Review

Die Freiheit und Unbeschwertheit der Jugend, ohne Zwänge, ohne Sorgen, ohne Ballast, das Leben ein wenig noch in den Tag hinein. Nicht jeder Tag ist wie Ferien oder wie Urlaub, aber fast jeder Tag ist noch wie neu. Ein junges Paar am Trampen, die erste Liebe, das Herz und die Welt vor einem ist groß, das Handgepäck ist klein. Nach Nizza möchte man, die gegenseitigen Küsse sind noch wichtiger, kein Auto hält an. Wie auch beim Hornochse und sein Zugpferd beginnt man mit einer Vermisstenmeldung, umschifft man den Krimi, Eltern auf der Suche nach ihren Kindern, die Polizei ist oder scheint hilflos oder desinteressiert, demnach setzt man andere Mittel und Wege ein. Hier wie dort sind auch die Eltern, zumindest die, die sich Sorgen machen, eher gutbürgerlich bis gehobene Klasse, das Geld sitzt locker, man kann sich Dinge leisten und Leute engagieren, die die anderen Mittel und Wege kennen und die Drecksarbeit machen:

Der depressive François Pignon [ Pierre Richard ] staunt ebenso wie der ihm noch unbekannte Jean Lucas [ Gérard Depardieu ] nicht schlecht, als beide unabhängig voneinander und nach mehreren Jahren Kontaktstille Besuch ihrer ehemaligen Freundin Christine Martin [ Anny Duperey ] bekommen, die ihnen eröffnet, einen unehelichen Sohn namens Tristan [ Stéphane Bierry ] zu haben, welcher in Schwierigkeiten steckt und die Hilfe ihres Erzeugers benötigt. Soweit stimmt die Geschichte vielleicht, allerdings ist Christine mit Paul Martin [ Michel Aumont ] verheiratet und Tristan dessen Sohn.

Der Hebel für die Mitarbeit der beiden Männer ist eine Lüge, die Vortäuschung von Tatsachen, von entscheidenden Veränderungen, von einer kompletten Umstrukturierung des Lebens. Die Männer kannten sich nicht vorher, sie sind das komplette Gegenteil des Anderen, sie lernen sich jetzt kennen, ob sie wollen oder nicht. Die Geschichte einer Suche ist es wieder geworden, die Geschichte einer Annäherung zweier Individuen, der Vereinigung von Schwarz und Weiß quasi, hier aber weniger die Reibereien dazwischen, sondern erst die Gemeinsamkeiten (die unverhofften Vatergefühle); das Buddy Picture, das aus der Ausgangsidee hervorgeht und wo erneut nicht ein Einzelner für den Erfolg und das Finden des oder der Vermissten sorgt, sondern nur ein Duo, in der Vereinigung beider Kräfte und Stärken, ein Team.

Wichtig sind dabei beide Exemplare, schon in der Einzelbetrachtung, auch rückwirkend in ihrer früheren Beziehung zu der sie 'beauftragenden' Frau. Depardieu geht es gut, es sieht gut aus, er tritt Türen ein und geht mit dem Kopf durch die Wand, er willigt dem Treffen ein, aber er erwartet nichts, er ist sich seiner selbst sicher. Richard ist (erneut) kurz vor dem Selbstmord, er hat eine Depression, Kleinigkeiten bringen ihn zum Weinen, das Wiedersehen und die Stimme aus der Vergangenheit retten ihm sprichwörtlich das Leben; auch die Reaktion der Frau gegenüber beiden Männern ist nur ein Detail, aber präzise herausgearbeitet und wichtiger als jede spätere, oftmals auch im Nebenher geschehene Situationskomik und hier mit das emotionale Fundament und die dramaturgische Bastion. Autor und Regisseur Veber zeigt tatsächliche Persönlichkeiten und eine Realität, die spürbar bleibt und griffig wirkt, eine Gesellschaft Mitte der Achtziger, damals in der zeitgenössischen Aktualität, heute Zeitzeugnis und in der Vergangenheit.

Diesmal bleibt man innerlandes, Paris der Start, Nizza ist die erste Anlaufstelle, dann geht es nach Cannes, dann nach St. Paul. Das Wasser vor der Tür, der Ausblick aufs Meer, die Straßen mal breit und öfters auch gedrungen; verwinkelt, verschroben, ein deutliches Gewusel vor Ort, der Putz öfters abgeplatzt, die Manieren ungezwungen, auf den Fersen zwei Schläger und zwei Schergen. Für eine Komödie, als die die Filme immer bezeichnet werden und so auch in Erinnerung vorhanden waren, sind die humoristischen Szenen (wie auch die gesamte Regie) eher reduziert und wie nebenher, kleine Highlights wie der Schlamassel in der Tankstelle auf dem Lande, als man Tränen (zum Herzerweichen einer 'Informantin') vortäuschen soll, aber selten so glücklich war und die Tränen nur vom Lachen kommen, oder folgend das Vorzeigen des jeweils gleichen Fotos des Gesuchten; spätere Formen des Slapsticks sind eher, um die Geschichte voranzubringen, der Running Gag mit den beiden Handlangern vom Casino wird immer mehr abgekürzt. Depardieu zeigt dabei auch teils andere Seiten als noch im Vorgänger, wo er das Anhängsel dort eingangs überhaupt nicht ausstehen konnte, hier aber gleich bereit zur Hilfe und zur Mitnahme ist; es ist tatsächlich wesentlich schneller eine Partnerschaft vorhanden, die Gemeinsamkeiten doch näher, auch wenn die Unterschiede weiterhin groß sind.

"First time I got drunk, it was over love." - "Really?" - "Stayed drunk three weeks. He did the same. We react alike." - "Doesn't prove a thing." - "Okay. I only said we had things in common." - "Like what? You're both drunks. If every drunk was your kid, you'd have quite a family."

Das kleine Problem hier ist nur, anders als beim Hornochsen wird das Zielobjekt hier schneller eingebunden, dort taucht die Person erst die letzte Szene auf, hier bereits mittig und wird dann auch inkludiert, was vom Thema her durchaus Sinn macht, aber den Film ein wenig voll und gleichzeitig etwas faserig wirken lässt, aus dem Zweierteam wird ein Trio, was andere Konflikte hat und andere Dynamiken ergibt. Dafür gibt's einige Gewalttätigkeiten, Kopfnüsse, das Durchspringen oder Durchstürzen von Glasscheiben, eine Prügelei, die noch durch eine andere ergänzt wird, später fallen gar Schüsse und wird ein Polizei-, Politik- und Korruptionsthriller eingewebt.






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