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"Sie ist eine kleine, schon erwachsene Dame von fünf Jahren. Sie hat nur zuviel gesehen."

Der auf Krawall und Provokation abzielende dänische Film "Princess" fällt nicht nur durch den auffälligen Kontrast zwischen detailarmem Bilderbuchlook und roher Gewalt aus dem Rahmen. Als anspruchsvoller Animationsfilm für Erwachsene festigt er seine Position durch Themen, die nicht der Unterhaltung dienen, stattdessen erschüttern sollen.

Als seine Schwester Christina stirbt, kehrt August von seinen Missionarsreisen zurück, um sich um deren fünfjährige Tochter Mia zu kümmern. Da Christina unter dem Pseudonym Princess für die Pornoindustrie tätig war, ist das kleine Mädchen in einem Umfeld von Pornografie und käuflicher Liebe herangewachsen und somit entsprechend abgebrüht. August's strenger Glaube erschwert ihm zunächst den Zugang zu Mia. Ebenso die Nacktfotos von Christina auf diversen einschlägigen Magazinen. Sein Zorn auf die Pornoindustrie erwacht nachdem er auf Mia's Rücken blaue Flecke entdeckt und sich die Vermutung des Missbrauchs an ihr verstärkt. Nachdem seine bitte sämtliches Material seiner verstorbenen Schwester nicht mehr zu verwenden abgelehnt wird, beginnt er einen Rachefeldzug gegen die Produktionsfirma Paradise Lust und Christina's Lebensgefährten Charlie.

"Princess" ist ein eigenwilliges und unterkühltes Rachedrama in karger Optik. Die detailarme Animation und die nicht immer flüssigen Bewegungsabläufe werden dabei sinnfällig von eingestreuten Realfilmszenen ergänzt. Die verwackelt und verpixelt daherkommenden Videoaufnahmen, die immer wieder kurze, wenn auch fragmentarische Einblicke in die Vergangenheit bringen, stellen dabei trotz ihrer mangelhaften Optik einen Gewinn für den Film dar. Sie brechen mit dem Wechsel von Animations- in Realfilm mit den Sehgewohnheiten und bringen wenigstens ein bisschen Licht in die Handlung, die etwas sperrig präsentiert wird. Sperrig durch manch surreales Ereignis, wie einen lebendigen Plüschhasen und lose Handlungsbrocken.

In der düster-deprimierenden Geschichte stehen die Themen Pornografie, Missbrauch Minderjähriger und Selbstjustiz im Vordergrund. Keine leichte Kost, dies belegen auch die wenigen, dafür aber umso drastischer visualisierten Gewaltspitzen.
Recht detailliert führt "Princess" die Abläufe der Pornoindustrie auf, die schon längst zu einem wichtigen, wenn auch als schmutzig bezeichneten, Wirtschaftszweig herangewachsen ist. Unverständlicherweise wird der Film mit zunehmender Laufzeit eindimensionaler. Er verlässt seine bisherige neutrale Betrachtungsweise und arbeitet zunehmend mit verbreiteten Vorurteilen, wie Drogen oder dem organisierten Verbrechen.

Dies betrifft schließlich auch die Charaktere die zunächst noch zu einfühlsamen Klängen plausibel ihre Wandlung erleben, dann aber zu einem rockigen Soundtrack nur noch als stumpfes Werkzeug dienen. So verfügen die Figuren über keinerlei Hemmschwelle, wenn es um Gewaltausübung geht, noch wird das brutale Vorgehen jemals in Frage gestellt. Dies ist insbesondere verwunderlich, wenn August Mia seinen Rachefeldzug miterleben lässt und er sie dazu ermuntert tätlich einzugreifen. Zumindest offenbart das Finale einen Schluss, der konsequent der erwachsenen Präsentation entspricht, wiederum jedoch ein paar Fragen offen lässt.

Innovativ ist "Princess" mit seinen Themen und der pastellfarbenen Bebilderung allemal, inhaltlich jedoch löchriger als er hätte sein müssen. Das Comic-Drama enthält alle Elemente um zu erschüttern und zu schockieren, setzt aber seine Gesellschaftskritik nur rundimentär durch eine löchrige Erzählweise und offene Fragen um. Die detailarme Animation fällt mit der Zeit nicht mehr sonderlich ins Gewicht und wird durch grobpixelige Realfilmszenen effizient erweitert. Ein wenig schade ists trotzdem, denn der Erwachsenenanimationsfilm hätte mit etwas mehr Feinarbeit seine Schwächen beseitigen können.

6 / 10

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