Review

Nachdem seine erste Regiearbeit „Number 13“ unvollendet und zudem bis heute verschollen blieb, gilt „Irrgarten der Leidenschaft“ (The Pleasure Garden) als Startpunkt der Regie-Legende. Zu dieser Zeit arbeitete Alfred Hitchcock in Deutschland und ließ sich vom Expressionismus inspirieren und schaute dabei den Kollegen, Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang und Robert Wiene über die Schulter. Die waren ihm natürlich zu diesem Zeitpunkt noch etwas voraus, aber auch schon sein Erstling bietet dem Zuschauer einen sehr interessanten Film. Technisch, inhaltlich, aber auch filmhistorisch. Denn bereits hier bekommen wir Zutaten serviert, die wir in späteren Filmen von ihm immer wieder sehen.

Die angehende Tänzerin Jill möchte im „Pleasure Garden“ auftreten. Allerdings ist sie zunächst vom Pech verfolgt. Ihr Empfehlungsschreiben und auch ihr Bargeld wurde ihr gestohlen. Das Revue-Girl Patsy hilft ihr aber bereits bei der ersten Begegnung aus der Klemme und schleust sie im Theater ein und lässt sie obendrein bei sich wohnen. Schon sehr bald hat sie großen Erfolg, was ihrem Verlobten Hugh noch nicht so behagt, da ihre Verehrer inzwischen Schlange stehen. Zudem muss er bald wieder beruflich zurück in die Kolonialgebiete, was immer ein sehr langes Fernbleiben nach sich zieht. Gleichzeitig lernt Patsy den Kollegen von Hugh kennen, die aufgrund des Zeitdrucks, da auch er bald zurück in die Ferne muss, sehr schnell heiratet. Erst hört sie eine Zeitlang nichts von ihm und bekommt dann einen Brief, dass er krankheitsbedingt, nicht schreiben konnte. Sie beschließt zu ihm zu reisen und erfährt die dramatische Wahrheit. Nichts ist wie es schien…. Währenddessen interessiert sich Jill weder für ihre Freundin noch für ihren Verlobten, da sie inzwischen einen reichen Fürst kennengelernt hat.

Wenn man einige Filme von Hitchcock gesehen hat und sich tiefergehend für sein Werk interessiert, fallen einem sofort ein paar Dinge auf. Der Zuschauer bekommt nämlich zu Beginn Jill als Hauptfigur vorgestellt, was sich aber im Verlauf des Films drastisch ändert. Ein Motiv, welches 35 Jahre später in „Psycho“ auf die Spitze getrieben wird. Ein weiterer interessanter Punkt, ist der Wechsel des Genres innerhalb des Films. Fängt er doch eher wie eine leichtlebige und spaßige Revue-Komödie an, wird der Tonfall des Films mit zunehmender Spieldauer immer ernsthafter. Bis hin zum Mord! Die Vorgehensweise erinnert natürlich auch hier an „Die Vögel“, der ja ebenfalls als wundervolle Romantik-Komödie beginnt, die lediglich durch kurze Einlagen unterbrochen wird, die daran erinnern, dass der Spaß bald ein Ende hat. In „The Pleasure Garden“ übernimmt diese Aufgabe der Hund „Cuddles“, der durch sein eher unfreundliches Verhalten zum zukünftigen Gatten mitteilt, das hier möglicherweise nicht alles heiter zu sehen ist, aber an diesen Stellen noch eher das Komödiantische unterstreicht. Erst rückblickend erkennt man die Warnung.

Technisch gesehen hat der Film ebenfalls bereits einige tolle Momente zu bieten. Natürlich jetzt nicht in der unglaublichen Qualität von F.W. Murnaus „Der letzte Mann“, der nun einmal bahnbrechend für die Filmgeschichte ist, aber trotzdem besitzt er durchaus erinnerungswürdige Ansätze. Gerade die Überblendung der winkenden Hände, um den „Besitzerwechsel“ anzukündigen, sind großartig. Hinzu kommen recht zeigefreudige, voyeuristische Momente, die man wahrscheinlich nicht in der Form vermutet hätte.

Der Film wurde 1925 in den Emelka Studios in München gedreht, die später zu „Bavaria“ wurden und dort lief der Film dann auch erstmalig in einem Kino. Die meisten Außenaufnahmen hingegen wurden in Italien gedreht. Die Kritiken waren allgemein sehr positiv und lobten den Film, wie auch die Regie, aber der britische Verleiher war zunächst nicht überzeugt und brachte deshalb den Film erst deutlich später raus als in Deutschland. Anscheinend existieren auch unterschiedliche Versionen des Films. Im deutschen TV lief eine Ausgabe mit anderen Zwischentiteln als auf den aktuellen DVD-Veröffentlichungen. Sinngemäß zwar korrekt, aber eine andere Wortwahl. Welche davon richtig ist, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen. Allerdings enthalten die beiden Fassungen, auch unterschiedliche Bilder. Die Fassung, die der BR sendete, enthielt ein paar andere Szenen als die, die auf der DVD zu sehen sind, aber dafür fehlten einige andere. Umgekehrt ist es natürlich genauso. Allerdings kann ich aktuell nicht sagen, welche Fassung die „Richtige“ ist, oder ob beide jeweils Gültigkeit besitzen. Vielleicht kann ja hier noch jemand mit ein paar Informationen weiterhelfen. Von Hitchcock selbst, gab es zu seinem Erstling ja nur spärliche Aussagen.

Die britische DVD wartet freundlicherweise auch mit einigen Extras auf. Hier befindet sich nämlich ein 40-minütiges Interview, welches 1966 aufgezeichnet wurde, in dem Hitchcock sehr viele Informationen zu seinen Frühwerken, der „britischen Phase“ verlauten lässt. Zusätzlich noch ein 7-minütiges Interview von 1969, wobei hier leider nur noch die Antworten zu sehen sind. Der Rest ist verloren gegangen. Insgesamt also ein absolut lohnender Kauf und Hitchcock Fans, sollten „The Pleasure Garden“ zumindest mal gesehen haben. Schließlich ist es auch sein Start in eine überwältigende Weltkarriere.






Details
Ähnliche Filme