An der Nordküste Deutschlands tritt die Arbeiterschaft einer Schiffswerft gegen den Willen der verlogenen, sozialdemokratisch geleiteten Gewerkschaft und unter der Führung eines gewissen Zeile in den Streik (aber erst, nachdem sie die Arbeit an einem Kahn beendet haben, der für die heroische Sowjetunion bestimmt ist), um sich bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Das mit dem Aushandeln ist leichter gesagt als getan, denn die Bosse denken nicht daran, einzulenken; der Hunger demotiviert zusätzlich, Streikbrecher drohen das hehre Vorhaben zu untergraben, manch einer lässt Solidarität Solidarität sein und springt ab. Schlussendlich stehen sich die Streikenden und ihre ehemalige Kollegen im Kampf gegenüber, erstere ziehen vorerst den Kürzeren.
Der Auseinandersetzung feige entzogen hat sich Karl Renn. Der wird aber, als die Sowjetunion (weshalb auch immer) eine Delegation der Streikenden einlädt, auf die Initiative Zeiles hin, trotzdem zusammen mit ein paar anderen eben dorthin entsandt.
In Russland, dem Land, wo Milch und Honig fliessen und das Proletariat regiert, fühlen sich unsere Deligierten so wohl, dass Karl gleich mal da bleibt und bei der Erneuerung einer veralteten Fabrik hilft. Als er dafür ausgezeichnet werden soll, lehnt er die Ehrung aber ab und gesteht der Menge sein feiges Verhalten damals während dem Streik…
Ja, es geht mal wieder um Propaganda, Propaganda und nochmals Propaganda. Sowjetpropaganda bis zum Anschlag. *naserümpf* Also: Der Streik in Deutschland scheitert daran, dass die Arbeiter nicht geschlossen zusammen stehen, sondern die Weltrevolution egoistischerweise zugunsten ihrer hungernden Bäuche verraten. Deshalb gewinnen ihre Feinde, das Bürgertum und die Gewerkschaft (die nicht für die Arbeiter sorgt, sondern mit dem Klassenfeind gemeinsame Sache macht und deren Vertreter sich auch kleiden wie die besseren Herren – es sind halt Sozialdemokraten, nicht Kommunisten). In der Sowjetunion hingegen regiert das Proletariat und ein jeder arbeitet mit vollem Einsatz daran, dass zum Beispiel die Erneuerung der erwähnten Fabrik sogar vorzeitig abgeschlossen werden kann. Angesichts all der aufrechten Kommunisten läutert sich sogar Karl und wird vom Feigling zum strammen Sozialisten. Dass dabei vor Moralinsäure triefende Reden schön gleichmässig über die Laufzeit verteilt werden, versteht sich von selbst, eine gute Portion Pathos darf auch nicht fehlen.
Da die Geschichte der politischen Botschaft zu jedem Zeitpunkt untergeordnet ist, wundert nicht, dass DESERTIR sich dramaturgisch als ein ziemlicher Rohrkrepierer erweist: In dem sich zuspitzenden Kampf zwischen Streikenden und Streikbrecher entwickelt sich zwar so etwas wie eine Spannungskurve, die wird dann aber mit der Reise der Streikdelegation nach Russland (und somit nach der Hälfte der Laufzeit) prompt fallen gelassen. Der zweite Teil des Filmes, der im sowjetischen Mutterland spielt, plätschert einfach mal so vor sich hin, die Renovation der Fabrik sorgt trotz der Frage „werden sie es wohl rechtzeitig schaffen?“ nicht gerade für Nervenkitzel (zudem wir es hier ja mit sowjetischen Arbeitern zu tun haben und man sich daher denken kann, wie die Sache ausgeht).
Für die Protagonisten erwärmen kann man sich auch nicht, weil das ja nicht psychologisch fundierte Charaktere sind, sondern typisierte Beispiele für gewisse soziale Schichten ohne persönlichen Hintergrund. Einzig die Figur des Karl Renn zeigt zumindest den Ansatz einer Persönlichkeit, wenn dieser an der Feigheit seiner Tat leidet und schlussendlich in seiner Beichtrede gar einen emotionalen Ausbruch hat. Dieser ist überhaupt der menschliche Höhepunkt des Filmes, auch wenn ??? sich da, äh, etwas gehen lässt, was das Overacting betrifft (muss man gesehen haben). Eine etwas grössere Rolle hat sonst nur ??? als Streikführer Zeile, der grossväterlich lehrerhaft rüberkommt (er ist die Stimme der Vernunft und eigentlich ein vorbildlicher Revolutionär, scheitert jedoch an der Mutlosigkeit „seiner“ Arbeiter).
Okay, Story taugt nichts, Charaktere kann man weitgehend vergessen. Trotzdem ist DESERTIR eine Wucht, seiner formalen Gestaltung wegen nämlich.
Die Werke der russischen Revolutionsfilmer Eisenstein, Alexandrow oder eben Pudowkin zeichneten sich ja dadurch aus, dass die Montage nicht, wie im Hollywoodkino, möglichst „unsichtbar“ bleiben und die Illusion der fiktionalen Welt unterstützen, sondern durch assoziative, auffällige und aufwühlende Verbindungen Lernprozesse und Erkenntnisse (im Sinne der sozialistischen Revolution) in Gang setzen soll. Und was das anbelangt, ist Pudowkin ein echter Berserker: Mit vielen Nah- und Grossaufnahmen und einem Schnitt, der wie ein Maschinengewehr rattert, wird das Bild geradezu in seine Einzelbestandteile aufgelöst, die verschwommen an einem vorbeiflirren, aber schlussendlich doch ein Ganzes. Wenn zum Beispiel am Anfang des Filmes erst der Gewerkschaftsvertreter und dann Zeile zu den Arbeiter sprechen (grosse Massenszenen wie diese sind in diesem Film übrigens mehrmals zu finden), geraten diese immer wieder mal in Aufruhr; dann rauscht am Zuschauer ein wahrer Sturm von Händen, Köpfen und Mündern vorbei, wobei immer wieder sekundenbruchteilkurze Einstellungen von Explosionen dazwischen geschnitten werden, welche den emotionalen Ausbruch verdeutlichen sollen.
Aber nicht nur das Bild, ebenso der Ton wurde (sobald er sich auch bei den Sowjets durchgesetzt hatte) von den Russen durch den Fleischwolf gedreht, wieder mit dem Zweck, das Publikum aufzuschrecken: Die Synchronizität vom Bild und Ton sowie die Unterstützung der Narration durch den Sound, wie Hollywood sie bevorzugte, wurden abgelehnt, stattdessen sollte die Tonspur als eigenständiges Gestaltungsmittel eingesetzt werden, das Geschehen kommentieren, kontrapunktieren oder durch Verzerrungen das Publikum aufscheuchen. Da wird beispielsweise der ruhig dahinplätschernde Stadtverkehr mit den reichen Bonzen in ihren dicken Autos und den herausgeputzten Verkehrspolizisten mit gemütlicher Unterhaltungsmusik unterlegt, die dann aber immer wieder abrupt unterbrochen wird von den Stimmen der Zeitungsjungen und -mädels, die den „Roten Kurier“ (ein Blatt der Kommunisten) verkaufen und somit die Selbstgefälligkeit des Bürgertums stören.
Eine enge Verbindung gehen Ton- und Bildmontage ein, wenn uns zum Beispiel das Schiffswerft das erste Mal gezeigt wird in Form einer Bilderflut von Nieten, die eingeschlagen werden, Hämmer, die auf Stahl donnern, bis Funken sprühen, oder grosse Maschinen, die auf Hochtouren laufen, und dazu von der Tonspur eine Kakophonie von Arbeitslärm erklingt, die zwar fast schon was Rhythmisch-Musikalisches hat, aber dennoch ziemlich verstörend wirkt. (In ähnlicher Weise ins Zentrum gerückt werden die Maschinen dann wieder im zweiten Teil, als die sowjetische Fabrik endlich läuft.)
Allerdings besteht DESERTIR nicht nur aus diesen sehr schnellen und nervösen Szenen, sie wechseln sich immer wieder ab mit ruhigeren Sequenzen (die aber genau so durch eine stilistische, fast schon geometrische Bildkomposition oder Figurengestaltung und einen harten Kontrast zwischen hell und dunkel auffallen), was den Film durchgehend in Spannung hält und bis zum Ende die Aufmerksamkeit fesselt.
Fazit: Der unglaublichen audiovisuellen Dynamik, die der Film erreicht, kann man sich kaum entziehen. Ein Höhepunkt des russischen Montagekinos. (Exkurs: Diese Art der filmischen Abstraktion dürfte andererseits aufgrund ihrer Unzugänglichkeit dazu beigetragen haben, dass der russische Revolutionsfilm Anfang der Dreissiger bald in Ungnade fiel und von den Filmen des sozialistischen Realismus verdrängt wurden.) Dass Story und Charaktere da nicht mithalten können, ist schade.