Die Mafia ist tot - es lebe die Mafia! „Cosa Nostra" (Unsere Sache) - die italienische Mafia dient mittlerweile nicht mehr nur der eigenen Sache, sie ist fester Bestandteil des Kinos. Während die „Pate-Trilogie" ein episch prunkvolles, fast schon edles Bild der Mafia zeichnet, entmystifiziert Martin Scorsese „die Familie" mit „GoodFellas" als weniger unantastbare, rücksichtslose Organisation. Einen weiteren Blick in das Innenleben der New Yorker Mafia gewährt David Chase in Zusammenarbeit mit HBO als Serienform, den „Sopranos".
Das Projekt ist neu, die Themen sind alt. Altbewährt im Sinne von „der Familie" als Institution. Der Protagonist, Tony Soprano (James Gandolfini) muss sein Leben in zwei Familien leben - einerseits als Familienvater mit zwei Kindern, andererseits als Capo und aufstrebender Mann innerhalb des Ablegers der italienischen Mafia in New Jersey.
Das Ganze impliziert natürlich Probleme der besonderen Art und wenn man sich darauf einlässt, was aufgrund der gelungenen Mischung aus Comedy und Dramaturgie nicht schwer fällt, erlebt man eine spannende und intelligente Serie mit Suchtfaktor. Jedenfalls sind die „Sopranos" keine plumpe Umschichtung von Mafiaepen auf ein Serienformat, sondern eigenständig.
Die Storys sind weiterführend und abwechslungsreich zugleich. An sich altbekannte Themen wie interne und externe Konflikte, Liebe, Freundschaft, Verrat, Loyalität funktionieren nicht zuletzt auch deshalb so gut, weil die Figuren allesamt Tiefenschärfe haben und im Laufe der Serie eine brillante Charakterisierung erhalten. David Chase zeigt Fingerspitzengefühl, indem er die Figuren menschlich nachvollziehbar handeln lässt, gleichzeitig aber die Umgebung, die Traditionen und das Milieu im Blickfeld hat. Das Ergebnis ist weder moralisch, wertend, klischeehaft oder glorifizierend, sondern schlichtweg mitreißend unterhaltend. Jeder hat die Gelegenheit selbst zu urteilen und seine eigenen Impressionen zu gewinnen. Humor ist dabei inbegriffen. Ob klassisch italienische Traditionen, der Kampf der Kulturen, familieninterne Reibereien, lakonische Sprüche, Dialogwitz oder tiefschwarze Aktionen und Bemerkungen - die Vielfalt des Lachpotenzials ist enorm und dürfte jedermann befriedigen.
Erzähltechnisch begleitet man vordergründig Tony Soprano bei seinem täglichen Lebenskampf. Dabei wird nichts ausgeblendet, weshalb der Charakter einem sehr nahe ist. Interessante Therapiesitzungen bei Dr. Melfi dienen häufig als Reflexion von Gefühlen und Problemen der täglichen Geschehnisse innerhalb seiner beiden Familien. Auch spricht vor allem die Mischung aus Dramaturgie und Witz für sich - wohlgemerkt auf einer Art und Weise, die absolut glaubwürdig wirkt. James Gandolfini ist in allen Lagen Herr der Darstellkunst - egal ob humorvoll, skrupellos, aufbrausend, verletzlich oder geschäftlich agierend, er findet stets die passende Gestik und Mimik.
Die Zentralität wird andererseits durch eine Vielfalt an Charakteren, die je nach Geschmack alle ihre Reize haben, gelockert. Man nehme Paulie, Tonys impulsive, traditionsbewusste, rechte Hand - er ist nicht nur ein loyaler Diener, sondern zur Freude der Zuschauer ein Highlight in punkto Komik, beispielsweise, wenn er sich köstlich über den Verfall der italienischen Kultur in einem Fastfood-Restaurant aufregt. Silvio, ebenso loyal zuverlässig, aber auch mit Lachfaktor ausgestattet, wenn er in die Zitatenkiste der Mafiafilme greift. Christopher, jüngstes Mitglied der „Familie", mit einem Hang zu Drogen und kopflosen Aktionen. Tonys kratzige Mutter Livia, unverschämt und äußerst eloquent. Onkel Junior, die Hassliebe des Protagonisten, da er ein mächtiges Mitglied in beiden Familien ist. Schließlich noch Carmela (Edie Falco), Tonys Ehefrau oder seine rebellische, intelligente Tochter Meadow. Die Liste ließe sich bedenkenlos weiterführen, keiner geht in der Storyline unter und das Potenzial zur Identifikation ist grenzenlos, vor allem auch deshalb, weil die Schauspieler den Geist der facettenreichen Charaktere atmen und ihnen dadurch das notwendige Profil geben.
Die Schauplätze sind übersichtlich und der typischen „Mafiaatmosphäre" zweckdienlich. Das protzige Soprano Haus und der anrüchige Bada-Bing Tabledance Club wirken schon bald wie vertraute Örtlichkeiten.
So darf man David Chase letztendlich getrost attestieren, dass er die richtigen Zutaten für eine gelungene Mafiaserie gefunden hat: Interessante Charaktere; passende Schauspieler; genretypische Motive; konstruktive, abwechslungsreiche Storys; die typischen, atmosphärischen Schauplätze; Glaubwürdigkeit, Humor in allen Erscheinungsformen, Dramaturgie, der Dialog als Stilmittel. Altbewährt und dennoch innovativ dargestellt! Bellissimo! (9/10)