Review

Schon vor Jahren kündigte Andreas Bethmann eine Fortsetzung zu seinem berüchtigten Sexploiter „Angel of Death“ an und in den Ohren der meisten Zuschauer klingt dies wohl wie eine Drohung. In der Tat, noch kein Werk des Independentfilmers konnte die eindringliche Klasse der Filme von Jörg Buttgereit oder die satirische Schärfe eines Christoph Schlingensief aufweisen. Auch die handwerklich starken Make-up-Effekte von Olaf Ittenbach erreichten die von Bethmann selbst hergestellten niemals. Man denke nur an die erbärmlich lieblos umgesetzte Splatterszene am Ende von „Vegetarierinnen 2“. Auch ich bin kein wirklicher Fan, konnte aber vor allem zweien seiner letzten Werke einige positive Aspekte abgewinnen, „Rossa Venezia“ funktionierte schon besser als noch der erste Todesengel und „Exitus Interruptus“ zeigte einen wesentlichen technischen wie inszenatorischen Fortschritt, auch wenn das Drehbuch sehr flach ausgefallen ist.

Wichtig für die Beurteilung der Filme Bethmanns ist das Verständnis des filmischen Hintergrundes, dem der Exzentriker huldigt. Der bekennende Chauvinist liebt schmuddelige Sexploiter so sehr, dass er das Buch „Die 100 Besten Frauenfolterfilme“ veröffentlichte. Keine großen Blockbuster-Regisseure oder intellektuelle Autorenfilmer sind die Vorbilder welchen Bethmann Tribut zollt, es sind Bruno Mattei, Lucio Fulci und natürlich Jess Franco und Joe D’Amato. Letztere sind die erklärten Lieblingsregisseure, was sich besonders seid „Angel of Death“ im Gesamtwerk deutlich bemerkbar macht War Bethmann bis dahin noch einer von vielen deutschen Amateur-Splatterfilmern, so eröffnete er sich selbst einen eigenen Weg, verband in nie gekannter Drastik Pornografie und brutalen Gore und versuchte dies alles stilgerecht zu verpacken. Nun, nach einigen vergeblichen Anläufen sowie viel Geduld und Fleiß, ist es ihm mit seiner Fortsetzung zum Todesengel auch erstmals richtig geglückt.

Eben in jener Tradition eines Franco oder D’Amato und gleichfalls in deren sexistischer, frauenfeindlicher Filmwelt ist „Angel of Death 2“ einzuordnen: Eine Gefängnisinsel, ein Knast für ganz schlimme Mädchen, verunsicherte wie selbstbewusste Insassinnen, Lesbensex, sadistische Wärterinnen/Direktorin und sämtliche andere wichtige ‚Women In Prison’ Gesetze werden sklavisch befolgt von der denkbar simplen Dramaturgie, die sich ganz dem schwärmerischen Stil des Machers unterwirft. In akribischer Kleinstarbeit kontrollierte Bethmann die ganze Produktion, auch wenn er erstmals die Effekte aus der Hand gab. Olaf Ittenbach und Gerd Richter leisteten in dieser Disziplin wesentlich bessere Arbeit und so gibt es erstmals in einem Bethmann-Film gelungene Blut-Einlagen zu bestaunen. Eine überraschend gute Figur machen die am Computer entstandenen Bildeffekte, für die Richter verantwortlich war und die so sparsam dosiert werden, dass man den eigentlich nostalgischen Charakter des Films nicht nachhaltig beschädigt.

Ansonsten blieb alles unter Kontrolle des Regisseurs, der in mühseliger Arbeit aus knapp 3 Tonnen Rohmaterial wunderbare Kulissen zauberte. Im Setdesign fängt Bethmann genau die Atmosphäre ein, die er zu imitieren versucht und tatsächlich wirken die Zellen, die Folterkammer und die Dschungel-Umgebung wie aus einem alten italienischen Genrefilm gegriffen. Nach dem experimentell ausgefallenen „Exitus Interruptus“ ist Bethmanns Umgang mit der Kamera versierter, seine Schauplätze lichtet er sehr schön ab und auch perspektivisch hat sich einiges getan, leider gehen diese Qualitäten unter in der unharmonischen Telenovela-Optik, der keine noch so gute Kamerafahrt entgegen wirken kann. Dennoch nähert sich die Kameraführung immer mehr dem charakteristischen Stil D’Amatos und die harten Schnitte entsprechen in ihrer spröden Ästhetik ganz dem frühen Jess Franco.

Jess Franco und Gemahlin Lina Romay konnten wie schon in „Rossa Venezia“ für Nebenrollen gewonnen werden, wobei nur Romay noch etwas von ihrem früheren Charisma erhalten blieb. Franco selbst wirkt eher wie ein verwirrter alter Mann und gibt sich dementsprechend konfus auch bei Interviews. Mit Bethmann verbindet ihn mittlerweile eine jahrelange Partnerschaft da dieser einen Teil der Filme Francos in Deutschland vermarktet.

Nicht nur in der stets vorhandenen Misogynie suhlt sich der Film sichtlich vergnügt, auch Bethmanns oft angedeutete Homophobie findet hier einerseits eine Überwindung, andererseits einen absoluten Höhepunkt. Als „Härtetest“ müssen die Wärter eine homosexuelle Vergewaltigung über sich ergehen lassen, was genauso in einer HC-Szene zelebriert wird wie die restlichen Sex-Szenen, bei denen lesbische Liebesspiele dominieren. Bereits „Notgeile Knastjulen zur Unzucht gezwungen“ wagte einen Schritt in diese Richtung (homosexueller Blow-Job) und stieß in Fankreisen auf heftige Ablehnung. Wie seine großen Vorbilder geht Bethmann an die Grenzen der Sehgewohnheiten seines Publikums und verwischt diese dann vollständig.

Eine große Schwäche Bethmanns waren seid seinen frühesten Gehversuchen die hölzernen Dialoge, denen jedwede Glaubwürdigkeit abgeht. Ebenfalls vermisst man oft den naiven Charme, den die Exploitationfilme der Siebzieger aufweisen konnten. Unterstrichen durch die meist misslungenen, bestenfalls bemühten, schauspielerischen Leistungen fällt dieser Aspekt überdeutlich auf und auch „Angel of Death 2“ krankt an hirnlosen Onelinern und klischeetriefenden Phrasen. Hier ist noch deutliche Verbesserung nötig, das Gleiche gilt für die musikalische Untermalung. Doch auch hier hat sich der Standard gebessert – eigentlich ist in „Angel of Death 2“ von allem etwas mehr drin: Mehr Handlung, mehr Spannung, mehr Effekte, besseres Design, sadistischere Folterungen und vor allem motivierte Darsteller. Das die dennoch größtenteils versagen dürfte auf der Hand liegen, auch wenn Schundfilmer Andreas Schnaas in einer Gastrolle zu sehen ist. Dies vermag die blasse Leistung der Akteure nicht zu kaschieren, die temporeiche Inszenierung allerdings schon.

Während die Innenaufnahmen in den eigenen Bertucci-Studios entstanden, reiste man für die Außenaufnahmen nach Italien. Der eigentlich schmal kalkulierte Drehplan wurde immer wieder zerstört durch finanzielle Probleme und terminliche Schwierigkeiten. Nach über zwei Jahren im Schneideraum ist es nun endlich vollbracht und Bethmann beweist sein Gespür für augenzwinkernde Exploitation-Ware. Mit wagemutigen Szenen wie der Homo-Vergewaltigung, expliziter Gewaltdarstellung und der bizarren Idee mit der Lustdroge setzt der Regisseur neue Maßstäbe in einem Genre, welches eigentlich schon lange den Todesstoß erhalten hat und nur noch in den Herzen der Fans weiter lebt. Und nur für die ist „Angel of Death 2“ gemacht, nicht für die seriöse Kritik und noch viel weniger für ein breites Publikum.

Fazit: Mit Sicherheit Bethmanns bisher bester Streifen, auch wenn dies noch lange nicht bedeutet, dass man das Ganze auch mögen muss. Als Fan der zitierten Filme und Regisseure respektiere ich die enorme Leidenschaft und den hohen finanziellen wie zeitlichen Aufwand den Bethmann in seine Filme steckt. Doch nicht nur mit seinen Grenzen verschiebenden eigenen Werken sondern auch mit seinem eigenen Label X-Rated konnte der gute Mann schon einiges tun für den deutschen Exploitation-Fan und dafür sollte man einfach mal dankbar sein. Und auch für so erfrischend altmodische, ganz und gar untrendige Streifen wie „Angel of Death 2“ bin ich dankbar…

7,5 / 10 auf der eigenen Bethmann-Skala, anders lässt sich der Film nicht messen.

Übrigens kann man sich den Film ohne Vorkenntnis des wesentlich schlechteren Vorgängers ansehen und wird keine Verständnisschwierigkeiten haben. Bis auf eine eher nebensächliche Storyline und das Thema ‚Rape and Revenge’ besitzen die beiden Filme keine Ähnlichkeit und können unabhängig voneinander betrachtet und bewertet werden.

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