Review

Jörg Buttgereit ist einer der Pioniere der deutschen Underground- und Amateurfilmszene, der in den 80ern diverse sehr unterhaltsame und auch bereits künstlerisch wertvolle Kurzfilme (z.B. MEIN PAPI) drehte. Er versucht stets, die gängigen Klischees und Storys von Horrorfilmen zu umgehen, weshalb seine Filme auch so eigenwillig und skurril wirken. Und obwohl er selber bekennender Horrorfan ist, sind seine Werke eben genau für dieses Publikum weniger geeignet, da sie nie den Erwartungen und Vorstellungen der Menschen entsprechen. Buttgereits letzter Film (SCHRAMM) kam 1993 heraus, danach drehte er nur noch ein paar Musikvideos, steuerte ein paar FX für DAS KONDOM DES GRAUENS bei und war vor allem schriftstellerisch tätig. Er schrieb ein sehr unterhaltsames Godzillafilmbuch (mit einer eher schwachen Neuauflage), war einer der Mitbegründer der Zeitschrift Splatting Image und ist derzeit u.a. mit kurzen Artikeln für Deadline tätig. Er ist eher ein Kunstfilmer als ein echter Splatterfilmregisseur (anders als z.B. Schnaas & Ittenbach) und daher ein totaler Außenseiter auf dem deutschen Sektor. Zwar sollte er mal mit den 2 eben genannten Kollegen eine dreiteilige Anthologie auf die Beine stellen, aber aus dem Projekt scheint nichts zu werden. Viele lehnen seine Filme strikt ab, andere feiern sie als Meisterwerke. Ich persönlich halte Buttgereit mit seinem großen Wissen über Filme, Comics und Popkultur jeglicher Art für eine sehr sympathische und interessante Erscheinung. Sein Auftritt vor ein paar Jahren bei VIVA 2 und die Buttgereit-Filmnacht auf VOX waren auf jeden Fall äußerst sehenswert.

Aber nun zu seinem (halbwegs abendfüllenden) Erstlingswerk:

NEKROMANTIK
Dieser Film polarisiert wie kaum ein zweiter. Man kann ihn scheinbar nur lieben oder hassen. Ich tue ersteres, weil er sich positiv von dem ewigen Brei aus Zombies und Slashern hervortut und eine vollkommen eigenständige und vor allem tiefsinnigere Geschichte erzählt. Mich beeindrucken die dreckige und düstere Atmosphäre, die wunderschöne und eindringliche Musik sowie die vielen kleinen psychologischen Raffinessen bei der Darstellung der Figuren (z.B. der einzig wirklich „Kranke“ ist ausgerechnet derjenige, der im Kino aus dem Horrorfilm rennt). Buttgereit verurteilt den Protagonisten nicht, sondern zeigt uns schonungslos seine Welt, seine Träume und seinen Untergang. Alles grandios gefilmt, originell und sehr einprägsam. Zwar erbarmungslos übertrieben und oft unrealistisch (Stört niemanden der Gestank in der makaberen Wohnung? Wird das Pärchen nicht durch Leichengift krank?), aber hier darf man nicht kleinlich sein, denn es zählt die Aussage dahinter. Die deutsche Amateurfilmszene hätte sich gar keinen qualitativ besseren Start wünschen können, auch wenn bis heute noch immer viele Filmfreunde dieses Meisterwerk verkennen, ein blutrünstiges Feuerwerk oder ein plumpen Schmuddelfilm erwarten. Der Film ist eben nicht widerlich sondern bloß anders. Er zeigt uns mit größter Selbstverständlichkeit die Welt aus den Augen völlig anders denkender Menschen und genau das ist genial. Aber er zeigt auch auf, was hierzulande filmisch möglich wäre, wenn bloß mehr künstlerische Freiheit existieren würde und mehr Regisseure etwas Mut hätten.

Buttgereit konnte – zumindest nach meiner Meinung – nie wieder einen solch Energie geladenen Streifen inszenieren und versuchte stattdessen zu offensichtlich kopflastige Kunst zu fabrizieren. Ich halte sein Filmdebüt jedenfalls für absolut herausragend. Ein unvergessliches Filmerlebnis mit Anspruch. Einer meiner Lieblingsfilme. Und da stehe ich voll und ganz dazu. Und ich bin übrigens nicht nekrophil.;)

10 von 10.

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