Review

Wenn ich ehrlich sein soll, richtig Lust aufs Anschauen hatte ich nach einem Blick auf die Inhaltsangabe dieses Filmes erst mal nicht. Ein todkranker kleiner Junge, deren mittellose Eltern für die Behandlung seines Leidens dringend Geld brauchen, klang reichlich abgedroschen, da oftmals Gegenstand unzähliger und unsäglicher Fernsehproduktionen und eher an einen verkitschten Groschenroman erinnernd. Dazu noch eine Großmutter Ende der Fünfziger, welche sich auf unappetitliche Art und Weise in einem Sexshop das benötigte Geld verdient, wie peinlich kann es noch kommen? Doch Sam Garbarski geht mit beiden heiklen Themen so geschickt um, dass man hier einem durchweg außergewöhnlichen Film beiwohnen darf. Der Extremsituationen von in Not geratenen Menschen so fokussiert wie möglich und gleichzeitig so einfühlsam wie nötig behandelnd, ohne die Beteiligten bloßzustellen. Diese wohltuende Zurückhaltung zeichnet den gesamten Film aus.

Fokussiert bedeutet hier vor allem, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und all die Ingredienzien wegzulassen, die ein dichtes Drama verwässern könnten. So wird zum Beispiel der kranke Olly als normaler Junge gezeigt, welches zwar erschöpft im Bett liegt, sich aber wenig von seinem Leiden anmerken lässt. Wenn Oma Geschenke macht, freut es sich wie jedes Kind. Die unmittelbare Umgebung, ein steriles Krankenhaus, die behandelnden Ärzte, ja sogar die Ursache seiner Erkrankung werden nur nebensächlich ins Bild gerückt, so dass die Beziehungen zwischen den Personen noch intensiver wahrgenommen werden.

Genauso verhält es sich mit dem „Arbeitsplatz" von Oma Maggie, wobei natürlich die Lokalität eines Sexshops schon irgendwie bebildert werden musste. Doch geschieht dies nie in voyeuristischer Art und Weise, sondern hat eher einen lockeren informativen Charakter. Anfangs wirkt die ungewohnte Umgebung nicht nur auf Maggie, sondern auch auf den Zuschauer absurd bis abstoßend, doch mit fortschreitender Zeit hat man einen eher „normalen" Eindruck, und zwar soweit normal, dass man die obigen Anführungszeichen beim Arbeitsplatz getrost weglassen kann.

Denn Maggie hat einen richtigen Job. Sie wird an der „Glory Hole"-Wand von einer anscheinend gelangweilten jüngeren Kollegin eingewiesen. Eine Einweisung, die einem wie die an einer Maschine in einer Produktionshalle vorkommt: „Drückst mal mehr, mal weniger, mal schnell und langsam, abwischen, fertig. Den nächsten machst du dann...!" Und Maggie erledigt bald ihre Arbeit mit ihren weichen Händen super. Sie wird zu einer gefragten Spitzenkraft, ihr Gehalt steigt. Alles wie bei einer Karriere in einem alltäglichen Job.

Dazu passend auch ihre Aktion „Schönerer Arbeitsplatz" mit Bild an der Wand und Blumenvase auf dem Tisch. Man will sich ja schließlich wohl fühlen bei der Arbeit. Und dass auch Berufskrankheiten eine Rolle spielen, zeigt eindrucksvoll der „Penisarm", doch Maggie ist tapfer und besorgt es den Männern eben mit links. Es ist ebenso vergnüglich zuzusehen, wie mit der Arbeit auch das Selbstwertgefühl von Maggie steigt. Sie hat jahrelang nach dem Tod ihres Mannes einsam zu Hause gehockt, hatte seitdem nie das Gefühl gebraucht zu werden. Das ist jetzt anders, sogar die Konkurrenz von gegenüber will die Frau mit dem mittlerweile zugelegten Künstlernamen „Irina Palm" abwerben.

Diese teils recht unterhaltsamen und amüsanten Momente sind selten gesät, der schwermütig-ernsthafte Ton überwiegt dann doch in dieser Tragikomödie, erst recht, als der Sohn von Maggie herausfindet, wie sie ihr Geld verdient und er mit den wüstesten Beschimpfungen gegen sie völlig ausrastet. Hier hätte der Film allerdings ruhig tiefer bohren können, wie Tom dazu kommt, derart falsch seine - im Ansatz ja durchaus nachvollziehbaren - Moralvorstellungen gegenüber der nunmehr ermöglichten Behandlung seines Sohns überzugewichten, den Standpunkt kann der Zuschauer somit nur schwerlich nachvollziehen. Im Sinne einer Interessenabwägung müssten doch seine Überlegungen eigentlich zugunsten seines kranken Sohnes ausfallen. Genauso bleibt im Dunkeln, warum in der Vergangenheit das Verhältnis zwischen der Schwiegertochter Sarah und Maggie stets ein unterkühltes war, doch das Schicksal von Olly das Eis tauen lässt. Insgesamt wirkt die Verschiebung der emotionalen Gefühlsebenen etwas unausgegoren auf den Betrachter, was allerdings nicht die Anteilnahme insgesamt abmildert.

Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, ist die an anderen Stellen oft geäußerte Kritik eines zu romantischen Ausgangs des Films. Ob der todkranke Olly am Ende seinen schwersten Kampf gewinnt, ist letztendlich ebenso offen gelassen wie die Wiederherstellung der familiären Harmonie, denn obwohl sich Maggie und ihr Sohn wieder versöhnen, sieht es irgendwie nach einem Burgfrieden aus, denn der zuvor erfolgte heftige Ausbruch wird nicht mit einer zaghaften Umarmung vom Tisch gewischt werden können. Vielmehr ist es der Fantasie, und dem eigenen Wunschdenken überlassen, wie es weitergeht, und das ist für mich ein zutiefst zufrieden stellendes Ende. Und auf jeden Fall Respekt und Hut ab für die schauspielerische Leistung einer großartig aufgelegten Marianne Faithfull, die auf eindrucksvolle Art einem einfachen Charakter eine persönliche Note verleiht und zeigt, wozu man im Leben fähig ist, auch wenn man wie hier quasi dazu gezwungen wurde, sich selbst etwas zu beweisen. Und so gesehen ist der Film dann doch ein zutiefst optimistischer geworden und dazu auch noch ein sehr sympathischer...

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