Review

Ein beträchtlicher Teil von Jacques Tati's Play Time aus dem Jahre 1967 spielt in einem frisch eröffneten Nobelrestaurant. Monsieur Hulot betritt das Etablissement und zerstört unversehens - und ungewollt - die Glastür. Während sich in der Folge nicht nur die Dekoration in ihre Bestandteile auflöst, geht die Party ohne Zögern bis zum Morgengrauen weiter.
Nicht ganz eine Sonnenumrundung später öffnen sich die Kinopforten für Blake Edwards' dritte Kooperation mit Peter Sellers. In The Party gerät der indische Statist Hrundi V. Bakshi zufällig auf die Gästeliste einer exquisiten Hollywoodparty. Am Ende versinkt die Villa in einem Schaumbad, doch: Es wird unberührt weitergefeiert.
Das Anliegen dieser unsubtilen Exposition ist offensichtlich: Ohne Jacques Tati hätte es The Party wohl nie gegeben, ohne Monsieur Hulot hätte auch Hrundi V. Bakshi anders - nicht aber geschickter - ausgesehen. Während Tatis Kritik auf die technologisierte, entfremdete Gesellschaft der Nachkriegszeit abzielt, stellt Edwards die Filmindustrie bloß.

Eröffnet wird der Film mit einer David Lean -artigen Großproduktion, d.h. weite Landschafts- aufnahmen, Massen von Statisten und teure One-Take-Explosionen wechseln sich ab. Eine der letzteren wird von eben jenem Inder Hrundi (Sellers) vermasselt, als er aus Versehen die Zündung auslöst. Leider läuft die Kamera noch nicht. Als Folge dieses „Ungeschicks" soll Hrundi aus Hollywood verbannt werden, gerät dank eines Fehlers der Sekretärin jedoch auf die Party des Studiochefs. Der unüberwindbare Zwang zum Missgeschick verlässt ihn auch in der High-Tech-Villa nicht und so ist die eine oder andere Zerstörung vorprogrammiert.

Was die folgenden 90 Minuten bieten, könnte ebenso als Stummfilm funktionieren und war auch so geplant. Ausgehend von einem kurzen outline entstand der Film aus geplanten Improvisationen und spontanen Ideen am Set. Eine wendungsreiche Story oder ausgearbeitete Charaktere sind hier nicht zu erwarten, das ist nicht der Sinn des Films, ebenso wenig wie in Play Time. Die Entlarvung entsteht u.a. durch Überzeichnung. Da ist der gewissenlose Produzent, das Twiggy-Starlet, der grobschlächtige Cowboy-Darsteller, usw. Der Studiochef erinnert ein wenig an Jack Warner. Im am Rande des Nervenzusammenbruchs stehenden Regisseur, dessen Film vom Pech, d.h. von Hrundi, verfolgt wird, mag man Blake Edwards Alter Ego erkennen.

Diesen Gestalten stehen drei Außenseiter gegenüber: Hrundi, der sich schon durch seine Nationalität, seine auffällige Kleidung (rote Socken zum Anzug in Beige), sogar durch sein Auto (ein Morgan Threewheeler) von den anderen absondert. Die Französin Michele (Claudine Longet), die von dem schmierigen Produzenten Divot bedrängt wird und der Kellner Levinson (Steve Franken), der sich im Verlauf des Abends betrinkt und sehr bald nicht mehr in der Lage ist, die Etikette zu wahren, geschweige denn geradeaus zu gehen. Was diese drei gemeinsam haben, zwingt sie in die Außenseiterrolle. Sie funktionieren nicht der (Hollywood-) Norm entsprechend.

Die Konzentration auf banale, inhaltsleere Situationen führt zum Witz, denn Edwards lässt sie uns durch lange Einstellungen und Schwenks solange beobachten, bis eine Abnormalität nur noch komisch wirken kann. Darin ist er sicher nicht so radikal, wie Tati, bei dessen Filmen ein unaufmerksamer Zuschauer mit Fug und Recht behaupten könnte, es sei nichts passiert. The Party steht und fällt mit Peter Sellers, weswegen die Konzentration - anders als bei Tati und Monsieur Hulot - auf seiner Figur liegt. Hulot mag zwar die Hauptfigur in Play Time sein, doch verlässt er nie die durchkonstruierte Gesamtsituation, um für sich selbst Aufmerksamkeit zu erringen.
Schon die erste Sequenz von The Party beweist Edwards' entgegengesetzte Herangehensweise: Da sieht man Hrundi in den Bergen als Soldat, wie er das Signal zum Angriff auf eine feindliche Armee bläst. Er wird erschossen. Er rappelt sich wieder auf und bläst weiter. Wiederum treffen ihn Kugeln. Er macht weiter. Der Statist versucht, solange auf sich aufmerksam zu machen, bis die eigenen (Film-)Kameraden auf ihn schießen, damit er endlich Ruhe gibt.

Edwards wendet sich nicht in dem Maße vom klassischen Kino ab, wie es die aufstrebenden New Hollywood-Regisseure zur selben Zeit taten. Dennoch ist The Party in seiner Machart nicht nur untypisch für Hollywood, sondern vielleicht ein Einzelstück. Edwards verbindet seine Fähigkeit, einen Gag aufzubauen, minutenlang eine Schicht auf die andere zu lagern, bis der Höhepunkt in der finalen Pointe erreicht ist, mit Tatis Beobachtungswillen und dessen Soundexperimenten. Selten versteht man die Dialoge der Partygäste zur Gänze, das Sprachwirrwarr bildet vielmehr ein beständiges Hintergrundrauschen - unterstützt durch die Musik von Henri Mancini, die von der Band selbst dann noch wacker gespielt wird, als sie längst in einem Schaummeer versingt.
Die Oberflächlichkeit wird nur durch Hrundis Konversationsversuche durchbrochen (Do you speak Hindustani?), die von Sellers' archetypischen indischen Akzent geprägt sind. Dieser ist nicht so degeneriert, wie der des späten Clouseau, doch ist Hrundi im Gegensatz zum überheblichen, inkompetenten Inspektor eine grundsympathische Figur, deren Ursprung tragisch ist.

Hrundi V. Bakshi ist einer der wenigen uneingeschränkt positiven, geradezu unverdorbenen Charaktere in Sellers' Oeuvre. Man denke dagegen an den perversen Quilty in Lolita, die diversen Gauner seiner britischen Phase (The Ladykillers, The Wrong Arm of the Law, Never Let Go) oder den feigen Mandrake aus Dr. Strangelove. Vergleichbar ist Hrundi nur mit Reverend John Smallwood (Heavens Above!), der zu christlich für seine Gemeinde wird und Chance the Gardener (Being There).

Er ist der distanzierte Beobachter - und mit seinem Blick sehen wir Hollywood -, doch damit untrennbar verbunden ist seine Außenseiterrolle. Seine Gutmütigkeit macht eine zynische Grundhaltung (wie sie bei so vielen Hollywoodsatiren inklusive ist) unmöglich. Die Tragik seines Charakters liegt darin, dass er dazugehören will. Allein Sellers' Gestik und Mimik sind unsere Hinweise auf diesen Wunsch, niemals gibt es in den spärlichen Dialogen eine Aussprache.
Der Statist durchbricht immer wieder die Fassade der Party und gewährt Einblicke in das Leben dahinter. Meist geschieht dies durch Türen in jedweder Form. Die Schwingtür-Sequenz sei hier als bekanntestes - und witzigstes - Beispiel genannt. Mehrmals werden Türen geöffnet, die kiffende Bedienstete oder andere, unerwartete Figuren preisgeben, deren Verhalten nicht zur feinen Gesellschaft passen will.

Die Stärke des Films besteht darin, dass Sellers es schafft, mit wenigen Mitteln, rein schauspielerisch eine Grundkonstante des menschlichen Lebens auszuloten. Hrundi will Teil der Gesellschaft sein, nicht weil er Berühmtheit oder Reichtum zu erlangen gedenkt. Er wäre in der Fremde der Einsamkeit ausgeliefert. Seine Wandlung besteht in der Erkenntnis, dass Hollywood nicht das ist, was er braucht, ihm nicht geben kann, was ein Mensch braucht. Darin liegt die treffendste Kritik an der Filmindustrie, die Edwards anbringt. Nicht die karikierten Produzenten und Schauspieler sind es, sie dienen zuallererst der Komik und Konfrontation. Die Idealisierung des Charakters des Fremden ist es, welche die Unmenschlichkeit der ganzen Industrie vorführt.

Die Improvisation, die Grundlage für den visuellen Humor des Films, ist auch seine größte Schwäche. Nach etwa achtzig Minuten und dem Höhepunkt des Films - der urkomischen Badsequenz - sind die Ideen aufgebraucht. Doch ein Ende ist nicht in Sicht. Edwards-typisch überschlagen sich nun die Ereignisse, als eine Schar Jugendlicher mitsamt Elefant auftaucht, sowie eine russische Tänzertruppe. Die Resultate sind das surreale Schaumbad und das anschließende absolute Chaos.

Ähnlich der Restaurantsequenz in Play Time, kommt die Party erst durch das Element der Destruktion in Gang. Das starre, gesellschaftliche Korsett, verkörpert durch die, mit allen technischen Tricks ausgestattete, Villa, wird durch die Jugend zerstört, die Befreiung führt zum Spaß. Leider fehlt dem nicht vorhandenen Drehbuch an dieser Stelle die Gagdichte der vorangegangenen Stunde. Man überlebt diese Party, aber man bedauert auch, dass der Film nicht zehn Minuten kürzer ist.

Mag Blake Edwards mit The Party auch nicht die perfekte Komödie geschaffen haben, so ist seinem Hauptdarsteller und ihm die beste - weil experimentellste - Kooperation gelungen. Die Satire auf das Filmgeschäft, die auf den ersten Blick nicht als solche erscheint, lebt von einer der witzigsten Leistungen von Peter Sellers und fordert mit seinem zumeist langsamen Tempo und der ungewöhnlichen Machart die Sehgewohnheiten des Zuschauers heraus. Ein Film, welcher wohl in keinem anderen Jahrzehnt in dieser Form hätte entstehen können, der jedoch eine zeitlose visuelle Komik feiert, die sich vor ihren Vorbildern Keaton und Tati nicht zu verstecken braucht.

Director:
You.
Hrundi: Me?
Director: Yes, you. Get off of my set, and out of my picture. Off, off! You're washed up, you're finished! I'll see to it that you never make another movie again!
Hrundi: Does that include television, sir?

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