"Tod dem Architekten" - was sie an die kahlen Betonwände im Wiener Waldviertel sprühen, meinen sie auch so: die jungen Punker, die die Schnauze voll haben vom kargen Sozialwohnungsbau. Selbst der Bürgermeister erkennt hier seine eigene Stadt nicht mehr. Kein Wunder, daß die Bewohner in dieser Siedlung allesamt Zivilversager sind.
In einer typischen 3-Zimmer-Wohnung haust das Ehepaar Neugebauer mit Sohn und Opa ("do hätt's mi glei im Heim lossn kennan") und mit ihren Träumen: Trude träumt vom feschen Polizist Kratzl, Edwin vom neuen Toyota Corolla Liftback (mit sparsamem Magermotor), Sohn Mischa träumt davon mit dem elektrisierten Fleischermesser seine Mutti zu killen (natürlich am Muttertag) und naja, Opa träumt davon, die Familie kräftig aufzumischen und ist der einzige, der diesen Traum lebt - zu verlieren hat er schließlich nichts mehr. Eine ganz normale Familie also.
"Muttertag" ist ein absoluter Kultfilm mit den Stars der österreichischen Kabarett-Szene: Alfred Dorfer und Roland Düringer glänzen in mehreren Rollen, ebenso Andrea Händler und Eva Billisich. In Nebenrollen entdecken wir fast vergessene Stars wie Niki List oder Karl Markovics. Für Lacher ist also garantiert, Harald Sicheritz sorgte dafür daß dieser Film ein Feuerwerk an schwarzem Humor abfeuert und die Lachmuskeln strapaziert.
Perfekte Detailarbeit zeichnet diesen Film aus: Jede Hintergrundhandlung ist ausgetüftelt und hat seine Bedeutung, es gilt auf jede Kleinigkeit zu achten. Auch beim wiederholten Ansehen entdeckt man immer neues. Ein böser Kommentar jagt den nächsten, stellvertretend sei hier die Szene erwähnt, als der Postbote überfallen wird und Trude mit Sohn Mischa ungerührt vorbeilaufen: "Nichts ärgers, wie wenn man was gesehen oder gehört hat".
Die unglaublichen Knaller, teilweise wirklich hart an der Schmerzgrenze zur Boshaftigkeit, reihen sich wie an einer Perlenkette auf. Da sind die Punker, die den Opa daran erinnern sein Sparbüchlein nicht liegen zu lassen; oder Opa wie er bei rot über die Straße läuft, den Verkehr mit dem Schirm aufzuhalten versucht und gleichzeitig über diese frechen Autofahrer schimpft; der Bus mit den Pfadfindern, der genau eine Haltestelle weit fährt; der Ladendieb ("i hob nur g'schaut"), der lüsterne Pfarrer - man kann sich nicht entscheiden, welche Szene man als persönlichen Favoriten nennen kann.
Eins ist klar: wenn man den Film zusammen gesehen hat, diskutiert man noch lange Zeit später darüber: "Kannst du dich noch erinnern an die Szene?" - "weißt du noch, wie..."
"Muttertag" ist ein Film der in Erinnerung bleibt und durch seine Genialität, seine treffende Analyse und Beschreibung von typischen Vorstadtbewohnern, seine detailgetreue Aufzeichnung menschlicher Unzulänglichkeiten und typischer nachbarschaftlicher Kleinkriege glänzt. Alles steuert auf den großen Muttertag zu ("Opa, du Sau!" - "Sau sagt man nicht, nicht einmal zum Opa!") an dem dann das traute Neugebauer'sche Familienglück vom "Fiiiiiickfroscherl" zerstört wird.
Untermalt ist "Muttertag" mit einem klasse Soundtrack, die Gruppe "Wiener Wunder" hat hier super gearbeitet und mit der Neufassung von "Mama" und dem Titelsong "Muttertag" zwei wahre Ohrwürmer geschaffen.
Alles in allem ist der Film Referenz für andere Ösi-Komödien und uneingeschränkt empfehlenswert.
(10/10)