Review

Preise sprechen mehr als 1000 Worte einer Filmkritik, sollte man meinen. Setzt sich ein Film in Wettbewerben gegen zahlreiche andere Filme ähnlicher Thematik durch, so sollte dessen Klasse damit evident bewiesen sein. Doch auch Juroren können irren: Obwohl das portugiesische Psychodrama „O Fantasma" u.a. auf dem New Yorker Gay and Lesbian Film Festival den Hauptpreis abräumte und für den „Goldenen Löwen" bei den Filmfestspielen von Venedig nominiert war, hat sich mir persönlich angesichts dieses kalten Machwerks der Grund dieser Entscheidungen noch nicht offenbart.

„O Fantasma" erzählt die Geschichte des 19-Jährigen Lissaboner Müllmanns Sergio (Ricardo Meneses), welcher des Nachts im Ganzkörper-Latexanzug durch die Stadt streift auf der Suche nach verwertbaren, weggeworfenen Gegenständen und anonymen Sex mit Männern. Doch angesichts der täglichen Konfrontation mit Müll und Dreck kommen seine animalischen, ganz auf seine Wahrnehmung fixierten Sinne mehr und mehr zum Ausdruck...

Was Regisseur Joao Pedro Rodriguez („Odete", 2005) dem Zuschauer hier präsentiert, ist wahrlich keine leichte Kost. Er zeichnet das verstörende Porträt eines jungen Mannes, welcher sich und seine Emotionen in der Kälte der Konsum- und Wegwerfgesellschaft verliert. Vielleicht ist genau aus diesem Grunde die Charakterzeichnung des Protagonisten Sergio so distanziert und unterkühlt geraten: Er bleibt uns seltsam fremd und wirkt in seinem Verhalten so wenig plausibel, dass jegliche Identifikation mit dieser Figur vermieden wird. Selbiges Problem des Films wird durch seine weitgehende Verschwiegenheit - es gibt nur sehr wenige Dialoge - noch verstärkt, was „O Fantasma" noch sperriger und weniger zugänglich macht. Statt über den üblichen Kanal des Wortes und Dialogs zu kommunizieren, wählt Rodrigues das Visuelle. Mit langen Einstellungen in dunklen Bildern versucht er einen Eindruck davon zu vermitteln, wie in Sergio die Symbiose von entfremdeten Stadtmenschen und Tier zusehends voranschreitet, bis zu dem Punkt, an dem er in seinem Latex-Overall spinnenähnlich Berge von Müllhalden erklimmt und Wasser aus einer dreckigen Pfütze säuft.
Als Dramaturgie reicht dies allein jedoch nicht aus, um einen guten Film zu initialisieren. Das innerliche Drama, die Qual des Protagonisten, bleibt sowohl unausgesprochen als auch eher kolportiert denn analytisch durchleuchtet. Die langen, statischen Einstellungen sorgen dafür, dass den Zuschauer mangels weiterer Schauwerte Müdigkeit überkommt und er die Lust am Film verliert. Da kann noch soviel metaphorischer Symbolismus mitschwingen: „O Fantasma" kommt nicht über lobenswerte Ansätze hinaus, eine unwirtliche Welt voller Kälte und menschlicher Entfremdung zu zeichnen, wobei Lösungsvorschläge nicht präsentiert werden. Dass der Film dabei auch auf einige harte Bilder (man sieht beispielsweise einen Blow Job auf der Herrentoilette) nicht verzichtet, kann durchaus zwiespältig gesehen werden: entweder soll damit ein noch höherer Realismusgrad suggeriert oder es sollte eine simple Provokation angestrebt werden. Auch wenn das Szenario durch die Laienschauspieler und Originalschauplätze durchaus plausibel wirkt: Eine klar ersichtliche Aussage und schauspielerische sowie echte inszenatorische Klasse vermisst man dabei auffallend. Was bleibt ist der Eindruck einer selbstgefälligen Fingerübung, welche gleichzeitig als Plädoyer für mehr Wärme und Toleranz hätte fungieren können, würde uns an dieser Stelle Rodrigues nicht überfordert und hilflos zurücklassen.

Fazit: Prätentiöses Porträt einer gestörten Existenz in einer abweisenden Welt. Für die Einen ist „O Fantasma" sicherlich ein abstraktes, verstörendes Meisterwerk voller realistischer Härte. Die anderen, weniger intellektuellen Konsumenten dieses Machwerks dürften aber zu dem Schluss kommen, dass sie es mit einem weitgehend ambitionierten, aber gehaltlosen, da oberflächlichem Pseudo-Kunstwerk zu tun haben. Für mich persönlich ein misslungenes Experiment und deshalb eine große Enttäuschung auf inszenatorischer, inhaltlicher und dramaturgischer Ebene.

Details
Ähnliche Filme