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Wenn man ein ernstes Thema wie etwa Kindesmissbrauch mit Rachegelüsten alla "Ein Mann sieht rot", oder, was in diesem Fall noch besser passt, "Hardcore - Ein Vater sieht rot" von Paul Schrader vermischt, kann man schonmal weit daneben hauen. Doch mit einer ruhigen Mischung aus Zeichentrick mit Realfilmeinspielern fährt Regisseur Anders Morgenthaler hier ganz großes Kino auf.

"Ich werde dich immer beschützen, kleine Mia."

Missionar August kehrt in seine Heimat zurück. Gerade hat er nach einem fünfjährigen Auslandsaufenthalt die Nachricht bekommen, dass seine Schwester gestorben ist und will sich nun deren Tochter, der kleinen Mia, annehmen. Diese gibt sich sehr zurückgezogen und schnell erkennt der Mann Gottes, dass sich anscheinend jemand an dem Kind vergangen hat. Gleichzeitig wird auch noch Augusts Schwester nach ihrem Tod größer vermarktet als noch zu Lebzeiten, "selbst ihr Grab gleich einem verdammten Puff", um mal in den Worten des Missionars zu bleiben.
Voller Wut auf sich selbst startet er nun einen Kampf gegen die Ausbeuter der Toten und macht sich auf die Suche nach demjenigen, der sich an Mia vergangen hat, um sich blutig zu rächen...

Morgenthaler lässt den Zuschauer tief in die Psyche seiner Hauptfiguren eintauchen. Erst nach und nach wird in Rückblenden die ganze Geschichte erzählt, wie Augusts Schwester langsam im Porno-Sumpf untergegangen ist. Diese Sequenzen werden dann auch von richtigen Schauspielern dargestellt, was sich überraschend gut in das animierte Gesamtbild einfügt und noch stärker an die Figur des August bindet. Dessen oft zweifelhaften Entscheidungen werden nicht mit moralischem Zeigefinger gezeigt, sondern mit einer intensiven, aber ruhigen Erzählweise bekommt man es als Zuschauer freigestellt selbst über die Taten zu urteilen.
Emotionale schwarz-weiß-Malerei wie sie etwa von "8MM" oder ähnlichen Filmen vertreten wurde findet sich hier weit und breit nicht.

"Wollen sie etwa andeuten, dass wir, die Porno-Industrie, so etwas verdient hätten?"

Selbst die Nebencharaktere bekommen auf der sehr kompakten Laufzeit von unter 80 Minuten ihre Momente und wirken sehr gut ausgearbeitet. Auch Klischees im Allgemeinen werden vermieden, selbst wenn August später zu größeren Rache-Taten ansetzt und der Streifen auch durchaus schonmal blutiger wird. Aber die wirkliche Intensität, die oftmals eine Gänsehaut bescheren kann, bezieht das Werk durch die Taten die mehr angedeutet werden, die Gesten und auch Gesichtsausdrücke der Figuren. Einfach gezeichnet, aber ausdrucksstark schlägt ihr Schauspiel sofort in den Bann.

Die vorherrschende, ruhigere Grundstimmung wird immer wieder von atmosphärischen Musikstücken durchbrochen und auch ein paar actionhaltigere Sequenzen gibt es, die das Geschehen sowohl auflockern als auch intensivieren. Hier wurde wahrlich die "goldene Mitte" gefunden, ohne jetzt direkt einen Rächerfilm oder ein Problemdrama zu inszenieren.
Am Ende muss man dann doch heftig schlucken, aber das war ja auch irgendwie zu erwarten, wobei eben Anders Morgenthaler sogar dann noch das Kunststück gelingt, "Princess" besinnlich, ja, fast schon versöhnlich mit dem letzten Moment ausklingen zu lassen.

Schlussendlich kann man eigentlich nur sagen, dass Anders Morgenthalers "Princess" ganz großes Kino. Spannend, intensiv und vor allem intelligent. Harter Tobak ohne moralischen Zeigefinger, dafür aber zum Mit-, und vor allen Dingen, nachher nochmal darüber nachdenken.

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