Review

"Es ist unmöglich von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein"


Welch wahre Erkenntnis sich in diesem Slogan wiederspiegelt, der seit Jahrzehnten auf den Einbänden sämtlicher Goldmannscher Wallace-Taschenbuchausgaben und seit den frühen 60er Jahren auch auf den Kinoplakaten zu den Romanverfilmungen prangte.

"Wie der Vater - so der Sohn!" dachte sich dann der gute Bryan Edgar und brachte ebenfalls seine literarischen Ergüsse zu Papier.
Von dem Erfolg, die die unzähligen Wallace-Adaptionen der Rialto Film bescherten, wollte auch deren größter Produzent - Artur Brauner - etwas abhaben. Nachdem sich die windigen Produzenten der Rialto Film bei Edgars Tochter Patricia Wallace sämtliche Rechte an den Romanen des berühmten Vaters gesichert hatten, blieben Brauner dann nur die weniger erfolgreichen Geschichten des Sohnes und so entstand ab 1962 die Bryan-Edgar Wallace-Filmreihe, die mehr schlecht als recht beim großen Vorbild abzukupfern versuchte, aber niemals richtig an deren Erfolg anknüpfen konnte.

Als das Ende von Edgar Wallace eingeläutet wurde, trug die Konkurrenz auch gleich Sohnemann Bryan-Edgar mit zu Grabe - nicht aber ohne vorher noch mit "Der Todesrächer von Soho" und und dem letzten "BEW" "Das Geheimnis des gelben Grabes" zwei kleine Highlights ins Rennen zu schicken. 

Um möglichst viel Kapital aus den Filmen zu schlagen und gleichzeitig das finanzielle Risiko bei einem Kassenflop so gering wie möglich zu halten, wurde bei Brauner sehr kostensparend inszeniert. Das Budget war hier teilweise noch geringer als das bei der Rialto Film und das sieht man den meisten "BEW"-Verfilmungen auch an.
Während bei "Edgar Wallace" zu jedem Film ein eigener Soundtrack komponiert wurde, wurde bei Brauner kräftig recycelt - Kompositionen aus "Dr.Mabuse" fanden ebenso bei "BEW" als auch der Conan-Doyle-Verfilmung "Sherlock Holmes und das Halsband des Todes" Verwendung und auch Filmstoffe wurden einfach noch einmal neu inszeniert. 
So wie bei "Der Todesrächer von Soho", für den ein "Filmemacher" gewonnen werden konnte, der es verstand, mit wenig Geld was halbwegs anständiges auf die Beine zu stellen: Trash-Legende Jess Franco, der unter dem einfallsreichen Pseudonym Jess Frank zusammen mit Art Bernd alias Artur Brauner das Drehbuch verfasste, dass dreist nahezu eine identische Geschichte erzählt, die dem Zuschauer bereits 1962 bei "Das Geheimnis der schwarzen Koffer" aufgetischt wurde.

Vor diesem Hintergrund verwundern die inszenatorischen Schwächen des "Todesrächers" kaum, auch wenn das Endergebnis im Vergleich zu den qualitativ hochwertigeren Vorgänger- bzw. Nachfolger-Produktionen "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" und "Das Geheimnis des gelben Grabes" erschreckend und beschämend ist:
Die Beleuchtung ist eine einzige Katastrophe, das Finale offenbart eklatante Drehbuchschwächen und die Außenaufnahmen, die dem Zuschauer London und seine ländlichen Grafschaften vorgaukeln wollen, sind ein Witz.

"Der Todesrächer von Soho" ist eine billige, teilweise dilettantische Reißbrett-Produktion voll von unfreiwilliger Komik und mit sehr hohem Trashpotential. 
Jess Francos Krimi ist zwar ein inszenatorischer Reinfall, gemessen an seinem Unterhaltungswert aber durchaus lohnenswert. 
Das meiste Geld wurde offensichtlich in die prominente Besetzung investiert und die kann sich durchaus sehen lassen: Horst Tappert - der auch in Francos "Sie tötete in Ekstase" mit von der Partie war - überzeugt hier mit seinem doppelbödigen Spiel, ebenso wie Siegfried Schürenberg (Sir John aus den "Original"-Wallace-Verfilmungen), der hier als Oberschurke einfach genial ist, sowie Barbara Rütting und Wolfgang Kieling in einer kleinen Nebenrolle. 
Rainer Basedow (späteres Mitglied der Münchner Lach- und Schießgesellschaft) spielt seinen Sergeant McDowell im Gegensatz zu seinen sonstigen Rollen in Klamaukfilmen angenehm zurückhaltend, während der von Louis Morris dargestellte und von Hans Clarin (!) synchronisierte Fotograf Pickwick für die heiteren Momente des Films sorgt.
Und Fred Williamson als Yard-Inspector mit Baskenmütze sollte man am besten keinerlei Beachtung schenken.

Die Handlung an sich ist recht düster (was ausnahmsweise nicht an der schlechten Beleuchtung liegt) und verwickelt den Zuschauer in eine altbekannte, aber spannende Story um einen geheimnisvollen Rächer, die in den schmierigen Kaschemmen des Rotlicht- und Drogenmilieus angesiedelt ist. 
Der Film weist einige Härten auf, die aber für Franco-Verhältnisse befremdlich blutarm in Szene gesetzt worden sind. 
"Der Todesrächer" wirkt für einen "Franco" aus den frühen 70ern fast wie jugendfreies Familienprogramm für den gemütlichen Sonntagnachmittag - Brutalitäten, Sadismen und Foltereinlagen wie zu Francos besten "WIP"-Zeiten darf der Zuschauer hier nicht erwarten: trotz seines anrüchigen Milieus mangelt es auch an sexploitativen Charakter. Im Gegenteil: wenn Horst Tappert Drogen verdammt und den moralischen Zeigefinger erhebt, wirkt die Szene als würde Tappert für seine späteren philosophischen Auftritte als "Derrick" üben - ja, Drogen sind ein Werk des Teufels!

Die Auflösung des Krimirätsels kommt weniger überraschend, dafür ist Tapperts Charakter zu undurchsichtig und widersprüchlich dargestellt. 
Das Finale ist insgesamt zu hektisch ausgefallen, die Ereignisse überstürzen sich und als besonderer Clou wird ein zweiter Täter aus dem Hut gezaubert, ohne dass auf dessen Auftritt irgendeine Erklärung folgt.
Das Ende ist tragisch und dramatisch, verliert aber durch die letzte Einstellung mit seinem abgedroschenen Happy-End mit banal-humoresker Note sehr viel an Wirkung.

Über der gesamten mangelhaften Inszenierung s(ch)wingt jedoch ein erfrischender, in seiner Vielseitigkeit und seinen temporeichen Beats typischer 70ies-Soundtrack von Rolf Kühn, der für die nötige Stimmung und Atmosphäre sorgt und den Zuschauer manche Schwäche dieses billigen Flickwerks vergessen lässt. Das Leitmotiv des Films fand übrigens im Zuge weiterer Einsparungen in späteren Werken wie "Zinksärge für die Goldjungen" erneut Verwendung.

Besetzung, musikalische Untermalung und der hohe Unterhaltungswert verdienen Anerkennung - über den Rest hüllen wir den Mantel des Schweigens.

Hier sprach Bryan-Edgar Wallace!

7/10

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