„Nancy Drew“, so der Name einer fiktiven jugendlichen Hobbydetektivin, ist die Titelheldin einer bekannten Mystery-Buchreihe, welche sich seit 1930 einer großen weltweiten Beliebtheit erfreut. Bislang wurden deutlich über 200 Millionen Exemplare der regelmäßig erscheinenden Bände verkauft, welche das „Stratemeyer Syndicate“ ursprünglich (trotz unterschiedlicher Autoren) allesamt unter dem Pseudonym Carolyn Keene publizierte. Nach vier Filmen (in den späten 30ern), einer TV-Serie (in den 70ern) sowie etlichen literarischen (sprachlich zum Teil „aufgefrischten“) Neuauflagen und zeitgemäßen Spin-Off-Reihen, wie „the Nancy Drew Notebooks“ oder „Nancy Drew: On Campus“, nahmen sich die Drehbuchautoren Tiffany Paulsen und Andrew Fleming im Jahre 2006 der traditionsreichen Materie an, um sie für die Kinoleinwände dieser Welt in einer „aktualisierten“ Form aufzuarbeiten und „Warner Brothers“ simultan (nach Möglichkeit) eine neue lukrative Franchise zu bescheren…
Am Anfang dieses Abenteuers steht eine gravierende Veränderung im Leben von Nancy (Emma Roberts) an, die hier übrigens 16 (statt wie in den Geschichten 18) Jahre alt ist: Da ihr Vater (Tate Donovan), ein verwitweter Anwalt, der sie seither allein erzieht und sich angesichts ihres stets turbulent verlaufenden Zeitvertreibs als Freizeit-Ermittlerin geradezu permanent ein gewisses Maß an Sorgen machen muss, mit einem wichtigen Fall in Los Angeles betraut wurde, ziehen beide nun aus dem idyllischen Örtchen River Heights (gelegen in einem dieser „Flyover States“) für den Sommer in die vollkommen anders geartete Stadt der Engel. Ihre besten Freunde (Ned, Bess und George) sowie Haushälterin Hannah, welche in den Büchern jeweils zentrale Rollen einnahmen, muss sie dabei zwangsweise für diese paar Wochen in der ländlichen Heimat zurücklassen – außerdem hat sie ihrem Dad zuliebe versprochen, in der ungleich gefährlicheren Metropole aufs Herumschnüffeln zu verzichten. Letzteres fällt ihr sichtlich schwer – zumal sie ihre Bleibe dort bereits im Vorfeld gezielt zu ihrem Hobby passend ausgewählt hatte: Während ihres Aufenthalts residieren sie nämlich nun in der „edel-atmosphärischen“ Villa der ehemaligen Hollywood-Diva Dehlia Draycott (Laura Elena Harring) – eine vergleichsweise preiswerte Immobilie, seit ihre Besitzerin 1981 nach einem 5-monatigen Verschwinden unter mysteriösen Umständen auf dem betreffenden Grundbesitz zu Tode kam…
Nancy´s eher altmodisch anmutender (an Martha Stewart erinnernder) Kleidungsstil zieht natürlich postwendend die abschätzenden Blicke der ach so trendy-coolen „City Girls“ auf sich – allen voran jene der Mode-fixierten Teens Inga (Daniella Monet) und Trish (Kelly Vitz), welche sie umgehend zum Ziel ihrer Scherze und spitzen Bemerkungen machen. Inga´s jüngerer Bruder, der 12-jährige Corky (John Flitter), findet indessen jedoch Gefallen an der neuen Mitschülerin und avanciert fortan zu ihrem Sidekick sowie ständigen Begleiter – sehr zur Irritation Neds (Max Thieriot), der seine gute Freundin wenig später mal besuchen kommt und sich auf einmal noch stärker als früher in einer Randposition innerhalb ihres Umkreises wähnt. Beständig unter dem Radar ihres in seiner Arbeit stark eingebundenen Vaters operierend, führt sie die in Gestalt von gefundenen persönlichen Aufzeichnungen des ermordeten Filmstars beginnende Spur schrittweise zu immer weiteren Hinweisen, welche schließlich auf einen finanziellen Hintergrund als Motiv der Tat hindeuten: Wie es sich herausstellt, gibt es nämlich doch eine Erbin des umfangreichen Vermögens – eine damals unmittelbar nach der Geburt zur Adoption freigegebene Tochter (Rachel Leigh Cook), die es nun aufzuspüren und einzuweihen gilt. Je weiter Nancy´s Untersuchungen voranschreiten, desto stärker spitzt sich die Lage um sie herum allerdings zu: Eingangs sind es „nur“ anonyme Drohanrufe – schon bald aber trachtet ihr jemand aktiv nach dem Leben…
„Nancy, Nancy Drew – where are you? We got some things to do now…” könnte man glatt beim Sichten dieses größtenteils locker-flockigen Unterhaltungsprodukts zu summen oder singen anfangen, denn prompt kam mir dieses wohlig-spaßige Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, das ich im jüngeren Alter für gewöhnlich beim Mitverfolgen der „Scooby Doo“-Abenteuer empfand – nur dass es im vorliegenden Fall natürlich keine übernatürlichen Elemente gibt, zu denen ich (u.a.) sprechende Hunde einfach mal zähle. Viele der untrennbar zu der klassischen Materie gehörigen Zutaten sind vorhanden: Ein ominöses Testament, diverse zu lösende Rätsel, eine geräumige alte Villa mit dunkler Vergangenheit, Geheimgänge hinter den Wänden, ein „creepy Caretaker“ und so weiter und so fort. Dieses (unabhängig des modernen Ambientes) präsente „Retro-Feeling“ erweist sich ganz klar als ein gewichtiger Pluspunkt. Entsprechend standen die Verantwortlichen bei der Konzeption des Projekts vor einer Herausforderung: Wie transportiert man eine solch traditionell ausgerichtete Figur in die Gegenwart – ohne ihren individuellen Stil zu kompromittieren und/oder sie zu einer jüngeren „Veronica Mars“-Variante verkommen zu lassen? Die einfache, aber erstaunlich effektive Lösung: Man verlieh ihr eine altmodische Ader und bettete diese Gegebenheit zusätzlich in einen verstärkenden „Fish out of Water“-Ansatz ein, der eine wirksame inhaltliche Ergänzung darstellt und keineswegs nur als Grundlage für komödiantisch ausgerichtete Situationen dient. Nancy lebt in einer dieser amerikanischen Bilderbuch-Kleinstädte, schneidert ihre Kleidung selbst (nach den Mustern ihrer Mutter), trägt bequeme „Penny Loafers“, fährt einen tollen Oldtimer (ein Nash Metropolitan Convertible), liest noch freiwillig Bücher, nutz gern so manch eine „altbackene“ Vokabel (z.B. „sleuthing“), bevorzugt Vinyl gegenüber CDs und hält sich selbst bei Verfolgungsjagden an die Geschwindigkeitsbeschränkung – nichtsdestotrotz weiß sie zeitgemäße Dinge wie Laptops, digitale Aufnahmegeräte oder das Internet zu nutzen und zu schätzen. Per Zug reisen sie und ihr Vater nach LA, was geradezu den Geist einer verblichenen Epoche atmet – vor allem in Anbetracht der gängigen Einstellung gegenüber Bahnfahrten in den USA, die ich im Übrigen durchaus nachvollziehen kann. Ein gewisses Aufeinanderprallen zweier „Kulturen“ ist also vorprogrammiert: Individualismus trifft frontal auf jugendliche Oberflächlichkeit. Nancy ist von Natur aus höflich, freundlich, engagiert und ambitioniert – sie sorgt sich um das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen (Stichwort: Bleifarbe an den Wänden) und gibt kontinuierlich möglichst 100 Prozent (im Sport wie im Kunstunterricht), weshalb sie sich ein ganzes Stück weit von der Masse abhebt. In diesem Sinne: Schneller als man nun „Mean Girls!“ rufen kann, kommen die unausweichlichen Sprüche und Streiche ihrer Mitschüler ins Spiel – doch prallen diese weitestgehend an ihr bzw ihrer selbstsicheren wie liebenswürdigen Mentalität ab. Die Botschaft ist eindeutig: Sei Dir selbst stets treu – inklusive Deinem eigenen Geschmack und etwaigen eigenständigen Denkweisen. Nancy Drew war schon immer ein vorbildliches „Teen Role Model“.
Emma Roberts (TV´s „Unfabulous“/„Aquamarin“), ihres Zeichens Eric´s Töchterchen und Julia´s Nichte sowie beim Dreh gerade mal 15 Jahre alt, verkörpert die Hauptrolle schlichtweg perfekt. Die Kombination aus ihrem natürlichen Auftreten und dem zur Schau gestellten Grad an Talent setzen sie auf jeden Fall weit oben auf meine Liste der heranwachsenden Jungschauspieler, denen ich eine wirklich erfolgreiche Zukunft im Business prophezeie – sofern sie nicht irgendwie unter die Räder der Branche geraten. Im Prinzip trägt Emma den Film beinahe im Alleingang. Sie ist einem auf Anhieb sympathisch und man nimmt ihr die gebotene Cleverness problemlos ab, ohne dass ein besserwisserischer Eindruck erkeimt. Nancy´s unbeirrbar souveräne, unironische Haltung (selbst in brenzligen Lagen: „It really gets to my goat when people try to kill me. It´s so rude!“) bildet einen anziehenden Kontrast zu den Charakterzügen ihres Sidekicks Corky, der eine gehörige Priese zynischen Humor beisteuert und die meisten Lacher auf seiner Seite hat – Josh Flitter („Big Momma´s House 2“) macht seine Sache ausnehmend gut. Die Chemie zwischen ihnen sowie das komödiantische Timing stimmen jeweils: Als sie sich in seinem Beisein etwa in Gedanken versunken wundert, wer sie wohl gerade umzubringen versucht hat, erwidert er trocken, aber aufgewühlt: „I´m wondering that too. In fact, I´m kind of freaking out about it!“ Daniella Monet (TV`s „Listen Up”) und Kelly Vitz („Simon Says”) sind als die beiden von Trends besessenen Mädels zu sehen, die allmählich einen engeren Kontakt zu Nancy aufbauen, und als Freund Ned tritt Max Thierot („the Astronaut Farmer“) in Erscheinung – ein Schwiegermutter-Traum, wie er im Buche steht. Auffällig in diesem Zusammenhang ist, dass alle minderjährigen Akteure ihrem Alter angemessen besetzt wurden und ebenso ausschauen: Keine Twens, die als Teens verkauft werden – erfrischend ungewohnt, allerdings zudem leicht irritierend, wenn diese „jungen Leute“ so in ihren Autos umherfahren. In allesamt solide ausgefüllten Nebenrollen sind darüber hinaus noch Tate Donovan („Shooter“), Marshall Bell („Starship Troopers“), Barry Bostwick (TV´s „Spin City“), Laura Elena Harring („the Punisher“) und Rachel Leigh Cook („She´s all that“) mit von der Partie – außerdem geben sich (u.a.) Chris Kattan („House on Haunted Hill“), Adam Goldberg („the Salton Sea“) sowie Bruce Willis („Armageddon“) in Form von amüsanten Cameos die Ehre.
Regisseur Andrew Fleming („the Craft“/„Dick“/„Threesome“) erschuf in erster Linie ein auf die anvisierte Zielgruppe (ich schätze mal: primär Mädels zwischen 8 und 16) zugeschnittenes Werk, das jedoch partiell auch dem erwachseneren Publikum spezielle Details und Anspielungen zu bieten hat, die ansonsten weitestgehend übersehen werden dürften – zum Beispiel eine korrigierende Äußerung Nancys beim Besuch eines „Film Noir“-Sets, Erkenntnisse, wie dass Dreharbeiten nie chronologisch ablaufen, einzelne Einstellungen, die mit Hilfe von Licht/Schatten-Kompositionen und schrägen Kamerawinkeln in Los Angeles angesiedelten Krimis der schwarzen Serie Tribut zollen, oder allein bereits das Casten von „Mulholland Drive“-Star Harring als Dehlia Draycott. Das Production Design ist hochwertig, genauso wie Ralph Sall´s („Grind”) Score, welcher die Phasen zwischen den nett ausgewählten Soundtrack-Songs gefallend überbrückt (u.a. sind Spoon, die Gorillaz sowie eine Reihe passabler Cover-Versionen zu hören). Die erstklassigen Kostüme lieferte Jeffrey Kurland („Ocean´s Eleven“) – besonders Miss Drew´s zeitlos-attraktiven Look traf er perfekt. Das Skript an sich hätte ich mir persönlich etwas ausgefeilter gewünscht, zumal sich sporadisch einige Unstimmigkeiten eingeschlichen haben: Dad´s Profession als Anwalt findet fast keinerlei weiterführende Erwähnung, kein einziges Mal nimmt Nancy Kontakt zu Bess und George in der Heimat auf – und Dehlia wirkt in allen Belangen eher wie eine Diva aus Hollywood´s „goldener Epoche“ als eine Aktrice, die 1981 (!) auf der Höhe ihrer Karriere verschwand. Hinzu kommen noch gelegentliche Unebenheiten im Grundton bzw Gesamtbild: Der Fall ist, dem Schwerpunkt der Zuschauerzusammensetzung angepasst, nicht allzu schwierig zu durchschauen, die Twists sind recht unkompliziert gestaltet worden – dennoch lässt die Handlung zum Teil ein deutlicheres Augenzwinkern vermissen, wie im Rahmen des (meiner Meinung nach) tendenziell zu gradlinigen Thriller-Finales. In einer Szene rettet Nancy sogar einer Mitschülerin per Luftröhrenschnitt das Leben (Einsatz von Taschenmesser und Kugelschreiber inklusive)! Ferner hätte ich mir eine stärkere Gewichtung auf die Mystery-Aspekte der Story gewünscht – verschiedene falsche Fährten, Klischees und Stereotypen waren mir einfach zu verbraucht. Mir ist natürlich vollkommen bewusst, dass man diese Kritik-Ansätze nicht überbewerten sollte, und zum Glück erleichtert die Mehrheit der anderen Faktoren eine entsprechende Betrachtungsweise – neben den schon erwähnten etwa noch das angenehm straffe Tempo sowie diverse vortreffliche Sequenzen (wie ein Besuch in einer angesagten Modeboutique) und Dialogzeilen, die einem ein entspanntes Lächeln ins Gesicht zaubern…
Fazit: „Nancy Drew: the Mystery in Hollywood Hills“, so der ursprüngliche Arbeitstitel der Produktion, ist eine klassische Geschichte in einem modernen Gewand, welche ihrem Publikum (trotz kleinerer Schwächen) alles in allem einen sympathischen wie kurzweiligen Zeitvertreib mit einer herausragenden jungen Hauptdarstellerin und einem relativ hohen Unterhaltungsfaktor bietet …
„7 von 10“