„Wie gefällt Ihnen die Kirmes der oberen Zehntausend?“
„Weißer Oleander“ alias „Dragonwyck“ aus dem Jahre 1946 ist das Regiedebüt des US-Amerikaners Joseph L. Mankiewicz („Julius Caesar“, „Cleopatra“). Die Mischung aus Drama und Mystery-Thriller basiert auf dem Roman „Schloss Drachenfels“ von Anya Seton aus dem Jahre 1944. In „Weißer Oleander“ spielt Horror-Ikone Vincent Price („Das Schreckenscabinett des Dr. Phibes“, „Die Folterkammer des Hexenjägers“, „Edward mit den Scherenhänden“) seine erste Hauptrolle („Shock“ wurde früher veröffentlicht, aber später gedreht) – und empfahl sich damit für weitere.
Im Jahre 1844 lädt der Großgrundbesitzer Nicholas Van Ryan (Vincent Price, noch ohne Bart) seine entfernte Cousine, die einfache Farmertochter Miranda Wells (Gene Tierney, „Laura“, „Ein himmlischer Sünder“, „Todsünde“), auf sein Anwesen Dragonwyck Manor ein, damit sie seine Tochter unterrichtet. Dort wird sie mit eigenartigen, von Lieblosigkeit geprägten Ehe- und Eltern-Kind-Verhältnissen, einem alten Familienfluch, dem Aufstand der Pächter gegen ihren Lehnherren und sogar dem Tod von Nicholas’ Frau konfrontiert – glaubt schließlich aber auch, in Nicholas ihre große Liebe gefunden zu haben und sich mit dem gesellschaftlichen Aufstieg einen Traum zu erfüllen...
Was wie eine Heimatschmonzette beginnt – gottesfürchtige Kleinbauern führen ein einfaches, aber glückliches Leben auf dem Lande und üben sich in Synchronbibellesen –, ändert sich alsbald, wenn Töchterchen Miranda nach geklärter Verwandtschaftsfrage („Nicht ein Tropfen Van-Ryan-Blut fließt in unseren Adern!“) das Dragonwyck’sche Gemäuer aufsucht, die Entscheidung über ihren Verbleib positiv ausfällt und nach einigen humorvollen Dialogen das unglaublich demütige, fromme Geschwafel endlich ein Ende findet. Miranda ist fasziniert von Nicholas und dem pompösen Leben auf dem Schloss, bewahrt aber dennoch ihren Stolz und eine gewisse kritische Distanz, denn auf den Kopf gefallen ist sie nicht. Diese differenzierte Charakterisierung macht aus Miranda die Sympathieträgerin des Films, statt sie in einer Art Opferrolle als weltfremde, fundamentalistisch-religiöse Jungfer verharren zu lassen. Nach ungefähr 20 Minuten tendiert die Handlung in Richtung gruseliger Schauermär anhand des Gemäldes von Athilde, einer längst verstorbenen Verwandten (die auf dem Bild kurioserweise aussieht wie Michael Jackson), und des furchterregenden, unheilverheißenden Gesangs, den nur Van Ryans durchs Schloss hallen hören. Der Bauernaufstand gegen Nicholas, innerhalb dessen harsche Kritik am Lehnwesen und ungerecht verteilten Besitz laut wird: Klassischer Klassenkampf, ein weiterer Aspekt des Films.
Im Grunde genommen aber ist „Weißer Oleander“ die Geschichte vom Untergang eines Patriarchen, Großgrundbesitzers, Reaktionärs und Kapitalisten, der nicht aus seiner Haut kann und dessen unerfüllter Stammhalterwunsch ihn zum Mörder werden lässt. Price liefert bereits seine ihm eigenen inbrünstigen, pathetischen Auftritte, wirkt dabei selbst in seiner Verletzlichkeit unnahbar. Die zunehmende Verzweiflung Nicholas’ geht einher mit einer leichten äußerlichen Verwahrlosung, symbolisiert durch einen ungepflegt erscheinenden Bart. Wenn er am Schluss dann völlig überschnappt, ist er ein gebrochener Mann, dem man nicht mit Lynchgelüsten, sondern mit einem gewissen Grad Mitleid und sogar Respekt begegnet. Dem Verfall der Van-Ryan-Dynastie ist eine Symbolhaftigkeit inne, die sich auf den Wandel der Zeit und ihrer Gesellschaft übertragen lässt – wer unfähig ist, sich den Veränderungen anzupassen und auf vermeintlich gottgegebenen Privilegien verharrt, wird von der Geschichte hinfort gefegt. Absolut sauber und fesselnd inszeniert, aber auch hollywoodtypisch ergreifend, wird, begleitet von vielen Walzer- sowie sowohl sanften, als auch dramatischen Streicherklängen, der anfängliche Humor komplett ausgespart und auf eine düstere, pessimistische „Moral“ zugesteuert, was schwer an den „Film noir“-Bereich erinnert, jedoch durch das eigentliche Ende abgeschwächt wird. Positiv deuten lässt es sich jedoch in Hinblick auf Klassenbewusstsein und -stolz, der die Suche nach dem Glück in Reichtum und Besitz höherer Schichten obsolet macht. Ein prachtvolles, inhaltsschweres Meisterwerk, das besonders dadurch zusätzlich interessant wird, dass Mankiewicz die Romanvorlage mit dem Edgar-Allan-Poe-Gedicht „Alone“ verquickte und damit Vincent Price eine erste Poe’sche Spielwiese bot. Sicherlich nicht von ungefähr kommt es da, dass die Poe-Verfilmungen, für die er später unter Regie Roger Cormans antrat, viel von „Weißer Oleander“ haben – sei es die ambivalent-tragische Charakterisierung der männlichen Hauptrolle, sei es aber auch insbesondere Price’ erhabenes, theatralisches Schauspiel.
Ein großes Drama, dessen zwischenmenschlich sowie politisch vielleicht nicht allzu anspruchsvolle – da bis zu einem gewissen Punkt erahnbare –, aber überaus ansprechende Handlung ich hier nicht vollends spoilern möchte, angereichert mit im Übrigen nicht durch eine weltliche Erklärung aufgelösten Gruselphänomenen, bei denen es eiskalt den Rücken herunterläuft, sobald das Spinett und der Gesang erklingen. Dazu ausdrucksstarke, kontrastreiche Schwarzweißbilder, herrschaftliche Kulissen und ein brillierender Vincent Price, dem mit Gene Tierney eine wunderschöne Schauspielerin zur Seite steht, die ihrer Rolle zugleich Beschützerinstinkt weckende Naivität, Sympathie und unprätentiöse Anmut und Grazie verleiht. Viel mehr geht nicht in einem Film aus der 1940er-Dekade – ich muss es wissen, denn ich hatte am Ende Tränen der Rührung in den Augen. Ein Klassiker, den es unbedingt wiederzuentdecken gilt!