Review

Okay, Zweifel sind angebracht, wenn das Marketing eines neuen Films sein Haupt-Augenmerk darauf legt, dass ein zielgruppenwirksamer Star die Synchronisation des Titelhelden übernommen hat. So wie es derzeit rund um Luc Bessons „Arthur und die Minimoys“ und den deutschen Synchron-Sprecher des Arthur – Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz – geschieht. Die Bilder von hunderten kreischender Teenies bei der Deutschland-Premiere des neuesten Films des „Leon – Der Profi“-Regisseurs dürften zusätzliche Zweifel beim deutschen Kino-Publikum aufkommen gelassen haben, ob das denn nun wirklich ein Film sein soll, den es sich anzuschauen lohnt. Doch hat „Arthur und die Minimoys“ es wirklich nötig, auf solche Nebensächlichkeiten wie die Wahl eines Synchronsprechers reduziert zu werden? Sind hysterische Teenies wirklich „Abschreckung“ genug, sich diesem Werk gänzlich zu entziehen? Die Antwort auf beide Fragen lautet: eindeutig nein!

Luc Besson überrascht, indem er uns – nach Ausflügen in die verschiedensten Genres – nun ein familientaugliches Werk präsentiert; er erzählt uns die Geschichte des jungen Arthur (Freddie Highmore), dessen Großmutter (Mia Farrow) in ärgsten finanziellen Sorgen ist. Die Pfändung ihres Hauses droht, wenn nicht binnen einer 48-Stunden-Frist das nötige Geld beschafft wird. Und so sieht sich Arthur in der Pflicht, für seine Großmutter und ihr Haus zu kämpfen: er begibt sich auf die Suche nach den Minimoys, einem fabelhaften Volk, das sein Großvater vor Jahren im heimischen Garten angesiedelt hat, um mit Hilfe von Prinzessin Selenia und deren Bruder Beta einen Rubin-Schatz zu finden, den sein Großvater im Garten vergraben hat und der die Rettung von Hab und Gut seiner Familie darstellen soll…

Bis es zu Arthurs Verwandlung zu einem Minimoy kommt, dauert es eine Weile, aber der Aufbau des erzählerischen Grundgerüsts ist bei weitem nicht so langatmig wie es vielerorts bemängelt wird. Die Vorgeschichte des Großvaters muss erzählt, Beweggründe für das Abenteuer Arthurs geschaffen, Zugang zum Titelhelden hergestellt werden. Das alles wird natürlich immer auf einer Ebene gehalten, die für kindliche Gemüter leicht nachzuvollziehen ist und zugleich bereits in den Real-Szenen mit großer Phantasie daher kommt. So genannte „Längen“ kann sich der, der Luc Besson ausschließlich als Filmemacher für Erwachsene sehen will, in jenen ersten 30 Minuten natürlich an allen Ecken und Enden konstruieren. Fairerweise sollte man aber immer im Auge behalten, dass „Arthur und die Minimoys“ ein unterhaltender Film für die ganze Familie sein soll, und vor diesem Hintergrund ist Bessons Einführung überaus gelungen.

Sobald Arthur den Zugang zur Welt der Minimoys gefunden hat, gewinnt der Abenteuer-Spaß deutlich an Fahrt und die Aspekte, mit denen der Film (neben der prominenten Synchronisation) beworben wird, gelangen in den Focus des Geschehens: es entwickelt sich eine rasante, wundervoll animierte Abenteuer-Geschichte, die Besson gekonnt mit reichlich Wortwitz und vor allen Dingen etlichen filmischen Zitaten spickt, die in erster Linie den erwachsenen Zuschauer ansprechen sollen. Da wird sich behände bekannten Motiven aus „Star Wars“, „Pulp Fiction“ oder auch „Matrix“ bedient, niemals anbiedernd ehrfürchtig, aber auch zu keinem Zeitpunkt respektlos persiflierend. Der aufmerksame Zuschauer merkt jenen Passagen an, dass Besson in seinem (vorerst) letzten Werk jenen zitierten Filmen seine Ehrerbietung erweisen wollte, was ihm auch auf charmante Art und Weise gelungen ist und was für einiges Schmunzeln sorgt. Da kann man es auch leicht verschmerzen, dass Besson mit Arthurs Abenteuer keineswegs eine neue Geschichte erzählt. „Arthur und die Minimoys“ erscheint in der Gesamtbetrachtung als Konglomerat der Ideen aus „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“, „Antz“, „James und der Riesenpfirsich“ und vielen anderen ähnlich gelagerten Familienfilmen.

Hier ist es ausnahmsweise einmal nicht wichtig, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird. Und das „wie“ ist Bessons großer Trumpf: charmant, unterhaltsam, rasant, phantasiereich, fesselnd nicht nur für die „kleinen“ Zuschauer, sondern auch für die „großen“ Zuschauer, die es noch nicht verlernt haben, sich fallen zu lassen und einmal für 90 Minuten ihre erwachsene Hülle zu verlassen und ihre Seele auf Wanderschaft in die eigene Jugend oder Kindheit zu schicken.

Sollte es tatsächlich Luc Bessons letzter Streich im Filmgeschäft gewesen sein, so ist ihm ein guter, runder Abschluss gelungen. Chapeau, Monsieur Besson. Und vielen Dank für weitere 90 Minuten bezaubernder Unterhaltung. 9/10

Details
Ähnliche Filme