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Robert Schmadtke (Daktari Lorenz) lebt mit seiner Freundin Betty (Beatrice M. aka Beatrice Manowski) zurückgezogen in einer kleinen Wohnung. Mit den Lebenden haben die beiden nicht viel am Hut; es sind tote Dinge, die sie faszinieren. Da Robert bei der Reinigungsfirma J.S.A. arbeitet, die darauf spezialisiert ist, Unfall- bzw. Tatorte zu säubern und die Leichen(teile) abzutransportieren, gelingt es ihm immer wieder, kleine Mitbringsel (Organe, Augen, etc.) abzuzweigen, um diese seiner umfangreichen Sammlung zu Hause hinzuzufügen. Eines Tages überrascht er seine Freundin mit einem besonderen Geschenk in Form eines arg ramponierten, sich bereits in Auflösung befindlichen Leichnams. Die Freude ist riesig, ein Penisersatz rasch gefunden, ein Kondom flugs übergestreift, der Tote zielstrebig bestiegen, die Ekstase schnell erlangt. Es wird geküßt, liebkost, gestreichelt, und auch schon mal lustvoll am aus der Höhle geflutschten Augapfel gelutscht. Ein flotter, leidenschaftlicher Dreier der etwas anderen Art, der Robert und Betty den tristen Alltag für einige Momente vergessen läßt und für Zufriedenheit sowie Befriedigung sorgt. Doch das Glück währt nur kurz.

Am Anfang war der "Film über die Liebe zum Menschen und was von ihm übrig bleibt". Bevor Andreas Schnaas, Olaf Ittenbach & Co den deutschen Amateurfilm in Unmengen von Blut ertränkten, sorgte der dreiundzwanzigjährige Berliner Jörg Buttgereit mit seiner so romantischen wie exzessiven Nekrophilie-Love-Story für (internationale) Furore. Buttgereit nahm sich eines ungewöhnlichen Themas an, das im Genrekino seit jeher ein Schattendasein fristet(e), und beeindruckt mit einer kompromißlosen, tabubrechenden Drastik, die kaum zu überbieten ist. Trotz aller Gore-, Schock- und Ekelszenen verliert Buttgereit die von ihm und Franz Rodenkirchen erdachte Geschichte nie aus den Augen, nimmt sein Publikum ebenso ernst wie seine Hauptfiguren, und schildert das sich abspulende Drama einerseits mit einer fast schon dokumentarischen Nüchternheit, andererseits aber auch mit einem gewissen Maß an kunstvoller Poesie und einem Hauch von Surrealität. Und trotzdem berührt einen das Scheitern des Protagonisten, der so verzweifelt wie erfolglos versucht, innerhalb der sozialen Normen die ultimative Befriedigung zu finden. Doch Splatterfilme lassen ihn kalt, und auch der Sex mit einer lebendigen Frau will einfach nicht funktionieren; erst als die Prostituierte leblos am Boden liegt, ist Robert zum Beischlaf bereit.

Trotz der verstörenden Thematik ist Nekromantik nicht ohne Humor, auch wenn dieser meist finster wie die Nacht ist und einem das Lachen bisweilen im Halse stecken bleibt. Der Phantasie wird kaum etwas überlassen. Seien es zweigeteilte Menschen, eine Autopsie, eine Hasenschlachtung, die faulende, schleimige, von Jörg Buttgereit und Daktari Lorenz gebastelte Leiche, oder die Ejakulation von Sperma und Blut... Uwe Bohrers Kamera hält stets wie selbstverständlich drauf, wodurch viele der entsprechenden Sequenzen eine kraftvolle, intensive Wucht erlangen. Daß die grausigen Geschehnisse dann noch zum Teil mit einem eingängigen, zärtlichen, ja, bewegenden Piano-Thema untermalt sind, sorgt für einen ungeheuren Kontrast, der die Wirkung enorm verstärkt.

Ein Feel-Good-Movie ist dieses krude Low-Budget-Wunder ebenso wenig wie ein seichter Splatterspaß, ganz im Gegenteil. Nekromantik ist ein kleines, polarisierendes, schwer verdauliches Meisterwerk mit vielen Ecken und Kanten, das sich nicht scheut dahin zu gehen, wo es schmerzt. Tief unter die Haut, vorbei an den Sehnen, Muskeln und Knochen, direkt zu den Eingeweiden. Und das sich an diesem gemütlichen Plätzchen zärtlich aber bestimmt festkrallt, um für einige Zeit dort zu verweilen. 1991 drehte Buttgereit mit Nekromantik 2 eine achtbare wenn auch etwas zähe und nicht annähernd so effektive Fortsetzung.

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