Die Studentin Maya (Rosario Dawson) lernt auf einer Party den jungen Jared (Chad Faust) kennen. Sie gehen aus, verbringen eine gute Zeit, schließlich begleitet sie ihn nach Hause. Doch als es intim wird und sie abbrechen möchte, eskaliert die Situation: Er vergewaltigt und demütigt sie. Gebrochen und traumatisiert taumelt sie durch die nächsten Monate, lernt in einem Club den ebenso faszinierenden wie sadistischen Adrian (Marcus Patrick) kennen – und begegnet im nächsten Semester erneut Jared. In ihr reift ein Plan zu grausamer Rache...
Der grob unterschätzte Thriller „Descent“ der Regisseurin Talia Lugacy nimmt sich des vor allem im Horrorfilm verwursteten Rape-and-Revenge-Motivs an und transponiert es in ein wesentlich realistischeres und psychologisch ausgefeiltes Setting. Dabei kommt ein so düsterer wie bizarrer Psycho-Thriller heraus, der mit exquisiter Ästhetik und bitterbösen Wendungen zu begeistern und zu schocken vermag.
So wird ein Großteil des Films in beinahe surreale, dunkle Bilder getaucht: Künstlich-grelle Rot- und Blaubeleuchtung in den Clubszenen und vor allem die düstere Ausleuchtung der beiden zentralen Vergewaltigungsszenen, in denen sogar der gesamte Hintergrund unmerklich in völliger Schwärze verschwindet, was dem Ganzen einen bizarren, unrealen Touch verleiht, erzeugen eine einzigartige visuelle Tiefe, die dem Geschehen eine leicht traumwandlerische Note mitgibt. Überhaupt ist die Visualität des Films seine größte Stärke: Die anfangs unspektakuläre Kamera fängt die beiden schockierenden Hauptszenen mit Fokus auf die Agierenden und ihr Handeln ein, ohne hier irgendetwas voyeuristisch auszuschlachten. Wenn das romantische Date in eine Vergewaltigung mündet, bleibt die Kamera konstant auf Nahaufnahme der beiden Gesichter geheftet, zeigt keine schmutzigen Details, nur das Leiden, Weinen, Betteln beziehungsweise sadistische Beleidigen und Herausreden der beiden Beteiligten. Diese Fokussierung auf die menschliche Seite einer solchen Tat macht die Szene im Grunde noch schwerer erträglich, als sie es „üblicherweise“ sind. Und das krasse Finale übertrumpft das noch einmal und macht es dem Zuschauenden schwer, sich moralisch zu positionieren.
Ganz klares Highlight ist dabei aber auch Rosario Dawson. Die Intensität und Authentizität, mit der sie ihre Rolle verkörpert, dürfte zu den Glanzleistungen ihrer gesamten Karriere gehören. Mit ausgefeilter Mimik und natürlichem Spiel vor allem in der ruhigen Anfangsphase erweckt sie ihren Charakter zum sympathischen Leben, um später ihr kaum bewältigbares Leiden und emotionales Davondriften umso mitreißender zu verkörpern – und das in dieser Phase oft ohne Dialoge. Mit ihrer intensiven Darstellung spielt sie hier alle anderen problemlos an die Wand und gibt bestürzende Einblicke in die psychischen Verheerungen, die ein solches Verbrechen anrichten kann.
Dazu kommt dann die leicht bizarre, nicht immer ganz glaubwürdige, aber durch viele kluge Beobachtungen spannende Story. Drehbuchautorin und Regisseurin Lugacy zeigt von Anfang an eine Gesellschaft, in der Frauen permanent Beobachtungs- und Zielobjekt von Männern sind, die sich auch einfach mal zwischen zwei Freundinnen drängen, um die eine anzubaggern, oder sich selbst in ihren nett gemeinten Flirtversuchen mit einer subtilen Herablassung und Bestimmung über sie erheben. Offene und unterbewusste Misogynie wird hier in mehreren Szenen klug durchgespielt, von alltäglichen herablassenden Bemerkungen bis zu dem Vergewaltiger, der noch während der Tat keucht: „Du willst es doch auch! Du Schlampe!“ Dass dabei sämtliche Figuren – selbst Jared – als vielschichtige Menschen, die mitunter auch selbst unter anderen zu leiden haben, gezeigt werden, verleiht dem Film eine emotionale Vielschichtigkeit, die ihresgleichen sucht und ihn nie zur platten Schuld- und Moralklamotte verkommen lässt.
Höchstens der Mittelteil mäandert vielleicht ein wenig zu sehr, weiß scheinbar eine Zeitlang nicht so ganz, wohin er sich entwickeln will, und führt mit Adrian eine doch etwas zu außergewöhnliche, dramaturgisch gewollt wirkende Figur ein – auch wenn die schließlich eine für das Schockfinale unverzichtbare, unfassbare Rolle erhält. Insgesamt aber ist „Descent“ ein fiebrig-faszinierender, im wahrsten Sinne dunkler Albtraumtrip, der auf subtile Art Kritik an einer misogynen patriachalen Gesellschaft übt und sowohl visuell, darstellerisch als auch inhaltlich größtenteils zu überzeugen weiß. Vielleicht war er seiner Zeit einfach ein paar Jahre voraus – einen wirklichen Grund, warum er beim damaligen Publikum konsequent durchfiel, kann es eigentlich nicht geben.