Wenn ein Film einen dermaßen bescheuerten Titel hat, dass man entweder solange darüber nachdenkt, bis man ihn meidet, oder dass man ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden sofort ins Kino flitzt, dann ist dieser Titel meistens Programm. Das schöne an einem Filmmanem, wie etwa "Shoot 'Em Up" ist, dass er absolut nichtsaussagend und dennoch absolut verräterisch ist. Dieser überaus geschickt gewählte Name ist die tollste Einleitung, die sich ein Freund des Actiongenres nur wünschen kann.
Smith (Clive Owen) sitzt an einer Bushaltestelle, als eine hochschwangere Frau samt bewaffneten Verfolgern an ihm vorbeihuschen. Er folgt dem Treiben, leistet Widerstand und erweist sich notgedrungen als Geburtshelfer. Übrig bleiben schließlich aber nur er selbst und sein neuer Schützling, inklusive einer unerschöpflichen Bande Gangster, die dem Kleinen offenbar an die Windeln wollen.
Die äußerst rasante und absolut eindrucksvolle Einleitung ist der Startschuss für eine knapp 90 minütige Verfolgungsjagd, die im Prinzip keine weitere Erklärung benötigt. Smith flucht, erhebt sich von seiner Bank, stolziert den Verbrechern hinterher, schießt alles kurz und klein, hilft nebenbei ein Kind zur Welt zu bringen, schießt wieder auf alles was noch nicht kurz und klein ist, flieht mit dem Neugeborenen, flucht wieder und sucht schließlich erst einmal Geborgenheit in einem Puff.
Jeder der nun enttäuscht ist, befindet sich schlichtweg im falschen Film, der Rest jubelt. Doch damit nicht genug. Die vermeintliche Verschnaufpause fällt ausgesprochen kurz und unbefriedigend aus. Mit der Hure Donna Quintano (Monica Bellucci) hat Smith eine Verbündete und gleichzeitig eine Babysitterin gefunden. Das Trio macht sich auf den Weg, die Beweggründe ihrer mörderischen Verfolger zu ergründen.
Doch der Widerstand ist groß. Während zu Beginn gerade mal gut zwei Hände voll Schurken vor die Flinte rennen, dürfen es im weiteren Verlauf schonmal an die 50 sein, die zeitgleich ein Versteck stürmen. Klar, dass Smith da nicht lange fackelt, sich an den zahlreichen mitgebrachten Schießeisen bedient und die Angreifer so äußerst effizient abwehrt. Sei es eine einfache Pistole, vollautomatische Maschinengewehre, oder Schrotflinten. Die Killer bringen sie mit und Smith weiß etwas damit anzufangen. In minutenlangen Actionsequenzen fallen die Gangsterarmeen wie die Fliegen und der berühmte Bodycount schnellt in die Höhe wie seit Langem nicht mehr.
Dank der erstklassigen Inszenierung durch Regisseur Michael Davis wird der simple Ablauf niemals monoton. Stattdessen erschafft er eine ganze Palette überaus gelungener Shootouts, die keineswegs Abbildungen ihrer selbst sind, sondern viel mehr den Versuch darstellen, das bereits Gezeigte in den Schatten zu stellen. Obwohl dies nach dem bereits beschriebenen Ansturm einer ganzen Gangsterarmee auf ein Versteck durchaus schwer fallen mag ist es Davis meisterhaft gelungen. Wenn sich Smith und die Gangster im weiteren Verlauf Feuergefechte beim Autofahren, oder während eines Fallschirmsprunges liefern, er bleihaltige Fallen baut, meterweit über den Boden rutscht, oder durch die Luft fliegt, dann feiern die Zuschauer.
Und das nicht nur der Action wegen. Clive Owen ist hier einfach eine verdammt coole Sau. Der ganze Mist geht ihm gehörig gegen den Strich, er flucht lauthals, er ballert alles über den Haufen, er zeigt einem Baby die Funktionsweise einer Waffe, er isst Karotten. Eben alles was eine coole Sau so macht. Rein schauspielerisch wird er allerdings kaum gefordert, das lässt das Script einfach nicht zu. Für Owen aber anscheinend kein Anlass sich nicht trotzdem 90 Minuten lang zu zelebrieren. Wenn er in die Linse grinst, dann stiehlt er dem restlichen Cast eindeutig die Show und das passiert hier verdammt oft.
Monica Bellucci hat als Hure zwar zwei äußerst schlagkräftige Argumente, bleibt im Wesentlichen aber trotz hoher Screentime sonst nur solide. Klar, sie ist gut, sorgt mit ihrem hitzigen Temperament für ein paar Lacher, aber wer braucht so ein Anhängsel schon, wenn man stattdessen auch noch mehr Statisten über den Haufen schießen könnte?
Apropos Statisten und über den Haufen schießen. So ziemlich die einzige Person neben den Protaginsten, die das Bild nicht nach wenigen Sekunden wieder verlässt ist übrigens der Oberbösewicht Hertz gespielt von Paul Giamatti. Schade eigentlich. Hertz ist nämlich eine Pussy mit Waffe,um mal Smiths Wortlaut aufzunehmen. Und solche Pussies kann ich ebenso wenig leiden wie Smith. Der Obermotz, Befehlshaber der Gangsterarmeen, Herr über Rifle und Shotgun, ist mir am Ende einfach zu normal. Seine Motivation ist im Endeffekt viel zu menschlich und dadurch auch langweilig. Giamatti verblasst keineswegs, ganz im Gegenteil, er ist zu penetrant. Sein dicker Kopf nervt irgendwann in der Kamera und auch seine dummen Sprüche verfehlen hin und wieder ihr Ziel. Eine weniger auffällige Person wäre hier sicherlich sinnvoller gewesen.
Das was mit der Einblendung Giamattis unter Umständen kaputt gemacht wird, holt Owen später sowieso wieder raus, in der Regel indem er einfach noch mehr noch viel effektiver kaputt macht. Besonders stark fällt hierbei auf, dass die Kamera nicht wie wild umherschwirrt und, wie in neuartigen Produktionen so üblich, versucht den Feuergefechten auszuweichen, sondern dem Geschehen sinngemäß folgt, um so viel wie möglich zu präsentieren. Die Kamera schwenkt oftmals von Treffer zu Treffer, wird in ihrer Führung dabei allerdings nie hektisch und gestaltet den Film so dynamisch.
Dynamisch reicht noch gar nicht aus, um auch nur eines der Feuergefechte beschreiben zu können. Denn wenn die Bilderflut mit dem rockigen Soundtrack verschmilzt, wird aus dynamisch plötzlich ganz schnell rasant und zwar auf eine ästhetische Art und Weise. Jeder einzelne Song der scheinbar unerschöpflichen Trackliste, bestehend aus Rock bis hin zu Heavy Metal, ist eine wahre Bereicherung für die Actioneinlagen. Spätestens wenn das Baby mit Heavy Metal Musik ruhig gestellt wird, weiß auch der letzte Zuschauer die Musik zu schätzen.
Mögliche Stilmittel wie Farbfilter, Zeitlupen, Zooms, etc. bleiben im Wesentlichen außen vor, für einen Oldschool Actioner fällt "Shoot 'Em Up" allerdings viel zu cool aus.
Was unter Umständen auch schlecht sein kann. Wenn jedes zweite Wort eine Obszönität darstellt, dann gefällt mir das äußerst selten. Bei "Shoot 'Em Up" wurde ich überrascht. Trotz massivem Einsatz von Vulgärsprache glaube ich nicht zusätzlich verblödet zu sein. Mit anderen Worten: Die ganzes "Fick"s fügen sich absolut makellos in den Film und werten ihn stellenweise massiv auf, wie etwa wenn Smith einen Leuchtschriftzug so bearbeitet, dass nur noch "FUK U" aufleuchtet.
"Shoot 'Em Up" hält was der Titel verspricht. Er ist bescheuert, er ist laut, er ist blutig, er ist lustig und er ist verdammt geil. Ein Owen in Bestform und die unzähligen Statisten hätten für diesen Bombenfilm zwar ausgereicht aber was will man machen. Dann ist das Ende eben typisch dämlich, was soll's. Der Abspann macht das sowieso ganz schnell wieder vergessen, der bietet nämlich gleich den nächsten Shootout und zwar im Comicstil.
Viel Blut, geile Sprüche und ein wahnsinniger Bodycount, der über die 100 hinausgehen dürfte zeichnen diesen Actionfilm aus und definieren ihn. Defintiv der Beste seiner Art in diesem Jahr.
Mohrrüben sind übrigens gut für die Augen, klar dass Owen die Teile verspeist als müsste er wochenlang hungern, sonst könnte er ja niemals so gut zielen und treffen.