Einen brauchbaren Teenagerfilm ohne erhöhten Sexanteil, flache Witze und das nötige Quantum an Körperflüssigkeiten, gibt’s das denn überhaupt noch, möchte man fragen.
Gottseidank ja, denn „Charlie Bartlett“, inszeniert von dem langjährigen Cutter Jon Poll, ist eine der segensreichen Ausnahmen in dem Minenfeld an albernen Geschmacklosigkeiten, mit denen das Publikum in den letzten Jahren bombadiert wurde, bis es wirklich glaubte, kein Niveau sei das Erstrebenswerte.
Es ist eine einfache, geradezu biedere Geschichte, die hier erzählt wird, die Story eines sehr intelligenten, aber schon früh in die Erwachsenenrolle gezwungenen Teenagers ohne starken elterlichen Background, der sein Glück nach vielen Fehltritten, die ebenso kreativ wie illegal waren, an einer öffentlichen Schule versuchen muß und dort zu einer Art Psychiater, Arzt und guter Seele mutiert; endlich seinen Traum von Akzeptanz und Ansehen erfüllen kann und doch lernen kann, daß das nicht alles im Leben ist und ein wenig Kindheit zur angebrachten Zeit jedem zusteht.
Alles steht und fällt bei einer solchen Story (wie schon etwa bei „Ferris Buellers Day Off“) mit dem Hauptdarsteller, der ebenso unterhaltsam wie komplex angelegt werden muß und mit Anton Yelchin von genau dem Richtigen ausgefüllt wird. Yelchin, gebürtiger Russe, belegte schon in „Hearts in Atlantis“, was er kann und war so ziemlich der einzige Grund „Alpha Dog“ schauspielerisch zu ertragen – hier reißt er eine Leistung vom Stuhl, die das Publikum wahrhaftig umhaut, sympathisch, hintergründig, wandlungsfähig und dennoch liebenswert (womit er Matthew Broderick letzteres voraus hat). Mit viel Drive und Enthusiasmus reißt Yelchin geradezu unmerklich alle Szenen an sich und läßt einen gestandenen Mimen wie Robert Downey jr. alt aussehen.
Der stellt übrigens den alkoholabhängigen Schuldirektor dar, der in seiner frustrierten Form der Selbstaufgabe geradezu erstarrt ist (ein hübscher Gegensatz zu Bartletts Aktionismus) – und ist gleichzeitig auch noch der Vater von Charlies Freundin (dargestellt von einer absolut bezaubernden Kat Dennings, die weder eine typische Schönheit, noch eine muntere Querdenkerin darstellt, sondern etwas beinahe Natürliches dazwischen), was zusätzliche Konflikte verursacht.
„Charlie Bartlett“ soll dabei vor allem eines sein: amüsant und ein wenig nachdenklich, genau in dieser Reihenfolge. Im Wesentlichen erreicht er nur das erste Ziel, das aber wiederum mit Hingabe. Wie auf Autopilot steuert der Film immer genau dahin, wo man ihn nicht erwartet, umschifft die Klischeeklippen in der Regel geschickt (so baut Charlie etwa einen florierenden Medikamentenhandel mit dem Schulrüpel auf) und liefert immer wieder originelle Einfälle und Wendungen, die erfrischend und nicht erwartungsgemäß ausfallen.
Das führt zu vielen witzigen Sequenzen, aber stets mit einem ernsten Kern: Charlies Mutter ist eine lebensuntüchtige Leidensfee, der Vater sitzt im Gefängnis, die Mitschüler sind teilweise ernster gefährdet, als das Charlie’s Laienpsychiatrie auf Dauer helfen könnte.
Charlie selbst geht vor allem um sein Ansehen, um das Gemochtwerden und damit liegt er gerade bei High School-Themen voll im Trend, doch stets wartet an jeder Wegbiegung eine neue kleine Erkenntnis, die einen weiterführt.
Leider sind es gerade diese Erkenntnisse, die den Film zwar überaus solide und qualitativ gut machen, alles aber immer mit einer leichten Patina der Biederkeit überziehen – neue Teenager-Erkenntnisse lassen sich aus dem Film kaum beziehen. Der Höhepunkt, eine Auseinandersetzung zwischen Schüler und Rektor, ist dann auch weniger überhöht, als vielmehr hochdramatisch, zieht sich aber dann doch auf eine sehr konservative, wenig risikoreiche Position zurück: Ein Kind ist eben ein Kind und verdient die Hilfe der Erwachsenen, womit er den Rest des Films dann doch in gewisser Weise Lügen straft, denn bis dahin wurde immer wieder das Gegenteil postuliert, nämlich daß die Kinder wesentlich kreativer sind, wenn man sie auch mal machen läßt.
Insofern bietet „Charlie Bartlett“ also auch keine Lösungen, gibt aber immerhin eine positive Richtung vor, mit der man auch etwas anfangen kann, ohne alles gleich ins Reich der Teenagerfilmfantasie abschieben zu müssen.
Leicht und unprätentiös kommt das Ergebnis daher und wenn auch nicht jede Idee bis auf die Spitze getrieben wird, so kann man das entweder bedauern oder einfach mal genießen, falls die Sauforgien und Schürzenjägereien nach der Unschuld (die übrigens hier auch auf sehr erfrischende Art verloren wird) einem noch nicht den ganzen Geschmacksinn geraubt haben. Sehr erfreuliche 8/10!