Review
von Con Trai
Ong Bak. Born to Fight. Tom Yum Goong.
Die Heilige Dreifaltigkeit, die nahezu im Alleingang plötzlich das thailändische Kino ins Bewusstsein der breiteren Masse geschoben hat, vor allem auch international entsprechend kräftig durchstarten durfte und gleich mehr oder minder indirekt die Hong Kong Action positiv beeinflusste.
Dynamite Warrior, mit aufgedrehtem Geldhahn und einer colorierten Fantasyoptik fürs Weihnachtsgeschäft subventioniert, möchte gern dazugehören, und auch irgendwie schon wieder nicht. Sich abgrenzen von der bisher gängigen Muay Thai Mixtur, die sicherlich auch hier und da im Subgenre selber modifiziert wurde, sich nach den Paukenschlägen aber trotzdem nicht mehr so einfach steigern ließ. Man die Extreme bereits erreicht hat. Die Nachfolger bekamen die prompte Watsche ab, erschienen entweder unter ferner liefen [ Tiger Blade ], gar nicht [ Dead End ] oder werden bereits im Vorfeld mit einem müden Gähnen durchgewunken, wobei es noch nicht einmal für ein hämisches Grinsen angesichts der zumeist eher lächerlichen Schauspiel-/Dialogregie ausreicht [ Pahuyut, Muay Thai Chaiya ].
Auch Dynamite Warrior, ebenfalls mit Skepsis anhand des diesmal auf high-grade special effects setzenden Plots betrachtet, vermochte nicht mehr einzuschlagen wie eine Bombe, auch wenn im Film selber die Raketen gezündelt werden wie schon lange nicht mehr. Letztlich gewinnt die alludierende Handlung, die scheinbar durch eine Land-der-Ideen-Kampagne gewonnen wurde, durch seine spinnerte Übernatürlichkeit, der schieren Andersartigkeit und der genremäßigen Unzusammengehörigkeit aber wieder. Diesmal hat man nämlich während einem zweiwöchigen Urlaub auf der Hanfplantage, mit Joe Hembus' inspirierendem Westernlexikon auf den Knien, wirklich etwas Geschrieben. Statt die Leute nur nach Buddhaköpfen und Elefanten forschen zu lassen und dass lauthals dem Nächstbesten kundzutun. Außerdem weiß Regisseur Chalerm Wongpim sein in Co-Arbeit fabriziertes Skript auch insoweit umzusetzen, dass es im ausnahmsweise beweglichen Erzählstil tatsächlich ohne Durchhänger und stattdessen mit einem - für die Verhältnisse - richtig formvollendeten Spannungsaufbau versehen ist. Eine dramaturgische Steigerung, die auch abseits der Haudrauf-Szenen funktioniert und sein Chaos, die Abwegigkeit, die Mythopoesie und die Parodien in ein schon nahezu episch angelegtes Spaßknäuel verlegen kann; ohne mal gleich über Minuten hinweg lose Fasern zu verlieren.
Das Setting ist Western, allerdings im Bizarro-Stil. Krachledernd und knallig. Auch nicht Texas, sondern die Khorat-Hochebene. Siam. 1855.
Seit den Bowring-Verträgen, die das Land in die freie Marktwirtschaft, das kapitalistische System und damit letztlich den Weltmarkt bringen sollten, streben vor allem die Reisbauern nach Aufschwung; zur Ernte werden händeringend Büffel gebraucht, die von Viehtreibern wie Nai Hoi Singh [ "Bruce Lee of Boxing" Samart Payakarun ] durch die Steppe geführt werden. Allerdings haben zwei Personen etwas dagegen: Lord Waeng [ Pop Star Leo Putt ] möchte gern Traktoren unters Volk bringen, und die Zugtiere als Konkurrenz beseitigen.
Jone Bang Fai, der "Firecracker Thief" [ Dan Chupong ] sucht den Mörder seiner Eltern und scheint ihn in Kuhhirt Singh gefunden zu haben. Da dieser über magische Kräfte verfügt, wenden sie sich gemeinsam an Nai Hoi Dam, einen Schwarzen Zauberer [ Panna Rittikrai ], der selber noch eine Rechnung mit Singh offen hat und ihnen bereitwillig hilft. Allerdings benötigen sie dafür das Menstruationsblut einer Jungfrau.
Die historische Landnahme ist der Stoff. Eine bäuerliche Landschaftsimpression zwischen Agrarperspektive, Frontierhütte, abgelegen-aufgemotzter Siedlerfestung und düsteren Lokalitäten der Unterwelt der Schauplatz. Magie und Folklore die Eckpunkte. Die Revenge die dynamische Hypothek. Eine Lovestory die unterfütterte Ergänzung. Der Tribut an den Isaan, Thailands ärmste Region, eine geldlose Gemeinschaft, die emotionale Steigerung. Geschichte, Theorie, Praxis der logische Fortgang; erst die Personenkonfiguration aus Suchenden, Jagenden und Gejagten, deren erste Konfrontation, der Rückzug zur Stärkung, die zweite Konfrontation und schlussendlich das Finale. Aus dem Western kommen die Wertstrukturen für die Opposition sowie die Aktanten, jeweils Außenseiter der Gesellschaft, die diese entweder ausnutzen oder ihnen die Hilfe anbieten. Der Kontrast zwischen Arm und Reich sowie der zwischen Wildnis und Zivilisation zieht sich durch den Film ebenso wie das deutlich sichtbare Unterschiedsverhältnis von Stark und Schwach und natürlich auch Gut und Böse.
Derartig fest nach allen Seiten hin ausbalanciert und genau die Kerbe der Klischees treffend, schadet Dynamite Warrior der misslungene Einstieg überhaupt nicht; auch wenn man anfangs als surrealistisches, symbolistisches, expressionistisches Halbschwergewicht heftig schlingernd und wie mit wankenden Beinen durch den imaginären Ring taumelt und nur mühsam von den Halteseilen daran gehindert wird, von der bedenklichen Schlagseite gleich ganz ins Aus zu taumeln.
Zwar geht hier durchgängig betrachtet mehr Dampf ab und kommen die markanten Muay Thai Techniken auch bereits von Beginn weg zum Zuge; aber diesmal mit Drähten bezüglich des Effektes verstärkt und anderem wacko anime CG angeheizt. Vertuschte Wollust. Gute Choreographie des lange pausierenden Somjai Janmontri, weniger harte Inszenierung, bescheidener Score, die Explosionen muss man auf jeden Fall nochmal üben und dass der Endgegner bloß mit der spiritistischen Hand arbeitet stößt den Puristen sicherlich auch auf. Immerhin werkelt wenigstens Chupong wie gewohnt mit den harten Waffen der Kniestösse, springt seine Gegner an, nutzt das Schienbein als Mauerbrecher, wechselt schnell von der nahen Schlagdistanz in den Clinch, von Faust- zu Ellenbogenschlägen zum Lowkick auf die Beine, zielt auf ihren Knockout-Punkt und schickt sie mit präziser Zeitlupe in das Land der Träume.
Passend dazu muss man sich vielleicht erst von den kognitiven Fähigkeiten verabschieden, an die überbordende Mixtur visueller und akustischer Eindrücke gewöhnen und abseits aller üblichen Knie-und-Ellenbogen-an-Kopf Treffer die Bereitschaft schüren, etwas völlig Neues, Verwirrendes zu erwarten. Daran, dass kannibalistische Muttermörder tief grollend durch ein in Grau abgestorbenes Walddickicht breschen, bisher harmlose Menschen durch faule Tricks in reissende Besessene verwandelt werden und auf allen Vieren durch lähmende Alptraumlandschaften jagen, Arme und Beine von Sicheln abgetrennt und Halsschlagadern durchschnitten werden. Momente des naturhaft Bösen, sehr zur Freude eines aufgetakelten Pompadours mit Hasenscharte, der nur an sein Geld denkt und dabei affektiert ins Fäustchen lacht.
Generell sind die Darsteller schon so nicht die Hübschesten - selbst main hero Chupong ist alles, ausser cute; weswegen er sich auch hinter Halstuch und Pullmankappe maskiert -, die gutturalen Laute gewöhnungsbedürftig, das Schauspiel des Volkstheaters eher laut als gekonnt, so wird sich hier noch eifrig im Dreck gewühlt und zusätzlich chargierend übertrieben und karikierend verunstaltet. Aber trotz allem immer in der speziellen Form der sympathischen Unernsthaftigkeit, die man mit Blick auf Witz und Unterhaltung gutheißen kann; anders als Tears of the Black Tiger oder Sars Wars gibt man sich auch nicht zuviel krampfhafte Mühe dahingehend, seltsam zu sein, sondern beschränkt sich auf eine geordnete Mischung aus Theravada-Konfession, Alarm im Affenhaus, Transvestitenclub und Kindergarten. In der mit raketenangetriebenen Landtorpedos durch die Gegend geschossen und auch darauf geritten wird, schnell mal Körper und Geist getauscht und das hübsche, noch unbefleckte Mädel von nebenan ungeniert gefragt wird, wann sie denn nun endlich ihre Tagen hat.