Review

Gesamtbesprechung

Zu den ganz besonders empfehlenswerten TV-Serien gehören die Sopranos, ein in 6 Staffeln abgedrehtes Mafia-Epos um eine italienisch-stämmige kriminelle Famile in New Jersey. Die ab 1999 laufende Serie erreichte erst nach und nach Kult-Status und räumte insgesamt 21 Emmys und fünf Golden Globes ab.

Das Besondere an den Sopranos ist weniger die Thematik, die man aus Glanzlichtern wie Casino oder Goodfellas ja schon ansatzweise kennt, sondern vielmehr die absolut gleichberechtigte Darstellung aller notwendigen Aspekte und Gegebenheiten aus dem Leben von Tony Soprano (James Gandolfini). Der erleidet gleich zu Beginn der Serie eine Panikattacke und muß sich wohl oder übel in psychiatrische Behandlung begeben. Dort sitzt der Mafia-Boss von New Jersey dann wie ein normaler Bürger herum, wartet bis er dran ist, versucht seine Unsicherheit mit Höflichkeitsfloskeln zu kaschieren und schafft auf diese Weise eine Art Verständnis/Sympathie beim Zuseher, die einen von Beginn an nicht mehr losläßt und mit seinem Schicksal, seinem Werdegang in gewisser Weise mitfiebern läßt.

Nach und nach wird man bei sehr gemächlichem Erzähltempo mit seiner richtigen sowie seiner Mafia-Familie vertraut gemacht, was einige Zeit in Anspruch nimmt. Während man mit einigen seiner Mobster vielleicht am Anfang nicht richtig warm werden kann, bleibt Tony selbst stets im Mittelpunkt und versucht, wie eigentlich jeder Familienvater, Ordnung in sein Leben zu bringen und die privaten wie auch beruflichen Dinge soweit wie möglich unter einen Hut zu bringen. Viele Hindernisse und Widrigkeiten muß Tony dabei meistern: Zum einen muß er seinem pubertierenden Sohn Anthony Soprano Jr. (Robert Iler) ein Vorbild sein, genauso wie der jugendlichen Tochter Meadow (Jamie-Lynn Sigler), andererseits sein "Business" vor den Kindern geheim halten, worin ihn seine zurecht eifersüchtige Frau Carmela (Edie Falco) zunächst unterstützt, sich aber im Laufe der Zeit immer mehr von ihm abkapselt und seine Seitensprünge nicht mehr ertragen mag. Auf der anderen Seite ist Tony seinen Oberbossen Rechenschaft (bzw. "dicke Briefumschläge") schuldig und muß sich darum kümmern, daß seine Geschäfte laufen - hier hat er am meisten Sorgen mit seinem Cousin Christopher Moltisanti (Michael Imperioli), der ein ums andere Mal über die Stränge schlägt und doch meist von Tony aufgefangen wird.

Das Drehbuch nimmt sich stets ausgesprochen viel Zeit für die jeweilige Figurenzeichnung - Mastermind David Chase, der "Vater" der Serie, hat hier auch beim casting für die Nebenrollen nahezu perfekt gearbeitet. Es gibt keine einzige Figur, die unpassend besetzt wäre. Bemerkenswert ist, wie auch absolute Nebenfiguren mit nur wenig Screentime im Drehbuch dennoch sorgfältig geplant agieren, was die Serie außerordentlich glaubwürdig macht. Jede Szene ist durchdacht geplant, zeigt ohne Ansehen der handelnden Person eine bestimmte Begebenheit und fügt sich somit in einen Mikrokosmos ein, der einem nach und nach ein zusammenhängendes Bild vermittelt. Dabei wird auch an teilweise hochnotpeinlichen Momenten nicht gespart, eine jede Figur wird mit ihren Stärken und Schwächen unterschiedslos gezeigt - das ist das Besondere an den Sopranos.

Freilich sollte man sich die Zeit nehmen, die Serie von Anfang an zu schauen - ich habe den Fehler gemacht, mir irgendeine Folge der zweiten Staffel bei der Erstausstrahlung nachts im ZDF anzuschauen mit dem Ergebnis, daß ich sie überbewertet und nicht sonderlich spannend fand - weil ich die Hintergründe nicht kannte und somit die gezeigten Dinge nicht einordnen konnte. Die Sopranos bauen mit jeder weiteren Folge aufeinander auf - was man für ein ungetrübtes Serienvergnügen berücksichtigen sollte. Als die ersten DVDs erschienen, konnte ich noch einmal von vorne beginnen - und manche Folge noch ein weiteres Mal sehen - man entdeckt gerade bei den Sopranos immer wieder Details und Feinheiten, die einem beim ersten Ansehen eventuell entgangen sind. Im Gegensatz zu diversen anderen Filmen möchte ich zur gelungenen deutschen Synchro raten - hier hat Hauptfigur Tony eine männlich-dominante Stimme, während das Original ein wenig nach Donald Duck klingt und wegen des gesprochenen Dialekts nicht ganz so einfach zu verstehen ist.

Wollte man die einzelnen Staffeln aufteilen und bewerten, so sind die ersten drei Staffeln die vielleicht besten - ein gewisser Einschnitt kommt mit der vierten Staffel. Als sich langsam der Erfolg eingestellt hatte, etwa nach der fünften Staffel, die erneut einen großen Kreis vollkommen neuer Figuren (u.a. Steve Buscemi) einführt, ohne dabei den Fehler vieler TV-Serien zu machen und ein Thema zu Tode auszuwalzen (es ist auch in dieser fünften Staffel immer Tonys Handschrift und Führerschaft zu erkennen) ließen sich die Macher bei HBO für die finale sechste Staffel, die zweigeteilt ist und eigentlich die siebte und letzte Staffel als "Teil 2" beinhaltet, noch einmal etwas einfallen und führten mit bislang ungewohnten, sehr langen und ausführlichen Traumsequenzen Versatzstücke ein, die der Aufmerksamkeit des gespannten Zuschauers einiges abverlangen - um dann in der berühmten finalen Szene von Tonys Familie beim Essen in einem Restaurant zu kulminieren, das mit einem schwarzen Bildschirm abbricht und seitdem für viele Debatten unter den Fans auf der ganzen Welt sorgt...

James Gandolfini, zuvor in eher miesen Rollen in Schnappt Shorty oder 8MM - Acht Millimeter zu sehen, konnte den Erfolg der Serie nicht mehr lange auskosten - im Sommer 2013 erlag er einem Herzinfarkt. Somit erübrigen sich auch alle Spekulationen um eine Fortführung der Serie - diese 6 Staffeln von 1999 - 2007 bleiben ein Meisterwerk. 10 Punkte.

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