Review

Um es gleich vorwegzunehmen: Irina Palm ist nun wahrlich kein schlechter Film, aber es handelt sich leider nicht um das allseits hochgelobte Top-Movie, welches den uneingeschränkten Applaus von Festivalbesuchern und Kritikergilde verdient.

Auf den ersten Blick ganz in der Tradition des neuen britischen Cinemas stehend, bietet Irina Palm fraglos jene Mixtur aus kraftvoll realistischem Stoff und komödienhafter Überzeichnung an, wie es bereits "Brassed Off" oder "Full Monty" an den Kinokassen erfolgreich vorgemacht haben. Und dennoch beschleicht den hyperkritischen Beobachter im Verlaufe der Filmhandlung von Zeit zu Zeit ein flaues Gefühl: gewiss, die Darsteller, allen voran Marianne Faithfull als ungeschminkt gealterte, übergewichtige, schlecht frisierte und breitbeinig ausschreitende wanking widow absolvieren ihren Part mit höchster Bravour; daran scheitert es schon einmal nicht. Was nur wirklich stört, ist das oftmals Vorhersehbare im Handlungsverlauf sowie das romantisch schwer überfrachtete Ende. Umgekehrt entwickelt der Film seine Stärken gerade dort, wo er mitleidlos die Tristesse und die sozialen Härten seiner Protagonisten abbildet: den Werktag einer Sexarbeiterin im heruntergekommenen Londoner Stadtteil Soho, kontrastriert mit dem kleinbürgerlichen Habitus einer Vorortsiedlung und den dort vorherrschenden Moralvorstellungen.

Aus dieser topographischen wie sozialen Gegenüberstellung speist sich so mancher Lacher, und als Filmliebhaber freut man sich für Maggie mit, wenn sie ihren überheblichen five-o'clock-Freundinnen so richtig gegen das moralinsaure Schienbein zu treten versteht, auch auf die Gefahr hin, sich gesellschaftlich zu outen. Und dann ist da noch die innerfamiliär höchst angespannte Situation... Ein todkranker Enkel, der vielleicht gerettet werden kann durch finanzielle Einnahmen jenseits des konventionellen Gelderwerbs: durch massenhaftes, kostenpflichtiges, anonymes Masturbieren mittels der zarten Hände der Grandma, woraufhin wiederum Sohn und Schwiegertochter so ihre jeweiligen Krisen kriegen und sich rollenmäßig entsprechend verhalten.

Am Ende gibt es leider nur knappe 7/10 Punkten, weil der filmische Schlussakkord viel zu weihnachtlich und damit auch: kitschig ausgefallen ist. Mehr Realismus hätte diesem an sich verdienstvollen Film sehr gut getan.

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