistes, der nicht davor zurückschreckt, Mord, Kannibalismus sowie so manche Frivolität in eine bunt boshafte, aber stets lustige Komödie zu verwandeln. Dabei strömt der beißend schwarze Humor eines deutlich als Vorbild stehenden Georg Kreislers oder Gerhard Bronners durch nahezu jede Szene des Filmes. Sicheritz und seinem Team gelang hier eine originelle und besonders gelungene Weiterführung der weit zurückreichenden Satiretradition Österreichs.