Angesagte Indie-Regisseure, aufstrebende Jungstars, als Grundlage ein auf Tatsachen basierender Bestsellerroman Marke „Der Teufel trägt Prada“, dessen Verfilmung kurz zuvor für Furore gesorgt hatte – mit „The Nanny Diaries“ ging die Weinstein Company eigentlich auf Nummer sicher, doch das Ganze soff dann doch bei Kritik und Publikum größtenteils ab.
Dabei ist der Auftakt ziemlich charmant: Anthropologiestudentin Annie Braddock (Scarlett Johansson) philosophiert via Off-Kommentar über menschliche Gesellschaftsstrukturen, während man sie im Naturkundemuseum sieht und die Grenzen zwischen den dort ausgestellten Dioramen und den geschilderten Alltagswelten miteinander verschwimmen. Ein visueller Gag von ziemlicher Kraft und mit reichlich Charme, dazu der Blick der geschulten Akademikerin auf zwischenmenschliche Verhaltensweisen, das lässt sich gut an.
Zumal Annie ein ebenso sympathischer wie nachvollziehbarer Charakter ist: Das Vorstellungsgespräch bei der Supi-Dupi-Karrierefirma vergeigt sie, was ihr aber gar nicht so ungelegen kommt, da sie noch nicht weiß, was sie mit ihrem Leben machen soll, so frisch von der Uni kommend. Zu einem neuen Job kommt sie fast im wahrsten Sinne des Wortes wie die Jungfrau zum Kinde, denn nach einer Begegnung im Park will eine Upper-Class-Mutti, von Annie nur Mrs. X (Laura Linney) genannt, sie als Nanny für Sohnemann Grayer (Nicholas Art) anheuern.
Tatsächlich entscheidet sich Annie für den Schritt, wird jedoch bald mit unangenehmen Tatsachen konfrontiert: Einmal eingestellt erweist sich Mrs. X als Ziege mit strengem Regime und eisernen Regeln für Kind und Nanny, während der Youngster ebenfalls ein ziemliches Biest ist…
Wer jetzt knallharte bis neue Einsichten in den „Lifestyle of the Rich and Famous“ erwartet, der wird recht schnell enttäuscht, denn eigentlich bekommt nur das Erwartete geliefert: Der Sohnemann soll mit rigidem Lernen und Dauerbeschallung mit Hochkultur bereits in jungen Jahren zur Elite von morgen herangezogen werden, triviale Dinge und ungesunde Ernährung sind tabu und das Kind ist dank Quasi-Gehirnwäsche williger Komplize bei alledem. Für das Arbeitsverhältnis gelten Vorstellungen wie in den 1950ern, darunter völlige Hörigkeit, dauernde Einsatzbereitschaft, extrem knapp bemessene Freiheit und der Verzicht auf jeglichen Herrenbesuch. Dazu hat die Mutter drei bis fünf Neurosen, Ehemann Mr. X (Paul Giamatti) ist ein unnahbarer Workaholic, was filmisch dadurch ausgedrückt wird, das er bei seinen ersten Auftritten fast immer außerhalb des Bildkaders präsent ist.
In diese immerhin ganz amüsante groteske Situation mengt sich dann bald das Märchenhafte, das Schöne, Gute, Wahre, wenn Nanny und Kind trotz anfänglicher Reibereien zur verschworenen Einheit werden und sie ihm all die Liebe bietet, die von den kalten Eltern nicht kommt. Sogar die Erwachsenen sind teilweise reformierbar (aber erst zum Filmende), nebenher kriegt Annie das eigene Leben auf die Reihe und für eine Romanze ist der Nachbar da, bloß Harvard Hottie (Chris Evans) genannt, da eben analog zu einer anonymen Versuchsprotokoll keine echten Namen zirkulieren sollen. Dementsprechend redet Mrs. X die Protagonistin immer nur mit „Nanny“ an, da sie deren Namen anfangs missverstanden hat. Sonderlich tief ist das alles nicht, man hat es schon zigmal gesehen und die Romanze ist sowas von nach Schema F abgenudelt, dass „Nanny Diaries“ auch da keine Blumentöpfe gewinnt.
Immerhin profitiert die Dramödie von ihrer Besetzung, vor allem von der sympathischen Scarlett Johansson, die auch mal als Down-to-Earth-Studentin und -Malocherin eine einnehmende Darbietung abzuliefern weiß. Chris Evans bleibt da nur schmückendes Beiwerk, Paul Giamatti in seiner Nebenrolle Edelsupport, aber ohne Raum für Glanzleistungen. Laura Linney übertreibt es manchmal mit der Schräpelige-Kuh-Performance, kann aber in den späteren Teilen des Films Nuancen zeigen, während sich Nicholas Art als okayer Kinderdarsteller erweist. In weiteren, wenig einprägsamen Rollen treten Donna Murphy als Annies resolute Mom und Alicia Keyes als beste Freundin der Protagonistin auf.
Das ist alles selten zum Brüllen, manchmal aber doch zum Schmunzeln, nicht zuletzt, da die Regisseure Shari Springer Bergman und Robert Pulcini die obligatorischen Fremdscham-Momente und Peinlichkeitsepisoden nie zu sehr auswalzen. Die Satire auf Upper-Class-Marotten hat trotz aller Klischees auch ihre amüsanten Seiten und der eine oder andere amüsante Wortwitz ist auch dabei. Nur ein wirklich scharfer oder beißender Film ist „Nanny Diaries“ nie, er bleibt brav, bewegt sich nicht aus seiner Komfortzone heraus und wird gegen Ende regelrecht märchenhaft, wenn (auf reichlich konstruierte Weise) ein Teil des Figureninventars zur Erkenntnis geführt wird und die Irrungen in seinen bisherigen Lebenswegen einsieht.
Insofern ist „Nanny Diaries“ ein Film, der nie weh tut, trotz seiner behaupteten anthropologischen Sichtweise nie zu tief in die Materie eindringt und sich auf bekannte Formeln verlässt, wenn er Drama, Comedy und Romanze mischt. Immerhin ist die Besetzung gut drauf, ein paar gute Gags gelingen und die Regie hat nette Einfälle, auch wenn der Auftakt das Charmanteste am ganzen Film bleibt. Nett, aber leider auch sehr egal.