Die Entstehung von "Das siebte Kreuz" nach einem Roman der Kommunistin Anna Seghers ist als Hollywood - Film nur im historischen Kontext von 1944 vorstellbar. Nur zu diesem Zeitpunkt bestand gegenüber kritischen Stoffen zum Nationalsozialismus eine Offenheit, die unabhängig vom politischen Standpunkt des Verfassers war. Das bewies sich auch in der Werktreue bei der Umsetzung, die neben notwendigen Kürzungen einzig darauf verzichtete, die Widerstandsgruppe, die Georg Heisler (Spencer Tracy) bei seiner Flucht unterstützen sollte, der kommunistischen Partei zuzuordnen. Anders als Anna Seghers, die mit ihrem Roman den Genossen im Untergrund Mut machen wollte und damit ein exemplarisches Werk schuf, dass in der DDR zur Schulpflichtlektüre wurde, verzichtete der Film auf eine politische Einordnung der Widerstandsgruppe, behielt aber die grundsätzliche Intention bei.
Erst zwei Jahre vor Entstehung des Films, 1942, war der Roman der schon 1933 ins Exil gegangenen Autorin erschienen, aber seit 1938 hatte sie daran geschrieben, weshalb die Handlung von ihr im Jahr 1937 angesiedelt wurde. Obwohl der zweite Weltkrieg zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon lange tobte und die systematische Vernichtung der Juden ihren Höhepunkt erreicht hatte, kommen beide Ereignisse im Film nicht vor, der sich gemäß der Buchvorlage auf den kurzen Zeitraum beschränkt, nachdem sieben Insassen aus dem Konzentrationslager Westhofen geflohen waren.
Das KZ Westhofen existierte nicht wirklich, aber Anna Seghers - dem Realismus in der Literatur verpflichtet - konzentrierte sich auf ihren Geburtsort Mainz und dessen Umgebung, da ihr die lokalen Verhältnisse vertraut waren. Die Story selbst beginnt mit der Flucht von sieben Männern - alle aus zwar unterschiedlichen, aber im politischen Bereich zu suchenden Gründen, inhaftiert - und beschreibt deren Versuch, ihren Verfolgern zu entkommen. Diese legen nicht nur höchsten Ehrgeiz an den Tag, um die "Verbrecher" wieder festzunehmen, sondern bearbeiten auf dem KZ-Gelände sieben Bäume zu Kreuzen, an denen die wieder Eingefangenen aufgehängt werden sollen – ein Symbol des allmächtigen Staates. Diese Zuspitzung ist wichtig für Anna Seghers Intention, mit der sie nicht nur die verbrecherische Natur der Nationalsozialisten verdeutlichen, sondern diese mit deren eigener Symbolhaftigkeit schlagen wollte. Sollte sich der Schwur des KZ-Leiters, nach sieben Tagen alle Entflohenen an den Kreuzen hängen zu lassen, nicht vollständig erfüllen, würde das eine schwere Niederlage für das Regime bedeuten.
Entsprechend werden auch im Film die martialischen Sprüche des Lagerleiters und dessen sadistischen Methoden betont. Schon kurz nach dem Ausbruch wird mit Wallau (Ray Collins) der erste Flüchtling wieder gefasst. Durch Folterungen versucht der Kommandant Informationen besonders über Georg Heisler heraus zu bekommen, den er für den Rädelsführer hält. Doch Wallau hält dicht und stirbt kurz danach am Kreuz. Ihn als Ich – Erzähler zu wählen, der aus dem Off die Flüchtlinge charakterisiert, das Leben im Konzentrationslager beschreibt und kurz darauf seinen eigenen Tod schildert, gibt dem Film ein Höchstmass an Authentizität. Damit betont „Das siebte Kreuz“ Anna Seghers frühzeitiges Erkennen der verbrecherischen Politik der Nationalsozialisten, denn 1937 befand sich Deutschland noch in einem wirtschaftlichen Aufschwung und die Konzentrationslager hatten für die meisten Deutschen noch den Charakter von Gefängnissen, in denen größtenteils Verbrecher einsaßen.
Darin liegt auch die Besonderheit von Seghers Roman und des Films, die hier inmitten idyllischer Landschaften und einer heilen Umwelt die Fratze der Diktatur in beängstigender Form darstellten. Es sind weniger die Machthaber und ihre Schergen, sondern die Korrumpierung der Bürger, die ein enges Geflecht aus Misstrauen und Angst flochten, dem sich Niemand entziehen konnte. Das Georg Heisler, dessen Konterfei jede Zeitung zierte, keinen Moment der Sicherheit empfinden konnte, ist vorstellbar, aber die entscheidende Aussage lag darin, dass sich auch der normale Bürger nicht sicher sein konnte. Geschickt hatte das Regime hierarchische Strukturen aufgebaut, die schon die kleinsten Einheiten betrafen. In jedem Gebäude gab es einen verantwortlichen Wart, der sofort jede aus seiner Sicht ungewöhnliche Handlung der Gestapo meldete.
Umso mehr ist es erstaunlich – vor allem vor dem realen Hintergrund im Jahr 1944 – dass sich Regisseur Fred Zinnemann und Drehbuchautorin Helen Deutsch um größtmögliche Objektivität bemühten. Es sind die vielen kleinen Geschichten, die ein differenziertes Bild auf das Deutschland dieser Zeit werfen. Nachdem Georg Heisler, um seine Gefängniskleidung zu verbergen, die Lederjacke eines Jungen aus einem Umkleideraum an einem Sportplatz gestohlen hatte, ruft dieser natürlich die Polizei. Durch den Beamten erfahren er und seine Sportkameraden, dass es sich bei dem Dieb wahrscheinlich um einen flüchtigen Verbrecher aus Westhofen handelt, dessen baldige Ergreifung der Polizist selbstbewusst ankündigt. Als der Schüler kurz darauf seinen Lehrer befragt, macht dieser deutlich, um was für eine Art Gefängnis es sich dabei tatsächlich handelt und das der Dieb mit seinem Tod rechnen muss, so dass dem Jungen seine Anzeige unangenehm ist.
Immer wieder entstehen Situationen, die verdeutlichen, welches Risiko der Einzelne einging, wenn er einem Flüchtigen helfen wollte. Selbst die Widerstandskämpfer sind keine Helden, sondern leben ständig unter der Angst, verhaftet zu werden. Dadurch entstehen bei Heislers Flucht erhebliche Verzögerungen, denn da Jeder Jedem misstraut, kommen selbst die Unterstützer nur schwer zusammen. Letztlich entscheidet Heisler selbst, wie er weiter vorgeht, auch wenn er auf die Hilfe Anderer angewiesen ist. In dieser Rolle wird vor allem Paul Röder (Hume Cronyn) als sein alter Freund zum heimlichen Helden.
In der Betonung dieser Individualität Heislers, dem leider am Ende noch eine unrealistische Liebesgeschichte angedichtet wird – wahrscheinlich um den Star Spencer Tracy noch etwas mehr in den Mittelpunkt zu rücken - liegt der größte Unterschied zur Romanvorlage und die erheblichste Schwäche des Films. Während Anna Seghers die Tatsache, dass Heisler sich als Teil einer Solidargemeinschaft betrachtete, als eigentlichen Rettungsanker ansah (die anderen Flüchtlinge scheiterten als Einzelgänger), versucht der Film am Ende in Hollywoodmanier dem Helden noch aktives Handeln anzudichten, obwohl es lange Zeit offensichtlich war, dass Heisler nur passiv reagieren konnte. Diese Vorgehensweise, wie auch der Verzicht auf kommunistisches Gedankengut, muss als Konzession an einen Film verstanden werden, dem es über seine gesamte Laufzeit überzeugend gelingt, den Schrecken einer Diktatur ganz generell zu verdeutlichen (8,5/10).