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Jörg Buttgereits Spielfilmdebüt ist nicht umsonst einer der bekanntesten und am meisten diskutierten deutschen Undergroundfilme. Kein vergleichbarer Film zeigt sich so explizit und gleichzeitig so unglaublich faszinierend wie "Nekromantik". Dass er zusammen mit Schnaas- und Ittenbachfilmen einfach mal so zum Amatuersplatter geschmissen wird, ist genauso beschämend wie unpassend, denn Spaß am Gemetzel kann und wird bei diesem Film nicht aufkommen. Dazu bedrückt die schmutzige und düstere Atmosphäre viel zu sehr.

Der Protagonist um den sich hier alles dreht, ist Rob. Rob arbeitet bei "Joe´s Säuberungs Aktion", einem Unternehmen, das die zweifelhafte Ehre hat, Leichen von Unfallorten zu kratzen. Etliche Leichenteile schwimmen später in Einmachgläsern in Robs Wohnung herum. Er ist nekrophil, d.h. er fühlt sich sexuell erregt von Leichen. Diese Obsession teilt er mit seiner Freundin Betty, mit der er sich auch die Wohnung teilt. Ihr Glück scheint dann perfekt, als er eines Tages eine, zwar von oben bis unten bereits verweste, aber dennoch komplette Leiche mit nach Hause bringt.

Spätestens jetzt kommt die Szene, die sich dem Zuschauer für immer ins Gedächtnis brennt: Der Dreier mit dem Toten. Hierbei setzt Buttgereit jedoch nicht auf den reinen Ekeleffekt sondern geht noch viel weiter. Die Szene wird in atmosphärischer Zeitlupe gezeigt, unterlegt mit der wunderschönen Musik von Daktari Lorenz und Hermann Kopp. Man sieht wie die Beiden die Leiche liebevoll streicheln und küssen, mit ihr Zärtlichkeiten austauschen, statt sie einfach nur als Sexspielzeug zu missbrauchen. Der Zuschauer ist nun, insofern er nicht bereits ausgemacht hat oder keine Lust mehr hat sich weiter auf den Film einzulassen, komplett überrumpelt. Einerseits angewidert von der extrem realistisch-wirkenden Leiche, findet er doch andererseits Gefallen an dem Schauspiel. Mit anderem Worten, man findet es "schön" und "romantisch". Genau wegen dieser Szene ist der Film sehenswert. Nicht direkt wegen dem kontroversen Gezeigten, sondern weil Buttgereit es geschafft hat, etwas, was für uns widerlich und pervers ist, auf eine schöne und sinnliche Art darzustellen. Für einen kurzen Moment fragt man sich, was am Gezeigten überhaupt anstößig ist, wenn doch alle so glücklich sind.

Dies bleibt allerdings die einzige "schöne" Szene im Film. Rob verliert seinen Job. Betty verliert deshalb das Interesse an ihm, da nun die Versorgung mit Leichen komplett ausfällt. Sie verlässt ihn samt dem toten Liebhaber. Rob stürzt in tiefe Depressionen und wendet sich an Tabletten und Prostituierte (für diese geht die Geschichte allerdings auch nicht gut aus). Letzten Endes hat er die Idee, wie er mit seiner verflossenen Liebe wieder zusammenkommen kann. Sicher hat jeder schon gehört, welche drastische idee er hat, aber trotzdem will ich für die, die es noch nicht wissen geheim halten. Auf jeden Fall nichts für schwache Nerven.

Gut, ob es wirklich Betriebe wie "Joe´s Säuberungs Aktion" gibt, ist fragwürdig. Und ob diese sich je einen so zynischen Namen geben würden, ist auch nicht gerade wahrscheinlich. Eine Entscheidung zu Gunsten des schwarzen Humors, aber entgegen der Glaubwürdigkeit. Auch die Szene mit dem Friedhofswärter (Details werden ausgespart), war nicht unbedingt nötig. Jedenfalls kommt es so rüber als ob man versucht hat, wenigstens noch eine Splatterszene mehr mit hinein zu quetschen.

Über diese Mängel kann man allerdings, angesichts des restlichen, fabelhaften Films hinwegsehen. "Nekromantik" ist ein zutiefst aufrüttelnder und verstörender Skandalfilm, dessen Atmosphäre passt wie die Faust auf´s Auge. So ziemlich einer der besten und drastischsten Amatuerfilme, die man in Deutschland finden kann. Eine 100%ige Empfehlung gibt es trotzdem nicht, da ich gut verstehen kann, dass viele nicht ewig das Bild von Leichensex im Kopf haben wollen.

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