Review
von Alex Kiensch
Der meistverfilmte zeitgenössische Autor von Horrorliteratur, Stephen King, ist schon seit Jahrzehnten aus dem Genre nicht mehr wegzudenken. Die Masse von Verfilmungen bedient ein breites Spektrum von plumpen Grusel- und Ekelstreifen bis hin zum künstlerisch vollendeten Meisterwerk. "Stephen King's Nachtschicht" gehört dabei zu den Streifen, die sich auf eine seiner zahlreichen Kurzgeschichten berufen, die Story aber so weit verfremden und ausbauen, dass das Endergebnis mit der Vorlage kaum noch etwas zu tun hat.
Der größte Zusammenhang besteht hier noch im Handlungsort: Eine alte Baumwollfabrik, in deren Kellergeschoss es von Ratten wimmelt. Bei einer nächtlichen Säuberungsaktion entdecken die Arbeiter, die von ihrem gierigen und groben Chef angetrieben werden, ältere, tiefere Kellergemäuer, die sie sogleich erkunden - nicht ahnend, dass hier ein blutgieriges Monstrum lauert.
Wer die gleichnamige Kurzgeschichte des Kult-Autors kennt, wird sich hier verwundert die Augen reiben. Aber natürlich ist diese mit ihrem begrenzten Umfang nur schwer für einen abendfüllenden Spielfilm geeignet, weshalb hier zahlreiche zusätzliche Handlungsstränge eingebaut und das Monster deutlich geändert wurden. In einer bedeutsamen Nebenrolle ist dabei die Trash-Legende Brad Dourif als vietnamerfahrener Kammerjäger zu sehen, der es auf einen Krieg mit den Ratten anlegt. Der restliche Cast ist weitestgehend unbekannt und scheinbar auch nicht sehr erfahren - die schauspielerischen Leistungen bleiben hölzern und klischeehaft. Auch Dialoge, Schnitt und Regie kommen nie über unteres B-Film-Niveau hinaus. Hier wirkt alles billig, etwas stümperhaft und schnell heruntergekurbelt.
Vor dem Absturz bewahrt "Stephen King's Nachtschicht" jedoch die starke Atmosphäre. Das dreckige, triste Setting, permanent verschwitzte Darsteller, die die Schwüle in der Fabrik stark visualisieren, und der raue (wenn auch manchmal arg übertriebene) Macho-Umgangston erzeugen ein grundlegendes Gefühl des Unbehagens. Und die meist dunkel gehaltenen Bilder verstärken die düstere Stimmung noch. Auch zeichnen sich einige blutige Szenen und vor allem das Monster-Design durch altmodische, aber sehr überzeugende Spezialeffekte aus. Der Kniff, die Kreatur den ganzen Film über nur andeutungsweise - etwa eine Kralle oder einen riesigen Rattenschwanz - zu zeigen und sie erst gegen Ende ihre hässliche Erscheinung voll vorführen zu lassen, funktioniert auch hier als Mittel, um eine konstante Erwartungshaltung im Zuschauer aufzubauen.
Darüber hinaus erweist sich das Finale als interessante Metapher auf den Vietnamkrieg: In Verbindung mit dem anfänglichen Monolog des Kammerjägers über die Schrecken Vietnams wird der Kampf der Männer gegen das kaum sichtbare Monster in dunklen Gängen, der noch durch interne Reibereien mit ihrem brutalen Vorgesetzten verkompliziert wird, zum Sinnbild eines Kampfes, den die jungen (und armen, von der Obrigkeit ausgebeuteten) Männer gegen ihren Willen führen müssen - und für den sie nicht einmal annähernd gerüstet sind. Durch diese unterschwellige Symbolik entwickelt das Finale einen sehr dichten Spannungsbogen, der bis zur blutigen Auflösung bestehen bleibt. Wären Schauspieler, Dialoge und Regie nicht so grottig, hätte dies tatsächlich eine der besseren King-Verfilmungen werden können. Zumindest ist es so aber keine der schlechtesten.