Obwohl Alfred Hitchcock in den vergangenen Jahren bereits wichtige Funktionen als Drehbuchautor, Szenenbildner, Regieassistent und gar Produktionsleiter übernommen und bewiesen hatte, was in ihm steckte, war es seinerzeit nicht einfach für den Produzenten von Gainsborough Pictures, Michael Balcon, der frühzeitig Hitchcocks Talent erkannte, einem damals in der Filmbranche noch völlig Unbekannten das Amt des Regisseurs zu übertragen, weil er von den monetären Gaben der Verleiher abhängig war, und die setzten lieber auf ihnen geläufige Namen. Weil er Hitchcock allerdings unbedingt eine Chance geben wollte, beschloß Balcon, die Dreharbeiten in Deutschland produzieren zu lassen und bescherte dem gerade 26-jährigen somit seine erste Regiearbeit. So entstand sein allererster Film 1925 in München, „The Pleasure Garden“. Für die Außenaufnahmen mußten der Comer See herhalten sowie die Mittelmeerküste nahe San Remo als Tropenersatz.
Als „Master of Suspense“ erweist sich Hitchcock hier noch nicht, erzählt wird nämlich ein Melodram, das ihm aufgedrückt wurde. Mitspracherecht hatte er nicht. Ich kann wahrlich nicht behaupten, daß es mich sonderlich beeindruckt hätte, dazu ist die Geschichte aus heutiger Sicht einfach zu belanglos, als daß man sich durch sie emotional mitreißen lassen könnte, aber es enthält fraglos einige reizvolle Momente, schon in den ersten Einstellungen. Das erste, was wir nach dem Vorspann zu sehen bekommen, sind Tänzerinnen, die eine Wendeltreppe hinunterlaufen, die natürlich umgehend, bevor sich der Hauch einer Handlung herauskristalliert hat, Assoziationen an „Vertigo“ weckt. Daraufhin vollführen die Tänzerinnen ihre Choreographie, während die Kamera über die sichtlich verzückten Gesichter alter Männer in der vordersten Reihe streift. Einer der Zuschauer greift zum Opernglas und unterzieht die nackten Beine der jungen Damen damit einer ausführlichen Untersuchung. Klar, das ist „Das Fenster zum Hof“, der voyeuristische Aspekt. Außerdem offenbart die einleitende Sequenz bereits Hitchcocks wahnsinnige Faszination, die er sein ganzes Leben lang dem Theater, der Welt der Bühne, entgegenbrachte. In diesem Milieu bewegt sich der Film zunächst.
Im Mittelpunkt des sich anschließenden Liebesreigens steht eine der Tänzerinnen, Patsy (Virginia Valli), die das arme, nach einer Anstellung suchende und auf sich allein gestellt in die Stadt gekommene Mädchen Jill (Carmelita Geraghty) bei sich aufnimmt. Schnell freunden sie sich an - oder ist es sogar mehr als Freundschaft? Jedenfalls enthält die Szene, in der sich Patsy und Jill, zu Hause angekommen, am selben Abend schlafbereit machen und sich ausziehen (die Kamera sieht ungeniert dabei zu), während sie sich unterhalten, unübersehbar einen lesbischen Unterton, noch unterstrichen dadurch, daß sie beide nach dem Nachtgebet in einem Bett liegen, auch wenn keine Berührung zwischen ihnen stattfindet. Jene sexuelle Direktheit durfte Hitchcock sich hier noch erlauben (wobei es schwer zu glauben ist, daß sie Mitte der 20er zumindest von Teilen des Publikums nicht als anstößig empfunden wurde), später mußte er derartige Bilder mit allzu heiklem Inhalt wesentlich stärker verschleiern, um durch die Zensur zu kommen.
Was Hitchcock auch schon immer gut konnte, war, die Zuschauer zu täuschen, und schon in „The Pleasure Garden“ probierte er sich daran, indem sich Figuren, die man als Sympathieträger ausgemacht hat, unvorhergesehen als Buhmänner und Buhfrauen entpuppen. Bald stellt sich Jill als falsche Schlange heraus, die mit allen Mitteln versucht, ein Star zu werden, ohne Rücksicht auf Verluste, und wenn sie dafür ihren lediglich wenig Lohn kassierenden Freund Hugh (John Stuart) gegen einen russischen Prinzen austauschen muß. Patsy trifft es ähnlich hart, als sich der liebevoll um sie werbende Levett (Miles Mander), dessen Avancen nicht unerwidert bleiben und alsbald zur Heirat führen, während einer längeren Reise in die Tropen auf die nächstbeste Eingeborene (Nita Naldi) einläßt. Leider ist dieser Mittelteil nicht nur sehr zähflüssig geraten, sondern auch sehr unglaubwürdig, was Levett betrifft. Erst genießt er mit seiner frischgebackenen Frau den Ausflug an den Comer See in vollen Zügen, um plötzlich wie von der Tarantel gestochen einen Charakterwandel mit 180°-Drehung zu vollziehen und zu einem Erste-Güte-Arschloch zu mutieren (angefangen damit, daß er Babys angewidert als „filthy brats“ bezeichnet), das in der Hitze der afrikanischen Sonne schließlich dem Alkohol verfällt, zum Mörder und wahnsinnig wird - ein Wandel, so abrupt, daß man ihn nicht nachvollziehen kann.
Allgemein wirkt das letzte Drittel gehetzt, der Rhythmus stimmt überhaupt nicht mehr und die Dramatik hält sich ebenfalls in Grenzen, da Konflikte erst in den letzten zehn Minuten entstehen, sobald Patsy ihrem untreuen Gatten nachreist und ihn entsetzt dabei ertappt, wie er sich seine Freizeit mit einer anderen Frau vertreibt. Jetzt, im Finale, passiert einfach zu viel auf einmal. Anstatt sich mehr Zeit zu nehmen für die verschiedenen dramatischen Ereignisse, die noch folgen (darunter ein Selbstmordversuch, aus dem Mord wird, Eifersuchts- und Wutanfälle, Levetts Geistervisionen und ein weiterer Mordversuch), damit man sie auch mal sacken lassen kann, geschehen sie Schlag auf Schlag, was in keinem Verhältnis zu dem langsam-behäbigen Verlauf zuvor steht.
Im technischen Bereich zeigte sich der Regisseur noch wenig experimentierwütig. Sein Stil orientiert sich eindeutig an den Maßstäbe setzenden frühen Produktionen aus Deutschland, für die er sich, seitdem er Interesse für das Filmgeschäft entwickelte, enorm begeisterte, aber von den expressionistisch angehauchten Licht- und Schattenspielereien, die er kurz darauf so ausgiebig in „The Lodger“ und teilweise in „Downhill“ zur Geltung kommen lassen sollte, findet sich in „The Pleasure Garden“ noch nicht viel und abgesehen von einigen ungewöhnlichen Einstellungen, z.B. während des Selbstmordversuchs, der aus großer Distanz, die Kamera bewegungslos starr geradeaus gerichtet, gefilmt wird, und der Arbeit mit Überblendungen am Ende ist der Film wenig bemerkenswert.
Für Hitchcock-Komplettisten Pflichtprogramm und für Filmhistoriker allemal einen Blick wert, um zu sehen, wie der Meisterregisseur einmal begonnen hat, hat „The Pleasure Garden“ praktisch nichts vorzuweisen, was ihn nachhaltig in Erinnerung bleiben ließe. Ein durch und durch durchschnittlicher Film, „aber mit ein paar interessanten Szenen“, wie sich Hitchcock gegenüber Truffaut ausdrückte.
Ist doch irgendwie beruhigend zu sehen, daß selbst Hitchcock, der „Young Man with a Master Mind“, wie er nach Veröffentlichung des Streifens im Londoner „Daily Express“ genannt wurde, mit seinem Erstlingswerk nicht gleich einen Volltreffer gelandet hat. Eine Fingerübung also, nichts anderes. 5/10.