Meine erste Begegnung mit Abel Ferrara hatte ich anno 2006, als der damals noch aktuelle Fernsehsender "Das Vierte" in einem Programmhinweis für einen seiner Filme warb. "Das ist doch der Regisseur von "Driller Killer"!" hatte ich mir damals angelesen und verwirrte Blicke meiner Eltern geerntet, als mir diese Feststellung leichtsinnig über die Zunge rollte, während der Programmhinweis an irgendeinem Samstag im Hintergrund lief. Meine erste echte Begegnung mit Ferraras Werk hatte ich hingegen erst kürzlich, dem Düsseldorfer Filmmuseum sei dank, und ohrfeigte mich dafür nachträglich: Ferraras zweiter hätte perfekt in meine Punkhochphase gepasst, in der ich mich mit einem vampiresk anmutenden Kulturdurst auf alles cineastische gestürzt habe, was mir in meiner Kleinstadtanarcho - Clique den Ruf des versnobten Kunstpunks einbrachte. Wobei mir zum Snobismus damals wie heute immer schon das Geld fehlte.
Die niederrheinische Provinz, in der ich aufwuchs mag für meine Verhältnisse die piefige Hölle auf Erden gewesen, aber dürfte auch nach heutigem Maßstab dem Vergleich mit dem New York der 80er Jahre nicht standhalten, wenn es darum ginge, den größeren Moloch zu kühren: Der hier inszenierte Großstadtdschungel ist voll der sexuellen Raubtiere, wie Protagonistin Thanna bald am eigenen Leibe erfahren muss. Die mutistische und bei jeder sich bietenden Gelegenheit entweder vom chauvinistischen Chef untergebutterte Schneiderin durchlebt den Terror lüsterner Blicke und geifernder Kommentare auf dem Weg zur Arbeit täglich. An einem Tag vergreifen sich gleich zwei dieser Prädatoren an Thanna, die den zweiten Täter in ihrer kleinen New Yorker Wohnung erschlägt und zwecks Beweisbeseitigung zerstückelt.
Statt der erhofften Katharsis bringt dieses Erlebnis der jungen Frau psychische Probleme ein: sie leidet unter Halluzinationen, Panikattacken, Konzentrationsschwächen, zieht sich immer weiter von ihrem Umfeld zurück. Die Tatwaffe des zweiten Vergewaltigers bringt Thannas Wunsch nach Rache zum Vorschein: modisch gekleidet und geschminkt wird aus der unauffälligen grauen Maus an der Nähmaschine ein geheimnisvoller Vamp, der die Männer gleich einer Venusfliegenfalle anlockt und dann zielsicher aus dem Verkehr zieht. Recht und Unrecht verschwimmen dabei recht schnell und es sterben immer wieder auch unschuldige Männer. Zudem liegen die Beweise für ihren ersten Mord immer noch im Kühlschrank.
Als ich zum ersten Mal von der Existenz dieses Filmes erfuhr hörte ich den Titel losgelöst von Abel Ferraras Namen. Daher machte ich den Fehler, das Werk für ein Exploitationprodukt zu halten. Und auch, wenn Ferrara und sein Drehbuchautor Nicholas St. John sich an dieser Art Film deutlich orientiert haben handelt es sich bei "Ms. 45" um einen Kunstfilm, der neben der Kritik an der Verherrlichung des Vigilantentums scharf gegen die patriarchische US - Gesellschaft schießt: fast alle im Film dargestellten Männer sind meist notgeile Sprücheklopfer, Psychopathen oder Tyrannen in Führungspositionen, die Thana wahlweise als Billiglohnsklavin, Ware oder Mittel zur Triebabfuhr betrachten. Die wenigen Ausnahmen wie ein junger Mann, der ihr eine Einkaufstüte voller Leichenteile im Glauben, die habe diese vergessen hinterherträgt sowie ein deprimierter Schuhverkäufer, der sich letztlich mit ihrer Waffe selbst hinrichtet, werden vom Film und damit von Thana ebenso mit tödlicher Missachtung gestraft wie die tatsächlichen Straftäter und diejenigen in ihrer Komplizenschaft. Interessant fand ich dabei das Element der Leiche in Thanas Kühlschrank und ihre teils schwarzhumorige Beseitigung, mit der unsere Protagonistin sich die ganze Spielzeit über befassen darf und die zeigt, dass sie die Tat bis zuletzt nicht verarbeitet hat.
Ferrara hat diesen Film mit viel punkigem Charme gestaltet und New York in seiner Dreckigkeit absolut hervorragend eingefangen und beweist ein Gespür für Bildkomposition. Besonders die Szene, in der Thana auf einem Vorplatz vier Gangster niederstreckt und die eine Anspielung auf einen ähnlichen "Ein Mann sieht rot" - Moment ist mir im Gedächtnis geblieben. Zudem das Schauspielvermögen Zoe Lunds, die Thanas Rolle ohne Worte verkörpert. Gar nicht auszumalen, zu was Zoe Lund, die hier hervorragend spielt, in der Lage wäre, wenn man ihr eine Sprechrolle gibt.
Leider meinte es das Leben mit der Darstellerin, die 1999 ihrem Heroinkonsum erlag, nicht sonderlich besser als mit Thana. Der Großstadtdschungel erwischte sie auf unsanfte Weise doch noch und streckte sie mit der Nadel nieder. "Die Frau mit der 45er Magnum" ist ruchloses, dreckiges Kino, dass erst schießt und dann Fragen stellt. Vor der Sichtung sollten sich Zuschauer jedoch die Frage stellen, ob sie Thanas Abstieg in ihre persönliche Hölle gewachsen fühlen. Wenn nicht sollte man zu einem geeigneteren Zeitpunkt zurückkehren. So recht bedacht hätte der Film damals doch nicht in meine Punkphase hereingepasst.