Review

Ein paar Bemerkungen zur italienischen (Horror-)Filmlandschaft vorweg: Anfang der 60er Jahre, als der beachtliche Erfolg des Neorealismus längst wieder massiv abgeflaut war - wenngleich die neorealistischen Klassiker noch im Werk jüngerer Filmemacher nachhallten -, entstand in Italien ein neues, international sehr erfolgreiches Autorenkino - das bloß wenig mit den zeitgleich in anderen Ländern stattfindenden Neuen Wellen zu tun hatte, womöglich weil man eine solche bereits in der Form des Neorealismus hinter sich hatte -, ehe dann ab Mitte/Ende der 60er Jahre und vor allem in den 70er Jahren auch der kommerzielle Genrefilm Italiens einen neuen Aufschwung und vor allem eine ungeahnte internationale Breitenwirksamkeit erlebte. Gerade der italienische Horrorfilm erlebte zweifelsohne in den 70er Jahren seine Hochzeit; trat er schon in den 60er Jahren mit vereinzelten (gothic) horror-Beiträgen von Mario Bava, Antonio Margheriti, Massimo Pupillo, Riccardo Freda, Giorgio Ferroni, Piero Regnoli, Alberto De Martino, Camillo Mastrocinque, Mario Caiano, Renato Polselli und den ersten Vorläufern der erst 1969 so richtig loslegenden gialli in Erscheinung, so waren es doch die 70er Jahre, in denen er vollends aufblühte: Viele der genannten sind noch immer bzw. schon wieder im Genre tätig, mit Dario Argento, Sergio Martino, Lucio Fulci, Aldo Lado, Umberto Lenzi, Joe D'Amato, Pupi Avati, Massimo Dallamano, Emilio Miraglia, Luigi Batzella, Antonio Bido u. v. a. kamen etliche, unterschiedlich talentierte & produktive Bereicherer des Genres hinzu, der giallo erlebte 1971/1972 seine enorm produktive Blütezeit (und war auch 1980 noch nicht völlig tot), mit Exorzismus-, Besessenheits-, Zombie-, Kannibalen-Themen entstanden neue Subgenres und auch der erotische Film reizte mit Frauengefängnis-, Nazilager- und Kloster-Staffage seine sadomasochistische Ausformung radikal aus und betrat aufgrund seiner Folter- & Verwundungsszenen, sowie aufgrund gelegentlicher, phantastischer Einschläge immer wieder den Sektor des Horrorfilms...
Die Überbietungstaktik des Splatterfilms - vornehmlich des Zombie- und Kannibalenfilms! - und das immer stärkere Plagiieren amerikanischer Vorbilder ließen den italienischen Horrorfilm Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre schließlich in eine Sackgasse laufen: In einer Filmkultur, in der - bedingt durch die Wirtschaftskrise, welche sich in den 70er Jahren verschärfte und Mitte der 80er Jahre bedrohliche Züge annahm, und durch den Siegeszug des Fernsehens, der ab 1976 mit seinen unzähligen Privatsendern und dem folgenschweren Erfolg Berlusconis (gerade in den 80er Jahren!) einsetzte - ein katastrophaler Verfall seinen Gang nahm,[1] stand dann auch der Horrorfilm mehr oder weniger vor dem Aus. Zumal ein Urgestein wie Riccardo Freda 1981 seinen letzten Film - den Horrorthriller "Follia omicida" - inszenierte und Genre-Großmeister Mario Bava 1980 das Zeitliche segnete. Dessen Sohn Lamberto konnte noch bis 1987 relativ gut verdauliche Genrefilme inszenieren, ehe er sich fast ausschließlich auf kostengünstigere TV-Arbeiten spezialisierte, Vielfilmer D'Amato wandte sich Anfang/Mitte der 80er Jahre immer häufiger dem lukrativeren Sexfilm zu, Ruggero Deodatos Karriere als fleißiger Genrefilmer endete - sieht man von der Ausnahme "Vortice mortale" (1993) und seinem jüngsten Comeback ab! - 1988 und Lucio Fulci - von 1979 bis 1982 der unangefochtene Meister des italienischen Splatterfilms! - war zwar noch bis 1991 überaus produktiv, ließ aber spätestens 1987 aus ökonomischen, aber auch aus gesundheitlichen Gründen jegliche Qualität missen. Es lässt sich bei den italienischen Genrefilmern, die schon in den 70er Jahren aktiv waren, eine Art Muster wahrnehmen: Anfang/Mitte der 80er Jahre lässt die Qualität ihrer Horrorfilme nach mehrheitlicher Meinung merklich nach, Mitte/Ende der 80er Jahre nimmt ihre Produktivität schließlich ebenfalls ab, in den 90er Jahren drehen sie keine oder kaum noch Horrorfilme mehr und arbeiten vermehrt für das Fernsehen - zumal ist die Anzahl der relevanten Filmemacher spürbar zurückgegangen; und die Horrorfilme, die ab Mitte der 80er Jahre herauskommen, sind eher im TV-Programm und auf Video zu sehen, als dass sie noch in die Kinos gelangen.
Wenn in den späten 80er Jahren und in den 90er Jahren neue Genrefilmer auftauchten, die vielversprechende Qualität ablieferten, blieb es ihnen verwehrt, eine daran anschließende Karriere aufzubauen: Mariano Bainos beachtlicher, russisch-britisch-italienischer Koproduktion "Temnye vody" (1993) mit Lovecraft-Anklängen folgte zwei Jahrzehnte lang gar kein Langfilm mehr, Gianfranco Giagni ließ nach seinem faszinierenden "Il nido del ragno (1988) bis heute nur noch Dokus, TV-Beiträge und ein Drama folgen, Maurizio Zaccaro lieferte neben dem Horrorthriller "Dove comincia la notte" (1991) - nach Pupi Avatis Drehbuch! - nur noch Dramen ab, um Ende der 90er vollendes zum TV-Film zu wechseln.[2]

Eine große Ausnahme ist Dario Argento, der zumindest bis "Dracula 3D" (2012) unermüdlich weiterarbeitete und momentan damit beschäftigt sein soll, "The Sandman" nach einem Drehbuch von David Tully vorzubereiten (von dem auch die Bücher zu Robert Sigls "Hepzibah - Sie holt dich im Schlaf" (2010) und Tobe Hoopers "Djinn" (2013) stammen, was die Vorfreude etwas dämpft). Auch Pupi Avati ist bis heute durchgängig aktiv geblieben, hat aber - trotz vier, fünf Horror- bzw- Phantastik-affinen Filmen im Frühwerk - nach "Zeder" (1983) im Horrorgenre nur noch die wirklich sehenswürdigen Filme "L'arcano incantatore" (1996) und "Il nascondiglio" (2007), sowie den Thriller "L'amico d'infanzia" (1994) abgeliefert (um als Drehbuchautor noch bei Zaccaros erwähntem Genrebeitrag und bei "La stanza accanto" (1994) Fabrizio Laurentis mitzuwirken, der zuvor etwa "La Casa 4" (1988) gedreht hatte und anschließend mit der Serie "Voci notturne" (1995) in TV-Gefilde abwanderte). Argento dagegen ist seinem bevorzugten Genre bis heute treu geblieben, wenngleich seine jüngsten Filme nicht mehr den Status seines Frühwerks genießen.
Argento ist damit gewissermaßen eine Art Aushängeschild des italienischen Horrorfilms geworden, das seit Mitte der 80er im Grunde keinerlei Konkurrenz mehr zu fürchten hatte. Nicht nur das, er etablierte gewissermaßen eine Art Argento-Schule: Und sein wichtigster Schüler war sicherlich Michele Soavi, der als Statist & Nebendarsteller, als ungenannter Co-Autor und Regieassistent seit Anfang der 80er Jahre bei Fulci, D'Amato und Argento mitwirkte - nachdem er schon Mitte/Ende der 70er Jahre ins Filmgeschäft hineingeschnuppert hatte -, um 1985 schließlich die Doku "Il mondo dell'orrore di Dario Argento" anzufertigen. Seinen ersten Horrorfilm, "Deliria" (1987), produzierte noch D'Amato, aber "La chiesa" (1989) und "La setta" (1991) wurden beide von Dario Argento produziert, der auch an den Drehbüchern mitwirkte und dessen Entdeckung Goblin Musik für "La chiesa" beisteuerte; auch Keith Emerson, der schon für Argentos "Inferno" (1980) einen Soundtrack ablieferte, hat sich daran beteiligt. Überhaupt ist in "La chiesa" der Einfluss von Soavis großem Vorbild Argento gut zu erkennen: das Geschehen beäugende Tiere in Großaufnahmen, ausladende Kamerafahrten, übermäßig hervorgehobene Geräusche, artifizielle point of view-Einstellungen, Zeitlupeneffekte in den explosionsartigen Schock- & Actionmomenten, radikal einbrechende Gewaltnummern, überspitzte Karikaturen als Nebenfiguren und eine generell sehr betont zelebrierte Form bei einem gleichzeitigen Verzicht auf die Stringenz der Handlung... Auch in anderen Soavis kann man den Argento-Schüler entdecken, der sich aber nach seinem letzten Horrorfilm "Dellamorte Dellamore" (1994) dem Fernsehen zuwandte (und erst mit dem Kriminaldrama "Arrivederci amore, ciao" (2006) und dem Kriegsdrama "Il sangue dei vinti" (2008) zum Kinofilm zurückkehrte).
Im Gegensatz zu Soavi kann man Lamberto Bava kaum als Schüler Argentos betrachten, aber seine von Argento produzierten und von Argento, Lamberto Bava, Franco Ferrini und Dardano Sacchetti geschriebenen Schocker "Dèmoni" (1985) und "Dèmoni 2... l'incubo ritorna" (1986) weisen zu großen Teilen auch Argentos Handschrift auf: Goblin-Mitglied Claudio Simonetti komponierte den Soundtrack des ersten Teils, der erstmals bei Argentos "Phenomena" (1985) in Erscheinung getretene Komponist Simon Boswell kümmerte sich um den zweiten Teil. Auch der von Argento bereits in "Phenomena" erprobte Einsatz von Hard Rock- & Heavy Metal-Klängen wird hier wiederholt: so ertönen etwa Saxon, Mötley Crüe oder Pretty Maids in "Dèmoni", der knapp neun Monate nach "Phenomena" in die Kinos kam. Ausgesprochen Lamberto Bava-mäßig kommt die Film-im-Film-Handlung von "Dèmoni" daher, die ein wenig seine späteren TV-Filme "Una notte al cimitero" (1987) oder "La maschera del demonio" (1989) vorwegnimmt. An Argento erinnern dagegen der Nebenstrang bzw. die Nebenfigur des blinden Kinogängers und die expressive Ausleuchtung des Films, weniger deutlich auch vereinzelte Korridor-Fahrten der Kamera und das theatralische Ambiente des Filmpalastes, das den so oft von Argento gewählten Bühnen-Ambientes gleicht... (Es gibt aber auch Anleihen bei Fulci in "Dèmoni", etwa den blutigen, gewalttätigen Griff eines Dämons an den Hinterkopf seines Opfers: Man kennt das aus den Zombie-Attacken aus "Paura nella città dei morti viventi" (1980).) Die Besetzung des Films mit Michele Soavi und Fiore Argento, sowie ein "4 mosche di velluto grigio"-Plakat verweisen ebenfalls auf den Maestro des italienischen Horrorfilms. "Dèmoni 2... l'incubo ritorna", das Spielfilmdebüt von Asia Argento, wird diese Nähe ein wenig einbüßen; und aus dem einst als "Dèmoni 3" geplanten Film wurde schließlich Soavis bereits erwähnter "La chiesa"...
Auch Argentos Versuch, Fulci nach langer Zeit der Untätigkeit ein neues Projekt zu ermöglichen, trägt in Teilen Argentos Züge: Nachdem der als Regisseur vorgesehene Fulci vor Drehbeginn von "M.D.C. - Maschera di cera" (1997) verstorben ist, schrieb Argento Fulcis Drehbuch nochmals um und bot die Regie seinem mehrfachen Make Up- und Effekt-Künstler Sergio Stivaletti an (der später noch den schwachen, auf Bava verweisenden, aber an Amicus-Filme angelehnten Episoden-Horrorfilm "I tre volti del terrore" (2004) gedreht hat, eine Episode für "The Profane Exhibit" (2013) beisteuerte und sich nun daran versucht, einen Vampirfilm namens "Nightfall" zu bewerkstelligen; als Effektkünstler war er auch bei den von Argento produzierten Filmen Lamberto Bavas und Michele Soavis dabei). Diese Hommage an klassische Horrorfilme erinnert zwar inszenatorisch kaum an Argento, kommt diesem aber in der perversen Konstruktion seiner Greuel oder in seiner Opern-Arien-Mordsequenz ziemlich nahe.
Und auch unter den Filmen, die nicht im direkten Dunstkreis Argentos entstanden sind, lassen sich Einflüsse & Verweise erkennen: In seinen blau-rot ausgeleuchteten Bildern und den teilweise auffällig kreisenden Kamerafahrten, sowie in den schwarz behandschuhten, über diverse Utensilien streifenden Händen erinnert etwa auch Festas "Fatal Frames" (1996) an Argento, geht aber letztlich eigene Wege und reizt vor allem mit seiner Videoclip-Ästhetik und exzessiv effekthascherischen, modischen Bildern.

Heutzutage - nach "Dracula 3D", "Giallo" (2009), "Ti piace Hitchcock?" (2005) oder auch "Il fantasma dell'opera" (1998) - weiß man inzwischen, dass Argento im Alter nicht mehr das halten konnte, was er in seinen Anfängen und vor allem im Frühwerk bis "Inferno" versprochen hatte; gleichwohl mit "La sindrome di Stendhal" (1996) oder "La terza madre" (2007) immer wieder mal unerwartet starke Argentos aus seinem Schaffen hervorstechen.
Zu dem Zeitpunkt, als ein gewisser Fabio Salerno den Amateur-Kurzfilm "Arpie" drehte und Argentos erste kleine Enttäuschung vieler Fans in Form des US-Films "Trauma" (1993) noch bevorstand, war davon noch keine Rede: Argento verkörperte den italienischen Horrorfilm wie kein anderer und schien mit Filmemachern wie Lamberto Bava und Michele Soavi eine Art Argento-Schule zu etablieren, die sich dem Untergang der (Horror-)Filmkultur Italiens als ambitioniertes Bollwerk in den Weg zu stellen schien und Zukunftsaussichten suggerierte, die sich als falsch & optimistisch entpuppen sollten.
In diesem Umfeld also entsteht "Arpie", der Kurzfilm eines ambitionierten Amateurfilmers, der Mitte der 70er Jahre als Elfjähriger mit einer Super 8-Kamera zu experimentieren begonnen und Ende der 70er Jahre mit 14 Jahren einen ersten Kurzfilm angefertigt haben soll, um gegen Ende seiner Karriere mit "Notte profonda" (1991) einen ersten & einzigen, bereits recht professionellen Langfilm hinzulegen, der gar nicht schlecht ist, aber kaum verbreitet wurde und mittlerweile eigentlich nur noch unter absoluten, nostalgischen Italo-Horror-Fanatikern etwas Aufmerksamkeit erhaschen kann. Wenig später hat sich diese vielversprechende Karriere, die trotz einiger Festival-Achtungserfolge und VHS-Veröffentlichungen nie den großen Durchbruch erreichen konnte und der im Italien der 90er Jahre auch kein großer Erfolg vergönnt gewesen sein dürfte, schließlich erledigt: Fabio Salerno nimmt sich nicht einmal 30jährig das Leben - es bleiben ein Langfilm und eine nicht ohne weiteres bestimmbare Menge an Kurzfilmen zurück, von denen der größte Teil kaum zu kriegen ist (aber im letzten Jahr auf einem Festival zur Erinnerung an den 50. Geburtstag Salernos vorgeführt worden sein soll)...

"Arpie" beginnt [Achtung: Spoiler!] mit einigen Stichen - vor allem mit einem von Gustav Doré! - und Zeichnungen, die vornehmlich Harpyien (aber auch Baphomet) zeigen; jene geflügelten, grässlichen, unverwundbaren Sturm-Dämonen der griechischen Mythologie, halb Vogel, halb Frau... Derweil informiert ein Sprecher darüber, dass manche dieser Wesen bis heute überlebt haben.
Während nach & nach der Vorspann - samt animierter Titeleinblendung - zwischengeschnitten wird, ist bereits ein erster Überfall einer solchen Harpyie auf einen Junkie zu sehen. In der nächsten halben Stunde erzählt der Amateur-Kurzfilm dann von einem jungen Mann, der einer attraktiv getarnten Harpyie, die im Körper der jungen Studentin Veronica ihr Unwesen treibt und gerade erst einen schmierigen Uni-Dozenten gemeuchelt hat, zum Opfer fällt. Und von zwei Polizisten, die der Dämonin auf die Spur kommen: einer fällt ihr zum Opfer, der andere kann sie erschießen und überlebt. Doch dann verschwindet der Leichnam der jungen Frau aus dem Leichenschauhaus und der verstörte Polizist sieht die vermeintlich tote Täterin durch die Straßen ziehen - schlimmer noch: es stellt sich heraus, dass Veronica sogar mit seiner Freundin befreundet ist. Und schließlich entpuppt sich auch die Freundin als eingeweihte Harpyie...
Freilich ist der Film keineswegs frei von Mängeln: Dramaturgisch ist der Film nicht sehr sorgsam aufgebaut worden; Figuren erhalten kaum jemals ernsthaftere Einführungen, bleiben eindimensional und wechseln einander relativ unvermittelt ab. Angesichts der Laiendarsteller(innen), die ihre Sache zum großen Teil allerdings recht gut machen - wenngleich ausgerechnet der Monolog der dämonischen Harpyie etwas zu unbedarft & zahm klingt, was gerade nach dem unheilvollen Kommentator der Prätitelsequenz störend auffällt! -, ist dieses Vorgehen vielleicht noch verständlich; man kann jedoch davon ausgehen, dass sich hier der Einfluss von Argentos "Inferno" nicht ganz glücklich niedergeschlagen hat, zumal auch einige der ersten Mordsequenzen sehr an diesen Klassiker erinnern, wenn monströse Klauen unsichtbar bleibender Gegner recht stilisiert in Großaufnahmen zuschlagen (bzw. zustechen). Überhaupt dürfte sich die Geschichte der Harpyien, der als schöne Frauen getarnt in unverdächtigen Häusern hausen, Argentos Drei-Mütter-Trilogie verdanken - wenngleich die Verwandlungsszenen bis ins Detail an die entsprechenden Szenen in "Dèmoni" erinnern. Wie in diesen von Argento inszenierten oder produzierten Vorbildern wird auch hier ausgiebig Gebrauch von einer aggressiven Beleuchtung gemacht, welche die Bilder in Rot- und Blautöne taucht... Auch der rockige Soundtrack von Gregorio Cosentino & Enrico Vanossi erinnert in Teilen überaus an "Dèmoni" (ist in anderen Momenten dann aber offenbar von Fulcis "L'Àldila" (1980) beeinflusst worden). Trotz Fulci-Touchs überwiegt allerdings der argentoeske Eindruck, zumal beim Anblick der verwesenden Leichname auch dessen "Phenomena" ausdrücklich zitiert wird. Was bei Argento jedoch bisweilen - nicht immer! - Kalkül zu sein schien, wird hier als dramaturgisch nicht ganz geschickt verlaufende und bisweilen unlogisch oder zumindest sinnlos anmutende Handlung zum Negativen hin ausgereizt. Auch formal ist "Arpie" unverkennbar ein Amateurfilm, dessen Montage zwischendurch immer wieder einmal holperige & ungeschickte Bocksprünge veranstaltet - dann aber in jener Szene, in welcher der überlebende Polizist auf die totgeglaubte Veronica trifft, ein ambitioniertes, subliminalbildartige Affektbild-Schnittgewitter veranstaltet; die Kamera bewegt sich vorsichtshalber nur selten und dann freilich nie mit jener Eleganz, die so viele Argentos auszeichnet: jene Szene, in der einer der Polizisten in die Kellerräume der Harpyie schreitet und dabei von der kreisenden Kamera verfolgt wird, fällt allerdings schon positiv auf.
Angesichts des Umstandes, dass man es hier mit einer Amateurproduktion zu tun hat, fallen weniger die bisweilen vorhandenen Schwächen störend, sondern vielmehr ihr sich über größere Zeiträume erstreckendes Ausbleiben positiv auf. Man muss bloß einmal die ersten Schritte, die hierzulande Olaf Ittenbach und Andreas Schnaas ab 1989 unternommen haben, dagegenhalten, um ein gewisses Maß an Kunstfertigkeit zu bemerken. Gerade auch im Vergleich mit einer anderen amateurhaften Italo-Horror-(und insbesonders "Dèmoni"-)Hommage wie "Paura il Diavolo" (1992) des Briten Darren Ward, die durchaus kleinere Ambitionen in der Kamerahandhabung erkennen lässt, insgesamt aber ihren Heimvideo-Charakter nie so recht verschleiern kann, zeigt sich die Stellung von "Arpie" im Amateurfilmsektor, in welchem derart gelungene Huldigungen an den italienischen Horror- & Splatter-Film insgesamt und vor allem an Argentos Schaffen ansonsten kaum zu finden sind. (Eine der großen Ausnahmen wäre Christophe Gans' giallo-Hommage "Silver Slime" (1981), die allerdings als Arbeit eines Filmstudenten, der dann ja auch den großen Sprung geschafft hat, kaum noch als Amateurfilm zu bezeichnen wäre.)[3]

Der Erfolg von "Arpie" liegt freilich nicht in seinem vordergründig behaupteten, gesellschaftskritischen Anliegen begründet - welches die fortdauernde Existenz der Harpyien an das Bestehen der menschlichen Abgründe selbst koppelt! -, sondern eher in der unwirklichen, alptraumhaften Wirkung, die neben den wahrnehmbaren Mängeln Bestand hat: Salernos auffällige Beleuchtung nach Argento-Vorbild, der fast pausenlos eingesetzte - bekannte Vorbilder plagiierende - Soundtrack von Cosentino & Vanossi, von dem Salerno gehörig profitiert, übertünchen den Amateur-Charakter des Films gehörig. Größtenteils annehmbare Effekte, vergleichsweise glaubwürdig agierende Laiendarsteller(innen), ein meist unauffälliger, teilweise aber sichtlich bemühter Kameraeinsatz sorgen für eine kurzweilige Alptraum-Atmosphäre. Die Laufzeit von bloß 35 Minuten kommt dem Film dabei sehr entgegen, die dramaturgischen Schwächen begünstigen gewissermaßen die atmosphärische Wirkung. Abgesehen von vereinzelten inhaltlichen Unklarheiten & Unsinnigkeiten und gelegentlichen Holperern der Montage ist "Arpie" ein annehmbarer Versuch, an einem italienischen Horrorkino zu partizipieren, das gerade dabei war, unterzugehen.
5,5/10: Wer mit Amateurwerken grundsätzlich nichts anfangen kann und dem Italo-Horror ohnehin nie große Liebe entgegengebracht hat, wird hier sicherlich Abstriche vornehmen müssen. Fans des Italo-Horrors dürften allerdings halbwegs befriedigt werden - sollten sie Amateurfilmen nicht abgeneigt sein, dann sowieso...


1.) Ein paar Zahlen zur Veranschaulichung: Aus 514.000.000 verkauften Kinokarten im Jahr 1976, in dem mit der Aufhebung des 1975er RAI-Reformgesetzes zahlreiche Sender zuhauf aus dem Boden schossen, wurden 165.000.000 im Jahr 1986 und 90.000.000 im Jahr 1992. (Vgl.: Morando Morandini: Italien. Autoren und andere. In: Geoffrey Nowell-Smith (Hg.): Geschichte des internationalen Films. Metzler 2006; S. 548) Vergleichsweise moderat war der Rückgang in der Dekade zwischen 1959 und 1969, in der die Zuschauerzahlen von 747.904.000 auf 550.884.000 zurückgehen. (Vgl.: Mariagrazia Fanchi: Das italienische Filmpublikum der 1960er Jahre. In: Thomas Koebner, Irmbert Schenk (Hg.): Das goldene Zeitalter des italienischen Films. Die 1960er Jahre. Edition text+kritik 2008; S. 51) Und von 1954 über 1964, 1974, 1984 bis 1994 sinken die Zahlen gemäß einer weiteren Statistik von 800.700.000 über 683.000.000, 544.400.000, 131.600.000 auf 98.200.000. (Vgl.: David Forgacs: Modernisierungsängste. Die italienische Gesellschaft und die Medien in den 1960er Jahren. In: Koebner, Schenk: Das goldene Zeitalter. S. 31) Der extreme Schwund um 1980 ist unübersehbar. Aus 3500 Filmtheatern in den frühen 80er Jahren wurden zudem 1200 Filmtheater im Jahr 1992. (Vgl.: Louis Paul: Inferno Italia. Der italienische Horrorfilm. Bertler+Lieber 1998; S. 239) Glaubwürdiger scheinen allerdings die Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung zu sein, die aber zu einem ähnlich aussagekräftigen Ergebnis gelangen: "Zwischen 1985 und 1998 sank die Zahl der Kinos von rund 5000 auf 2600." (http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/filmbildung/kino-in-europa/43453/italien?p=all) Weiter heißt es dort: "Mitte der siebziger Jahre hatten in Italien produzierte Filme einen Marktanteil von 60 Prozent gestellt, im Jahr 1993 war der Anteil auf magere 13 Prozent gesunken: Während der neunziger Jahre liefen in Italien jährlich etwa 140 bis 180 Hollywoodfilme gegenüber rund 100 italienischen an, aber die amerikanischen Filme spielten fast 75 Prozent des Gesamterlöses ein." (Ebd.) Bei Morandini sieht die Situation in den 80er Jahren identisch aus, bloß das statt 'rund 100' italienischen Filmen pro Jahr nur 80-90 produziert werden, von denen nur die Hälfte über einen Verleih ins Kino gebracht wird. (Vgl.: Morandini: Italien. S. 548). Und laut Paul sollen 1996 sogar bloß 75 Filme produziert worden sein. (Vgl. Paul: Inferno Italia. S. 239).
2.) Und dass eher mittelprächtige, allenfalls leicht überdurchschnittliche, aber zumindest mit vergleichsweise größerem Aufwand erstellte Horrorfilme wie Al Festas beachtlich besetzter "Fatal Frames" (1996) -
Festas einziger Horrorfilm unter drei Filmen - und Sergio Stivalettis "M.D.C. - Maschera di cera" (1997) ihrerzeit zu den italienischen Höhepunkten und Hoffnungen des Genres zählten, ist schon sehr bezeichnend...
3.) Man könnte freilich Jörg Buttgereit anführen, der sich formal & inhaltlich sehr bald gehörig über den Durchschnitt des Amateurfilm-Sektors gearbeitet hat, der jedoch stets eine ironische oder parodistische Distanz angestrebt hat, die dem Amateurfilm stärker entgegenkommt als das Bemühen, einen wahrlich effektiven, unheimlichen Horrorfilm anzufertigen: der Distanz kommen lachhafte Ausrutscher bloß noch entgegen, der Effektivität stehen sie ganz klar im Wege. (Und der ungefähr gleichaltrige Italiener Mariano Baino, der (in England) mit "Dream Car" (1989) und "Caruncula" (1990) erste, preisgünstige Kurzfilme erstellte, ehe er seinen erfolgreichen Langfilm "Temnye vody" bewerkstelligen konnte, hatte immerhin bei einem italienischen TV-Privatsender gearbeitet, ehe er sich an seinen Kurzfilmen versuchte, während Salerno sich selbst als wahrer Amateur von Kindheit/Jugend an fortentwickelt hat. Wie Christophe Gans sind auch Bainos Italo-Horror-Kurzfilm-Hommagen keine Amateurfilme.)

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