Während den Dreharbeiten zu „Satyricon“ entwickelte Federico Fellini vorliegende Dokumentation über seine eigene Arbeit. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen unbedeutenden Fernsehbeitrag des Regisseurs, welches ausschließlich für Fans interessant ist. Diese Annahme erweist sich aber nur begrenzt als richtig: „A Director’s Notebook“ besitzt in Hinsicht auf Fellinis spätere Werke eine Vorreiterposition. Bisher hatte der Maestro nur fiktionale Spielfilme gedreht, auch wenn gewisse autobiografische Bezüge immer vorhanden sind. Hier stellt Fellini seine Arbeit in den Mittelpunkt und thematisiert einerseits die Entstehung eines Kunstwerkes, weiterhin erprobt er erstmals die dokumentarische Herangehensweise. Durch diese Tatsache wird das ‚Notebook’ zum Vorläufer für Fellinis halbdokumentarische Arbeiten wie „Die Clowns“, „Fellinis Roma“, „Orchesterprobe“, „Intervista“, die allesamt die hier gesponnenen Ideen geschickt mit den Funktionsweisen des Spielfilms anreichern. Trotz einiger Durchhänger gelingt ihm dieser Versuch voll, ein unbedarfter Zuschauer bekommt aber nur einen verschwommenen Eindruck von Fellinis Filmen. Archivmaterial von Dreharbeiten, B-Roll-Material aus „Satyricon“ und eigens gedrehte Sequenzen fügen sich nicht zu einem gewöhnlich-informativen Abriss zusammen, vielmehr entwickelt Fellini eine avantgardistisch anmutende Meditation über das Filmemachen. Durch einen Besuch bei Marcello Mastroianni bekommt der Film einen intimen, privaten Anstrich verwehrt sich aber nicht gänzlich dem Zuschauer. Damit ist „A Director’s Notebook“ nicht so komplex und anspruchsvoll wie die nicht narrativen Werke von Jean-Luc Godard dennoch mehr als eine gewöhnliche Werkschau. Neben Mastroianni sind auch weitere wichtige Künstler zu sehen mit denen Fellini immer wieder zusammen arbeitete, unter anderem Komponist Nino Rota („Fellinis Casanova“) oder auch Ehefrau und regelmäßige Hauptdarstellerin Giulietta Masina („Julia und die Geister“). Die Kommentare der Beteiligten werden nicht per Voice-Over übersetzt, alle Beteiligten sprechen in teilweise arg gebrochenem Englisch. Produziert wurde der essayistische Film vom Rundfunk– und Fernsehnetwork NBC da Fellini in Amerika ein großer Name war und er für einen europäischen Autorenfilmer ein ungewöhnlich großes amerikanisches Publikum erreichen konnte. Mit einer Laufzeit von einer Stunde fällt das Endergebnis naturgemäß etwas knapp aus um den Fernsehzuschauer nicht zu überfordern. Der interessanteste Aspekt ist sicherlich das legendäre Mastorna-Projekt, welches von Fellini leider nie umgesetzt werden konnte. Die Fragmente dieses unrealisierten Werkes sind wohl der Höhepunkt in „A Director’s Notebook“. Unter der sehr experimentellen Oberfläche (ein linearer Faden ist nicht auszumachen) erfährt der geneigte Zuschauer zwar nicht viel über Fellini oder über spezielle Filme, dafür aber umso mehr über Fellinis Auffassung von Film und seinen Arbeitsmethoden von der Szenengestaltung bis zur Schauspielführung.
Fazit: Ein wichtiger Bestandteil im Gesamtwerk Fellinis, auf dessen spätere Arbeiten dieser Film-Essay einen enormen Einfluss ausübte. Trotz niedrigem Informationscharakter eine lohnenswerte Dokumentation.
6,5 / 10
Nach der Ausstrahlung im internationalen Fernsehen verschwand der Film beinahe vollständig aus dem Bewusstsein des Publikums und tauchte erst wieder bei einer Wiederveröffentlichung auf DVD auf.