Explizit gezeigte Vergewaltigungen eignen sich stets vortrefflich filmisch zu schockieren. Wer verliert nicht jedwedes Mitleid mit einem Menschen, der einem anderen seine sexuellen Triebe aufzwingt und damit die Seele des Opfers womöglich für immer in Trümmer legt. Wenn man nur an die leider immer häufiger gemeldeten Kinderschänderfälle denken mag, dann fällt auf, dass es sich hier um eines der wenigen Verbrechen handelt, bei denen sich die diversen politischen Richtungen und gesellschaftlichen Strömungen unisono für eine härtere Gangart der Justiz aussprechen. Man möchte meinen, es handele sich hier gar um die einzige Schandtat, für die sogar öffentlich die Todesstrafe gefordert werden könnte, ohne dass ein allgemeines Moralkeulen-Schwingen einsetzt. Dieses Phänomens möchte sich die Regisseurin Talia Lugacy annehmen, indem sie das Schicksal einer jungen Studentin schildert, deren Leben durch eine Vergewaltigung aus der Bahn gerät und indem sie einen Täter konstruiert, den man nur hassen kann.
Die schöne, neunzehnjährige, junge Studentin Maya (Rosario Dawson) hat den Liebeskummer ihrer letzten Beziehung noch nicht überwunden und meidet deshalb die Männer. Als sich ihr aber der Verehrer Jared (Chad Faust) auf einer Party aufdrängt und auch in den folgenden Tagen nicht locker lässt, gibt sie schließlich nach und folgt der Bekanntschaft ins fremde Heim. Dort wird sie, als sie sich weigert, beim ersten Treffen Geschlechtsverkehr zu vollziehen, brutal vergewaltigt. Sie wendet sich jedoch nicht an die Polizei, sondern verbringt die folgenden Monate in einer Diskothek, um das Geschehene zu verarbeiten. Dabei verändert sich ihre Persönlichkeit und aus dem schüchternen Mauerblümchen wird eine nach Rache lechzende Frau, die die erstbeste Gelegenheit ergreift, sich an ihrem einstigen Peiniger zu rächen.
Talia Lugacy versucht mit ihrem zweiten Film „Descent" den Niedergang eines Menschen zu porträtieren, der eine zuvor lebensfrohe Natur in eine nahezu apathische Person verwandelt. Um diese Regression darzustellen, nimmt sich Talia Lugacy viel Zeit, denn erst zum Schluss des Films erfährt der Peiniger durch Maya seine Strafe. Es gelingt der Regisseurin jedoch weder den mentalen Verfall der jungen - übrigens deutlich älter aussehenden - Studentin überzeugend darzustellen, noch eine Geschichte zu inszenieren, die zur geistigen Auseinandersetzung einlädt. Doch ist genau das ihr offenkundiges Ziel gewesen. Lugacy spielt mit der Problematik Vergewaltigung und ihres Facettenreichtums, ohne irgendeine verfolgte Linie erkennbar herauszuarbeiten. Zwar überzeugt die Darstellung des Täters, der den Zuschauer geradezu dazu einlädt, vor dem eigenen geistigen Auge Vergeltung zu üben, doch misslingt ihr dann der Showdown. Allzu leicht lässt sich Jared in die Wohnung seines früheren Opfers locken und das auch noch in der Hoffnung auf erneuten, diesmal freiwilligen Sex. Gerne lässt er sich obendrein beim vorgeblichen Vorspiel die Augen verbinden und an Händen und Füßen fesseln. Warum überhaupt Maya im Winter zuvor, nach ihrer Vergewaltigung, nicht bei der Polizei vorstellig wurde, bleibt ebenso unverständlich wie ihre plötzliche Sucht nach R'N'B Musik und orgiastischen Erfahrungen im Zuge ihrer Diskobesuche. Von der schleimigen Art Jareds, der mit der Aufdringlichkeit eines ägyptischen Straßenhändlers der an Männern eigentlich völlig desinteressierten Maya nachstellt und damit - etwas wirklichkeitsfern - auch noch Erfolg hat, ganz zu schweigen. Es sind derartige Logiklöcher und Drehbuchschwächen, die einem Film, der ein solch ernstes Thema aufgreift und sich dabei selbstredend um Authentizität bemüht, nicht unterlaufen dürfen. Es handelt sich nämlich nicht um den Rachefeldzug eines Dolph Lundgren, dem man das ein oder andere Logikloch gerne verzeiht, sondern um ein gesellschaftliches Politikum.
Nicht nur das schwache Drehbuch, auch die Vermarktung des Films ist eine Farce. "Descent" gibt sich als waschechter Schocker aus, doch ist er das bei aller Ernsthaftigkeit des Themas nicht. So verspricht das Werbecover der DVD, das Rosario Dawson ohne Kleider in einer Tierfalle zeigt, viel nackte Haut. Doch reibt sich womöglich so mancher Zuschauer nach Genuss des Films verwundert die Augen angesichts der Erkenntnis, dass von Dawson auf dem Cover mehr nackte Haut zu sehen ist als an irgendeiner Stelle des Films. Maya lässt nie die Hüllen fallen. Allenfalls Jared entblößt sich zuletzt vollständig. Zudem überzeugt die Vergewaltigungsszene, der Schlüsselmoment des Films, nicht. Dawson wirkt weder schockiert noch authentisch leidend noch erbost. Ihr Mimenspiel transportiert nicht den Schmerz einer Vergewaltigung und vermittelt nicht den Terror der Situation. Ob dieses unentschuldbare Manko regieverschuldet oder auf dem Konto der womöglich begrenzten schauspielerischen Kapazitäten Dawsons zu verbuchen ist, sei dahingestellt. Wer Monica Belluccis Pein in Gaspar Noés "Irreversibel" (2002) erlebt hat, den berührt Dawsons bemühtes Kopf-hin-und-her-drehen nicht mehr. Dem eigenen Anspruch zu schockieren wird "Descent" nicht gerecht. Dass die New York Times in ihrer oft gezeigten, feuilletonistischen Pseudointellektualität Lugacys Film als "essential to see" bezeichnet, kann da auch nichts retten.
Zum kompletten Desaster wird "Descent" pünktlich zum Schluss, als sich die völlig überforderte Regisseurin auch noch bemüht, ihrem Opus eine philosophische Note zu verleihen. *Spoiler* Während Jared von der bisexuellen Diskobekanntschaft Mayas zur Strafe ans Bett gefesselt vergewaltigt wird, fragt ihr Gehilfe, ob sie ihren Durst nach Rache nun gelöscht hätte, woraufhin Maya in Tränen ausbricht. *Spoiler Ende* Die bisher im Film wenigstens hier konstant verfolgte Ambition der Herausarbeitung eines Täter- und eines Opferprofils erfährt hier einen ungewollten Bruch. Lugacy versucht hier offenbar, an das Gutmenschentum des Zuschauers zu appellieren und fragt abrupt, ob denn Rache eine probate Lösung sein kann. Nur steht diese Frage im diametralen Gegensatz zum zuvor errichteten emotionalen Gerüst des Films und wirkt wie ein bemüht nachgeschobenes Hinüberretten des filmischen Charakters in die Gefilde des allgemein feuilletonistisch Akzeptierten. Die wenig überzeugende Schlussszene ist hier kein einzelner Faux-Pas, sondern symptomatisch für das wirre Drehbuch und die dilettantische Darbietung des Leids eines Vergewaltigungsopfers.
Talia Lugacys "Descent" ist ein gescheiterter Versuch, die Misere einer vergewaltigten Frau in Bildern einzufangen. Wäre das Thema nicht dafür zu ernst, könnte man sich womöglich ob des Wirrwars der Inszenierung und der Tolpatschigkeit der Regisseurin amüsieren. So ist "Descent" allerdings nur hundertminütige Langeweile, bei der nur der Blick auf die Uhr etwas Abwechslung bietet.