Review

Gesamtbesprechung

2000: Die deutsche Fernsehlandschaft wurde programmäßig einem radikalen Terraforming unterzogen und dank meiner Eltern, zweier notorischer Kabelverweigerer, bin ich NICHT dabei. Auf der aufkommenden Animewelle darf ich nur mitsurfen, wenn ich Freunde besuche, "Jackass", "South Park" und andere Heiligtümer der mainstreamtauglichen Provokation bleiben mir erst recht verwehrt und "Die Simpsons" laufen schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Kinderprogramm des ZDF - zugunsten der unzensierten Pro 7 - Fassung, also war hier ein versteckter Segen am Werke.

Mit anderen Worten: medial gesehen war meine Post - 90er - Kindheit eher langweilig. Hinzu kommt, dass in dem Dreckskaff, in dem meine Eltern mich in die Welt setzten, kaum etwas los war. Wären "Die wilden Siebziger" nicht gewesen hätte ich mich an Wochenenden, wo meine Kumpels mal keine Zeit hatten, womöglich zu Tode gelangweilt. Mit einer solchen Heimat gestraft hat man genau zwei Möglichkeiten: entweder selbst den großen Otto loslassen oder zumindest anderen dabei zuschauen. Notgedrungen entschied ich mich mit 10 für letzteres.

Und siehe da, nunmehr hatte ich einen effektiven Zeittotschläger für den ein oder anderen öden Wochenendtag: frech genug für meine präpubertären Krawallbedürfnisse, aber noch jugendfrei genug, um zu meinen Bildschirmzeiten über den Schirm flimmern zu dürfen.

Dreh - und Angelpunkt der Serie ist das Haus der Arbeiterfamilie Forman, deren Waschkeller ab Folge 1 von Nerdsohn Eric und seinen Kumpels als erweitertes Wohnzimmer (und gelegentliche Kiffhöhle) in Beschlag genommen wird. Bedingt durch Langeweile, pubertäre Verwirrung und jede Menge Gras arten im forman'schen Gewölbe einfachste Alltagsprobleme zu absurden Komödien aus, durch die Eric und seine Freunde sich kämpfen müssen. Besonders der männliche Cast - Rebell Hyde, Trottel - / Schönlingshybrid Kelso und der hypersexuelle Austauschschüler "Fez" - trägt regelmäßig zur Eskalation der Situation bei, aber auch Freundin Donna und deren ätzende Kumpeline Jackie mischen ganz im Sinne der Gleichberechtigung kräftig mit, was das Chaosstiften betritt. Später wird der Cast zudem stellenweise durch den Althippie und Fotoladenbesitzer Leo erweitert, der alle Beteiligten gerne mit seiner Verpeiltheit in den Wahnsinn treibt und von Comedylegende Tommy Chong gespielt wird.

Wie man herauslesen kann lebt die Serie aus der Feder des Autorenpaares Bonnie und Terry Turner und Schreiberkollegen Mark Brazil mehr vom Mythos des Jahrzehntes als von tatsächlichen historischen Tatsachen. Dabei entmystifiziert man nicht nur das Comedyklischee vom Status Quo (der hier durchaus vorkommt, aber nicht immer befriedigt), sondern wagt sich an viele sehr schräge Running Gags: Neben den berühmten "Circle Sessions", bei denen die Clique ihre Probleme bei Seite kifft, gehören besonders zu Anfangstagen der Serie Splitscreensequenzen fest dazu, in denen die jeweiligen Charaktere das selbe Thema, aber mit unterschiedlichen Standpunkten diskutieren und die Diskussionen zwischen Eric und seinem erzkonservativen Übervater Red gewannen innerhalb der Familie Worthmann so schnell an Popularität, dass mein Vater von meinen Freunden schnell den Vornamen des Patriarchen als Spitznamen verpasst bekommen hat. Zurecht, wie er bis heute meint.

Aber auch für einen Hauch Drama ist die Serie hin und wieder zu haben: Jobverlust, Schwangerschaft, zerbröselnde Beziehungen und auch so manche handfeste Krise des Lebens sind Themen im Kifferkosmos der Jugendlichen. Den moralischen Zeigefinger darf man sich hier aber getrost sonst wo hin schieben, denn wenn die Serie eines von anderen damals populären Sitcoms unterscheidet, dann die Tatsache, dass hier der Anarchofaktor auf 11 gedreht wurde und da kein Platz für allwissende Elternfiguren und überflüssiges Autoritätsgequatsche bleibt: Charaktere entwickeln sich weiter, (besonders an Zicke Jackie wird dies sehr deutlich), aber den hang zum Unsinn verliert hier niemand vollkommen.

Auch Jahre nach Serienende landen "Die wilden Siebziger" immer noch auf meinem Bildschirm und ich begrüße die Openingcredits immer noch headbangend und mit in die Luft gereckter Faust, wie es sich gehört. An einigen Episoden kann ich mich einfach nicht satt sehen und viele Dialogzeilen boten mir Spruchfutter für alle Lebenslagen. Davon, dass die Sendung mich zu einem wahren Rockjunkie werden ließ schweige ich an der Stelle mal, das sollte sich von selbst verstehen. Rundum gelungen vermisse ich hier eigentlich kaum etwas, nur bin ich dann doch immer wieder etwas melancholisch, wenn sich in der letzten Folge das Jahr 1980 anbahnt und man von der alten Bande um Eric und co. lange nichts mehr hört.

Umso trauriger ist es, dass das Spinoff "Die wilden Neunziger" nun vorzeitig abgesetzt wurde. Scheinbar waren zu wenige der alten Fans gewillt, der neuen Sendung um Erics und Donnas Tochter Leia und deren neue Freunde eine faire Chance zu geben. Vielleicht lag es daran, dass die Charaktere denen der Ursprungsshow zu stark ähnelten oder die meisten Zuschauer stattdessen lieber mehr vom gleichen erwarteten (sprich: Mehr Cameos alter Charaktere), aber diesem Nachfolger war kein großes Glück beschieden. Schade, denn ich mochte die neue Gruppe um Leia und fieberte der dritten Staffel entgegen wie zu alten Zeiten. Was soll's: wenn ich im Lotto gewinne werde ich diesen Fehler beheben, die Serie zu Ende führen lassen und mein Leben nach der letzten ausgegebenen Münze arm, aber mit meiner neuen Lieblingsserie verbringen. Bis dahin bleibt mir ja noch die Originalserie und die ist nach dem 1000. mal immer noch besser als irgendwelche halbgaren Fanfictions zum zu früh verstorbenen neuen Serienliebling.







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